Kritik der Praxeologie, Teil 2: Über die Kooperation
Warum die Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist
Über die Kooperation
Von Mises betrachtete „menschliches Handeln“ offenbar in dem Sinne als empirisch flach, dass doch jeder über Bewusstsein verfügende Mensch immer schon wisse, was Handeln sei. Tatsächlich ist dem Axiom ein begrenzter empirischer Gehalt nicht abzusprechen, doch ist Handeln tatsächlich nicht das, wofür von Mises es hielt, wie ich im ersten Teil dieser Kritik gezeigt habe. Aus von Mises’ Handlungsbegriff folgt nicht, dass der Mensch in der außerordentlichen Weise mit Seinesgleichen kooperiert, wie wir das beobachten.
Kooperatives Handeln hat neben dem offensichtlichen Vorteil auch einen erheblichen biologischen Nachteil: Trittbrettfahrer. Kooperation bedeutet aus der „Sicht“ des egoistischen Gens nämlich, die Fortpflanzungschancen eines Nichtverwandten zu erhöhen. Da Kooperation ein Positivsummenspiel ist, verbessert sie zwar auch die eigene Position, aber noch mehr verbessert sie sie für einen Handelnden, wenn dieser unter dem Deckmantel der Kooperation allein den Gewinn einstreicht. Ein Beispiel sind die Grünen Meerkatzen, bei denen rangniedere Tiere, die eigentlich zuletzt essen dürften, falsche Warnrufe ausstoßen, um die Gruppe von der Futterquelle zu vertreiben, um zuerst zu essen.
Um zu vertiefter Kooperation (Tiere kooperieren auch, sind darin aber begrenzt) fähig zu werden, musste der Mensch sich biologisch dahin entwickeln. Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die außergewöhnliche Größe des menschlichen Gehirns vor allem durch seine sozialen Fähigkeiten bedingt ist. Der Mensch unterscheidet sich von allen Tieren durch zwei Besonderheiten: Er verfügt über eine sogenannte „Theory of Mind“, also die Fähigkeit, die inneren „geistigen“ Zustände eines anderen Menschen zu modellieren. Außerdem funktionieren die sogenannten Spiegelneuronen beim Menschen anders als bei Tieren. Sie sind nicht nur aktiv, wenn ein Verhalten beobachtet wird, sondern auch, wenn dieses bloß modelliert wird. Beides ermöglicht das, was wir „Verstehen“ nennen.
Es ist offensichtlich, dass Verstehen die Kooperation erleichtert und völlig neue Dimensionen der Kooperation ermöglicht. Doch tritt ein Vorteil von Kooperation nicht automatisch ein, es müssen auch Trittbrettfahrer verhindert werden. Deshalb muss Verstehen auch die Motive des Anderen, also seinen „tiefen“ geistigen Zustand, umfassen. Jeder muss ein Alltagspsychologe sein, und es muss eine belohnende Reaktion bei Vorliegen „richtiger“ Motive und eine bestrafende Reaktion beim Vorliegen „falscher“ Motive erfolgen. Deshalb gibt es eine Reihe von Emotionen, die nur beim Menschen vorkommen: Scham, Schuld, Neid, Eifersucht, Mitgefühl, Verlegenheit, Stolz, Dankbarkeit. Der Psychoanalytiker Michael Lewis nennt diese „ichbewusste Emotionen“. Sie unterstützen Kooperation und helfen, Trittbrettfahrer zu verhindern. Das funktioniert gut in überschaubaren Gruppen, wo die ichbewussten Emotionen evolutionär entstanden, jedoch nicht mehr in komplexen Gesellschaften, weil das Individuum nicht mehr jeden Kooperationspartner gut genug kennen kann.
