Anthropologische Grundlagen der Ökonomie, Teil 2: Die Einzigartigkeit des menschlichen Tauschens
Was macht den Menschen zum Menschen? The Human Spark.
Die Einzigartigkeit des menschlichen Tauschens
Tauschen ist in der menschlichen Welt so allgegenwärtig, dass es leicht zu übersehen ist. Nicht zu übersehen ist es, wenn man an der Supermarktkasse seinen Einkauf bezahlt. Tauschen tritt aber nicht nur als ökonomischer Tausch auf, sondern berührt sehr viele menschliche Handlungen, weil es sich immer dann um einen Tausch handelt, wenn wir kooperieren. Hilfeleistungen, Expertise, Prestige, Respekt, Zugehörigkeit, Schutz, Status, Ehre, die Liste ist fast unendlich. All diese Dinge als getauscht zu betrachten, mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Aber all das gibt es in der Welt der Tiere allenfalls ansatzweise, am fortgeschrittensten beim Schimpansen, nie aber in der Ausprägung, wie wir es beim Menschen finden.
Dass der Mensch glaubt, sich vom Tier zu unterscheiden, ist uralt. Jeder kennt die Geschichte, dass es der Werkzeuggebrauch sei, der diesen Unterschied ausmache. Und dann wurde das empirisch widerlegt, weil nicht nur Primaten, sondern auch Vögel Werkzeuge nicht nur gebrauchen, sondern auch herstellen. Wollen wir uns also mit unserem Gefühl der Andersartigkeit bloß über die Tiere erheben? Die Frage ist zweifellos berechtigt. Es bedarf empirischer Belege, um eine solche Behauptung zu begründen. Evolutionsbiologen, Primatologen, Psychologen, Archäologen kooperieren in der evolutionären Anthropologie, um diese zu finden. Es ist die Suche nach dem „Human Spark“.
Es gibt eine Vielzahl von Merkmalen, in denen sich Menschen von Tieren unterscheiden, die wechselseitig voneinander abhängen. Deshalb ist es nicht möglich, eine einfache Antwort zu geben, was denn genau der „Human Spark“ sei. Einen sehr aktuellen Überblick über den Stand der Diskussion gibt der Anthropologe Joseph Henrich in seinem neuen Buch „The Secret of Our Success“. Er rekonstruiert eine enge Verzahnung von biologischer und kultureller Evolution, die zur Einzigartigkeit des Menschen führte. Dabei prägt die kulturelle Evolution die genetische Evolution über Zeiträume von 10.000 bis 100.000 Jahre. Die Funktionsweise unseres Gehirns, also unsere Biologie, kann sie jedoch auch in kürzeren Zeiträumen verändern. Das sehen wir am Beispiel der Beherrschung der Schrift.
Als genetisch bedingte Besonderheiten des Menschen macht er dabei vor allem Folgendes aus: Menschen imitieren Ihresgleichen selbst dann, wenn sie ihr Handeln nicht verstehen. Schimpansen tun das nicht in gleichem Ausmaß. Menschen schauen nicht zuerst in die Welt, sondern in ihre Gruppe. Das ist die Grundlage der Kultur. Menschen befolgen soziale Regeln, die sie nicht verstehen, und deren Verletzung erzeugt „strafende“ Emotionen wie Schuld, Scham oder Empörung. Der Mensch wurde nicht intelligent und entwickelte dann Kultur, sondern Kultur machte den Menschen intelligent, und Intelligenz ist in hohem Maße, als Folge der Kultur, genetisch bedingt. Henrichs zentrale Botschaft ist, dass es beim Menschen zu einer Gen-Kultur-Koevolution kommt. Ein Ergebnis ist ein Ausmaß an Kooperation, welches im Tierreich beispiellos ist, weil es auch die Kooperation mit Nichtverwandten umfasst. Henrich bezieht sich auf Trivers Begriff des „reziproken Altruismus“, den er aber für nicht ausreichend hält, weil dieser nicht die kulturelle Komponente der Entwicklung mit umfasse. Allerdings ist seine Darstellung gar kein Widerspruch zu Trivers, der ja nur erklärt hat, warum Kooperation mit Nichtverwandten kein Widerspruch zum „egoistischen Gen“ Richard Dawkins ist.
Henrich betrachtet die menschliche Einzigartigkeit nicht als ein rein genetisches, sondern ein biologisch-kulturelles Phänomen. Austausch mit Nichtverwandten bedarf demnach sowohl einer biologischen Grundlage als auch kultureller Normen, weil sich beides gegenseitig bedingt. Für ihn ist der „Human Spark“ dieser Prozess der Gen-Kultur-Koevolution und nicht irgendein einzelnes ihrer Ergebnisse. Das bedeutet aber dennoch, dass menschliches Handeln ohne die Betrachtung der besonderen menschlichen Biologie nicht verstehbar ist. Nicht nur ein, sondern viele Besonderheiten unterscheiden den Menschen vom Tier, und eine ist der Tausch mit Nichtverwandten. Er kann sogar mit Angehörigen einer anderen Art stattfinden, wie ich als Katzenbesitzer weiß. In gleicher Weise basiert auch die menschliche Sprache auf genetischen Grundlagen. Ihre jeweilige Ausprägung, auch in ihrer Komplexität, variiert kulturell.
