13. Juli 2026 11:00

Ausgestahlfedert Time To Say Goodbye

Mein bis auf Weiteres letzter „Freiheitsfunken“

von Michael Werner drucken

Auch die härteste Stahlfeder braucht mal eine Auszeit!
Bildquelle: Eigenes Bild Auch die härteste Stahlfeder braucht mal eine Auszeit!

Als André F. Lichtschlag im Spätsommer 2022 sein neues Projekt in Angriff nahm, das Portal „Freiheitsfunken“, war ich glücklich und stolz, zu den Auserwählten zu gehören, die dort einen festen Wohnsitz erhalten sollten. Und so fand ich mich wieder zwischen lauter Autoren, von denen die meisten schon Bücher geschrieben oder zumindest irgendwas Erwähnenswertes geleistet hatten. Zunächst ungläubig, doch dann verstehend: Jede Klasse braucht ihren Klassenclown, jede Gesellschaft ihren Paradiesvogel, und das war dann wohl meine Rolle hier.

Gleichzeitig bin ich der „libertäre Problembär“, einerseits durch mein Faible für die heikelsten Themen, andererseits durch einen Humor und eine Wortwahl, die nicht jedermanns Sache sind, auch auf der Freundesseite. Und natürlich, weil ich einen Heidenspaß daran habe, den Staat, seine Institutionen und vor allem seine Protagonisten aufs Übelste zu „verunglimpfen“, um es mal zurückhaltend auszudrücken. Noch mehr Spaß (um nicht von einem „guilty pleasure“ zu sprechen) habe ich daran, das dann auch vor Gericht auszudiskutieren und notfalls durch alle Instanzen zu prügeln. Ständig habe ich mindestens drei bis vier Verfahren gleichzeitig laufen, allesamt wegen Wortverbrechen. Dazu werde ich noch fleißig vom Verfassungsschutz beobachtet, Phänomenbereich „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Wahrscheinlich bin ich sogar der einzige Bekloppte im ganzen Land, der sich darüber halbtot gefreut hat, als er davon erfuhr, und eher am Boden zerstört gewesen wäre, wenn es nicht so wäre, denn dann hätte ich jahrelang völlig umsonst rumgepöbelt. Wie auch immer: Wer mich auf seiner Plattform publizieren lässt, und zwar frei Schnauze, dem ist entweder alles scheißegal oder er hat verdammt dicke Eier. Und ich weiß, dass André hier nichts scheißegal ist.

Seitdem sind 180 Kolumnen vergangen. Ich habe so gut wie immer geliefert, fast jede Woche, sogar aus dem Urlaub, mit der Ausnahme vom letzten Jahr, weil ich auf dem Kreuzfahrtschiff kein Internet hatte – und ehrlich gesagt, ausnahmsweise auch mal keinen Bock.

Ich bin nicht der Typ, der libertäre Thesen diskutiert oder gar aufstellt – da höre ich lieber mit offenem Mund jenen zu, die das wirklich können. Warum sollte ich also etwas schreiben, das man auch bei Stefan Blankertz lesen könnte, nur in tausendmal besser? Meine Lieblingsthemen sind Meinungsfreiheit mitsamt der permanenten Angriffe auf selbige und die staatlich gelenkte Lügenmaschinerie des politmedialen Komplexes – all das maximal scharf ausformuliert, gnadenlos auf die Fresse und möglichst dargelegt anhand tagesaktueller Ereignisse.

Letzteres stellt jedoch eine enorme Herausforderung dar, wenn man dazu verdammt wurde, am Montagmorgen die erste Kolumne der Woche zu liefern, um es mal offen auszusprechen: Die meisten spannenden Sachen passieren in den ersten Arbeitstagen. Freitags geht’s schon ins Wochenende, und dann ist Ruhe. Außer es gibt Wahlen, doch die finden (außer in den USA) meist sonntags statt und fallen daher hinter meinen Redaktionsschluss. Wenn ich – meist am Samstag – meine Kolumne schreibe, sind die großen Themen der vergangenen Woche schon von allen Seiten ausführlich beleuchtet worden und holen am Montag keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Es sei denn, es gelingt mir, einen halbwegs relevanten Aspekt daran zu finden, den noch keiner gebracht hat. Und selbst das wird eng, wenn sonntags gewählt wurde oder am Montagmorgen bereits etwas Aufregendes passiert ist.

Es war auch eine Belastung, dieses Zeitkorsett zu tragen, also zu wissen, ich muss bis spätestens Freitagabend ein Thema finden und am Samstag etwas schreiben, das am Montagmorgen noch jemanden interessiert. Zwei Aspekte haben mir dabei besonders zu schaffen gemacht: Zum einen hatte ich unter der Woche während der aufregenden Ereignisse ständig schon die fertige Kolumne dazu fast im Kopf und hätte sie am liebsten direkt rausgehauen. Doch das Wissen, dass die erst am Montag rauskommt, wo doch laut dem alten Sprichwort nichts älter ist als die Zeitung von gestern, was im digitalen Zeitalter noch gnadenloser gilt als früher, hat mich dann ausgebremst und meine Leser leider um etliche tolle Kolumnen gebracht, die nie geschrieben wurden. Zum anderen die zum Wochenende hin wachsende Panik, am Samstagmorgen ohne Thema dazustehen, das mich richtig kickt, denn nur dann kickt es auch die Leser.