Ein Problem ist damit aber noch nicht gelöst. Das Verhalten eines Organismus ist das Ergebnis eines sehr komplexen Gefechts von Ursache-Wirkungszusammenhängen von äußeren und inneren Faktoren. Wie soll ein menschliches Gehirn diese Komplexität modellieren? Das kann selbst das große Gehirn des Menschen nicht. Das Gehirn macht das, was es immer tut: Es schafft sich ein vereinfachendes Modell. Dieses Modell unterstellt, dass der andere Mensch die alleinige Ursache seiner Handlung ist. Da er ein Mensch ist und ich ein Mensch bin, bedeutet das, dass auch ich die alleinige Ursache meiner Handlungen bin. Es ist mein „Ich“, das handelt, und auch der Andere handelt als ein „Ich“. Dieses bewirkt die Subjekt-Objekt-Trennung, die unser typisch menschliches Erleben durchzieht und der wir kaum entkommen können. Auch Kausalität ist ein vereinfachendes Modell, was schon David Hume erkannte, und bei allen Säugetieren vorhanden. Derartige Modelle sind a priori, also die Voraussetzung dafür, dass wir die Welt in einer Weise erkennen, die unsere biologische Fitness gewährleistet.
In der Folge handelt der Mensch zunächst nach wie vor wie ein Tier, interpretiert sein Handeln aber anders. Zu dem Handeln wie ein Tier tritt ein zusätzliches „Feedbacksteuerungssystem“, wie der Biologe Michael Tomasello das nennt, hinzu. Das bedeutet faktisch dann aber, dass er oft dann doch nicht wie ein Tier handelt, sondern als ein „Ich“. (Das philosophische Willensfreiheitsproblem basiert auf dieser Verwirrung.) Tiefe Kooperation ist nur einem „Ich“ möglich. Ausgerechnet diesen Aspekt des menschlichen Handelns, wozu es erst zu wirklich menschlichem Handeln wird, betrachtet von Mises nicht explizit, sondern setzt es immer schon voraus. Von Mises wusste natürlich, dass der Mensch irgendwie anders handelt als ein Tier und verweist wohl deshalb auf das menschliche Bewusstsein als Alleinstellungsmerkmal. Niemand weiß aber wirklich, was „Bewusstsein“ überhaupt ist. Es hat sich parallel zur oben geschilderten Entwicklung zu tiefer Kooperation entwickelt, ist also zweifellos daran beteiligt. Es ist jedoch nicht erkennbar, warum allein die Fähigkeit, sich sein Handeln bewusst zu machen, tiefe Kooperation ermöglichen sollte. Faktisch betreibt der Mensch tiefe Kooperation auch dann, wenn er unbewusst handelt.
Tiefe Kooperation hat einen altruistischen Aspekt. Die Überlebenschancen der Gene eines Nichtverwandten werden verbessert. Das macht aber nur dann Sinn, wenn auch die eigenen Überlebenschancen verbessert werden. Deshalb nennt der Biologe Robert Trivers das Phänomen „reziproker Altruismus“. Dieser Begriff ist im Grunde ein anderes Wort für „Tausch“. Das Mittel des tief kooperierenden Menschen ist der Tausch. Alles wird getauscht, nicht nur materielle Güter, sondern auch zum Beispiel Hilfeleistungen, Expertise, Prestige, Respekt, Zugehörigkeit, Schutz, Status, Ehre. Dieser Tausch ist aber ursprünglich kein ökonomischer Tausch, sondern folgt der vom Anthropologen Marcel Mauss beschriebenen Tauschregel „Geben, Annehmen, Erwidern“. Diese besagt, dass ein Tauschobjekt altruistisch gegeben wird und angenommen werden muss, weil eine Nichtannahme eine ehrverletzende Misstrauensbekundung wäre. Damit ist der Vorgang aber nicht abgeschlossen, sondern der Geber erwartet eine Erwiderung, die aber nicht zeitlich unmittelbar erfolgt. Auch das wäre ehrverletzend, weil Egoismus unterstellend. Eine Erwiderung kann durchaus erst ein Jahr später erfolgen, eine Zeitpräferenz ist nicht erkennbar. Der Tausch ist abgesichert durch die Emotion der Schuld beim Empfänger, die diesem nicht notwendigerweise bewusst sein muss. Der Soziologe Peter Michael Blau hat gezeigt, dass derartige Tauschbeziehungen auch heute noch unsere Gesellschaft durchziehen und maßgeblich sind, beschränkt sich jedoch auf die mikrosoziologische Ebene. Aber auch der Staat basiert als abstrakter Tauschpartner auf derartigen Tauschbeziehungen, wie dies die Public-Choice-Theorie herausgearbeitet hat, die allerdings nicht klar den Charakter der unterschiedlichen Tauschformen zwischen Staat und Markt unterscheidet. Staat und Markt sind spontane Ordnungen, die auf einer unterschiedlichen Tauschstruktur beruhen.