Auch wenn die genaue evolutionäre Genese des reziproken Altruismus unklar ist, wie auch die der Sprache, so ist doch unbestritten, dass dieser eine genetische Komponente hat. Experimentell kann man zeigen, dass Kinder schon in einem Alter altruistisch sind, in dem sie noch gar keine sozialen Regeln erlernt haben. Und das bedeutet, dass eine bestimmte Haltung zur Welt schon vor jeder Erfahrung eingenommen wird, a priori, um Kants Begriff zu gebrauchen.
Für einen nestbauenden Vogel ist das Konzept von „Nest“ a priori. Er braucht den Nestbau nicht erlernen, weil das Konzept genetisch fixiert ist. Obwohl Kant vor Darwin gelebt und deshalb keinen Begriff von biologischer Evolution hatte, erkannte er, nachdem er David Hume gelesen hatte, dass unsere Erkenntnis nicht die Welt abbildet, sondern diese strukturiert. Hume argumentierte, dass unsere Augen lediglich wiederholt zeitlich nahe beieinanderliegende, aufeinanderfolgende Ereignisse sehen, und unser Geist daraus einen Ursache‑Wirkungs‑Zusammenhang macht. Kant nannte Kausalität deshalb a priori. Kausalität existiert nicht in der Welt, sondern in unserem Geist, sie funktioniert nicht in der Quantenwelt und Eidechsen kommen ganz ohne sie durchs Leben. Kausalität und die Ziel‑Mittel‑Struktur des Handelns teilen wir mit den Säugetieren.
A priori ist die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis. Aus einer a priori‑Struktur kann keine Schlussfolgerung über die Welt erfolgen. Aus „Kausalität“ folgt nicht „Alles in der Welt ist kausal“. Aus „Ich bin als unbewegter Beweger die Ursache meiner Handlung“ folgt nicht „Alles wurde von einem Gott erschaffen“. In den Worten Kants: „Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts; deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe). (...) Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (KrV, A 50–51 / B 74–75) (KrV B 148–149) Apriorische Anschauungen können nur Erkenntnis über die Welt liefern, wenn sie auf Erfahrungen angewendet worden sind. „Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich also durch die bloße Vernunft auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, ohne zu bestimmen, ob diese die unsrige oder irgendeine andere sei, doch sind sie eben darum bloße Gedankenformen, durch die noch kein bestimmter Gegenstand erkannt wird.“
Wenn es einen „Human Spark“ gibt, dann gibt es ausschließlich menschliche Anschauungen, die a priori sind. Um „tief“ zu kooperieren, muss der Mensch seinen Kooperationspartner verstehen, das heißt ihn mental modellieren; „mentalisieren“ nennt Henrich das. Dieser ist jedoch zu jeder Zeit in Weltbezüge eingebettet, so dass es viel zu komplex ist, dieses Netz kausaler Zusammenhänge zu modellieren. Das Gehirn vereinfacht die Sache, indem es den Partner und damit sich selbst als Ursache seiner Handlungen betrachtet, also als agierend und nicht bloß reagierend. Das ist ein a priori Konzept. Wir nennen es „Ich“. Mit der so ermöglichten „tiefen“ Kooperation ist die Erwartung verbunden, für den Aufwand der Unterstützung des Partners entschädigt zu werden. Das ist durch Emotionen abgesichert: Schuld, Scham, Empörung bei Verletzung der Erwartung, und a priori. Wir nennen es „reziproken Altruismus“, der sich jedoch jeweils in kulturell überformter Weise ausdrückt. Das Mentalisieren ermöglicht auch das Lernen von Anderen als Grundlage der kulturellen Weitergabe von Normen und Wissen. Der größte biologische Vorteil entsteht, wenn Wissen auch mit Nichtverwandten ausgetauscht wird.
https://www.youtube.com/watch?v=aS-QLB8ELyk
https://books.google.de/books/about/The_Secret_of_Our_Success.html?id=8XKYDwAAQBAJ&redir_esc=y
https://books.google.de/books?id=YoVpW0zJIgYC&hl=de&lr=&source=gbs_book_other_versions_r&cad=1
https://freiheitsfunken.info/2026/05/16/24057-kritik-der-praxeologie-teil-2-ueber-die-kooperation
https://freiheitsfunken.info/2026/06/06/24102-anthropologische-grundlagen-der-oekonomie-ueber-die-natur-der-ungleichheit
https://schweizermonat.ch/the-price-of-denying-human-nature/
Quellen:
The Human Spark - Kids Are Naturally Altruistic - YouTube
Über die Natur der Ungleichheit
The Price of Denying Human Nature - Schweizer Monat
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