Mein größtes Problem war ich jedoch selbst: Jedes Mal nahm ich mir fest vor, diesmal nur meinen Punkt zu bringen, den ich als den Mehrwert sah, weil es ihn nirgends anders gab. Und ich bin dann grandios an mir selbst gescheitert, weil ich befürchtete, dass jemand, der nicht so richtig im Thema drin ist, meinen Punkt gar nicht verstehen kann. Deshalb startete ich mit einer umfassenden Einführung in die Thematik, um wirklich jeden abzuholen. Dabei fielen mir dann plötzlich tausend andere Punkte ein, und ich brachte es nicht übers Herz, meinen Lesern auch nur einen davon vorzuenthalten, wobei ich durchaus mal vom Hölzchen aufs Stöckchen kam. Und schon hatte das Ding wieder Überlänge, und ich hatte den gesamten Samstag dafür aufgebracht – also die Hälfte dessen, was normale Menschen „Wochenende“ nennen, an dem sie sich von der Arbeit erholen, statt wie ein Wahnsinniger weiterzuarbeiten.

Nach fast vier Jahren bin ich zugegebenermaßen etwas ausgelaugt und träume davon, am Wochenende einfach nur die Seele baumeln zu lassen, ohne den Druck, den ich mir – ebenfalls zugegebenermaßen – selbst gemacht habe.

Allerdings gibt es da einen weiteren Aspekt, den ich nicht verschweigen möchte, denn noch jemand hat gelitten: André F. Lichtschlag! Ich weiß, dass er jeden Montagmorgen erst mal meine Kolumne nach Gründen gecheckt hat, eine SEK-Stürmung seiner Redaktionsräume befürchten zu müssen. Mehrere Male musste ich ihm hoch und heilig versprechen, dass alles wohlüberlegt, gegengecheckt, wasserdicht und nicht justiziabel ist. Dabei erfuhr ich, dass ein Spruch wie „den Prozess gewinnen wir“ keineswegs eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte, denn im Gegensatz zu mir wollte er – wie eigentlich jeder normale Mensch, der meine wohl pathologische Obsession für Gerichtsverfahren nicht teilt – Prozesse nur im absoluten Notfall gewinnen, vornehmlich jedoch eher vermeiden. Mein Versprechen, die Konsequenzen zu tragen, insbesondere die Kosten, sollte es doch mal zu echtem Ärger kommen wegen meiner Äußerungen auf „Freiheitsfunken“, konnte ihn nie hundertprozentig beruhigen, was ich auch bestens verstehen kann.

Nun haben wir uns darauf geeinigt, dass es mit meiner 180. Kolumne enden soll: Ich bin den Druck und das Korsett des wöchentlichen Erscheinungstermins los, und er die montägliche Sorge um den Erhalt seines Lebenswerks und seiner wirtschaftlichen Existenz.

Doch meine Feinde haben sich zu früh gefreut, falls sie dachten, jetzt isser endlich ruhig: Stattdessen werde ich wieder häufiger Artikel für das „eigentümlich frei“-Printmagazin schreiben. Ohne Zeitdruck, ohne den Zwang des aktuellen Bezugs und endlich auch mal wieder zu einem Thema, das immer schon mein Herzblut war, lange bevor mich die äußeren Umstände in die Staatsdelegitimierung trieben: Musik!

Ganz sicher wird es mich auch weiterhin innerlich drängen, libertäre Kolumnen zu schreiben – jedoch zu keinem festen Termin mehr, sondern immer nur dann, wenn mir gerade danach ist und mich ein Thema anspringt. Wo und in welcher Form ich sie veröffentlichen werde, weiß ich noch nicht; das wird die Zeit zeigen. Vielleicht ja auch als Video, allein schon, weil ich mir im Laufe der Jahre so viel Video-Equipment gekauft habe, das meist ungenutzt herumliegt, was eine Schande ist.

Abschließend möchte ich nun meinen geschätzten Lesern danken, dass sie mir hier fast vier Jahre lang die Treue gehalten haben. Bitte bleiben Sie den „Freiheitsfunken“ auch weiterhin treu, denn jeder Artikel hier ist lesenswert! Danke auch für die vielen netten Worte in Form von Kommentaren, Zuschriften, privaten Nachrichten und persönlichen Ansprachen auf libertären Veranstaltungen – das hat mein Herz berührt und mich bei der Stange gehalten! Und ganz besonders danke ich André F. Lichtschlag, dass ich hier schreiben durfte, unter all diesen Hochkarätern – es war mir eine Ehre!

¡Viva la libertad, carajo!


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