Der ökonomische Tausch unterscheidet sich vom Tausch gemäß Tauschregel durch eine klare Zeitpräferenz, ein Phänomen, welches von kooperierenden menschlichen Kleingruppen evolutionär erst in jüngerer Zeit „überschrieben“ wurde und deshalb als Verhaltensmöglichkeit immer noch vorhanden ist. Die Erwiderung erfolgt beim ökonomischen Tausch entweder sofort oder wird vertraglich abgesichert abgezinst, sodass er mit der Regel „Gegen, Annehmen, Geben, Annehmen“ gekennzeichnet werden kann. Aus der moralischen Sicht des nach der Tauschregel Tauschenden drückt sich darin allerdings Misstrauen und/oder Egoismus beziehungsweise Gier aus. Dies ist der Grund, warum ökonomischer Tausch seit Anbeginn von vielen Menschen als moralisch fragwürdig empfunden wurde und wird. Tatsächlich entsteht der ökonomische Tausch aber nicht aus Egoismus oder Gier, sondern aus Misstrauen – und zwar ein berechtigtes Misstrauen angesichts der Tatsache, dass es in einer komplexen Gesellschaft unmöglich ist, jeden gut genug zu kennen.
Sozialismus ist die Idee, dass das gesellschaftliche Gesamtergebnis dann am besten sei, wenn jeder altruistisch handele und durch das gute Gesamtergebnis dann auch jeder Einzelne profitiere. Die Tauschregel wäre so erfüllt. Das funktioniert aber deshalb nicht, weil die Tauschregel in komplexen Gesellschaften so unüberschaubare Tauschbeziehungen schafft, dass die Erwiderung nicht mehr nachvollziehbar ist oder auch nur vorgetäuscht sein kann. Das schafft die allerbesten Voraussetzungen für Trittbrettfahrer, also für Korruption. Der Sozialismus als der Versuch, die Moral der paläolithischen Kleingruppe auf eine Großgesellschaft zu übertragen, scheitert notwendigerweise daran, dass er keine reziproken Tauschbeziehungen herstellen kann. Es gibt kein gutes Gesamtergebnis wegen der Trittbrettfahrer, und deshalb ist niemand zu altruistischem Handeln motiviert, und jeder möchte Trittbrettfahrer sein.
Der ökonomische Tausch schafft aber reziproke Tauschverhältnisse, denn es kommt nur dann überhaupt zu einem Tausch, wenn die Tauschpartner bereits im Moment des Tausches in voller Eigenverantwortung der Meinung sind, dass sie profitieren. Der ökonomische Tausch ist deshalb eine Antwort auf die Komplexität der menschlichen Tauschverhältnisse, die durch seinen biologischen Erfolg eingetreten sind. Der ökonomische Tausch folgt nicht direkt aus der Tatsache, dass der Mensch handelt; tatsächlich ist er sogar behindert durch Hemmnisse aus ichbewussten Emotionen, die sich evolutionär unter ganz anderen Lebensverhältnissen des Menschen entwickelt hatten. Der ökonomische Tausch ist aber die einzige Möglichkeit, in komplexen Gesellschaften das Trittbrettfahrerproblem in den Griff zu bekommen.
Quellen:
Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
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