Gesellschaft: Razzien nach eskaliertem Clan-Treffen in Leverkusen
Symptom eines verlorenen Gemeinschaftssinns
von Yorck Tomkyle drucken
Nach einem gewaltsam eskalierten Treffen einer Großfamilie in Leverkusen durchsucht die Polizei mehrere Objekte. Im Zentrum der Ermittlungen stehen drei mutmaßliche Rädelsführer. Anlass ist ein Vorfall vom Ostersonntag, bei dem rund 50 Personen in einer ehemaligen Shisha-Bar gefeiert haben sollen, Beamte nach Lärmbeschwerden anrückten und bei der Attacke drei Polizisten verletzt wurden, darunter eine Beamtin mit verlorenen Zähnen und ein Kollege mit Armbruch.
Man erkennt an solchen Vorgängen den Zustand einer Gesellschaft, die sich längst mit Sonderzonen des Rechts abgefunden hat. Wo eine Gewaltstruktur sich so offen formiert, dort versagt nicht nur die Polizei im Moment des Einsatzes, dort ist zuvor schon etwas Grundsätzliches verloren gegangen: die Bindung an Eigentum, an Rücksicht, an die schlichte Einsicht, dass Frieden ohne Selbstbegrenzung nicht zu haben ist. Der Flaschenwurf gegen Beamte ist kein bloßer Ausrutscher, sondern Ausdruck einer Kultur, in der Macht dort gesucht wird, wo Verantwortung fehlt.
Dass nun Razzien folgen, ist nachvollziehbar. Doch der eigentliche Skandal liegt tiefer. Ein Gemeinwesen, das solche Eskalationen immer wieder nur mit mehr Zugriff, mehr Ermittlungsgruppen und mehr Durchsuchungen beantwortet, verrät seinen eigenen Verfall. Die Verwaltung tritt dann als Reparaturbetrieb eines beschädigten Gemeinwesens auf, nachdem sie dessen Ordnung schon zu lange bloß verwaltet statt verteidigt zu haben. Aus Bürgern werden Zuschauer eines endlosen Kontrollkreislaufs.
Die Sprache verrät diesen Zustand fast ebenso sehr wie die Tat selbst: „Rädelsführer“, „Beschuldigte“, „Objekte“, „Ermittlungsgruppe“. Alles klingt nach Akte, nach Verfahren, nach Zuständigkeit. Was fehlt, ist der einfache Respekt vor der Person des anderen, vor dem Eigentum, vor der Grenze. Wo solche Tugenden schwinden, wächst die Nachfrage nach Behördenmacht. Der moderne Staat tritt dann nicht mehr als Schutz der Freiheit auf, sondern als Krückstock einer müden Ordnung.
Gerade deshalb sind diese Razzien mehr als ein Polizeivorgang. Sie sind ein Symptom dafür, wie weit die Verwandlung freier Verhältnisse in eine verwaltete, nervöse und konfliktsatte Gesellschaft schon gediehen ist. Wer jede Selbstbindung verliert, bekommt am Ende nicht mehr Freiheit, sondern mehr Zugriff. Und der Preis dafür heißt immer: weniger Bürger, mehr Untertanen.
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