29. Juni 2026 16:00

Geopolitik und Religion Ende der westlichen unipolaren Illusion

Irans „Sieg“ als Katalysator für den Aufstieg des globalen Südens und die Krise des säkularen Humanismus

von Robert Grözinger drucken

Geopolitik: Westlicher Einfluss schwindet
Bildquelle: e-Redaktion Geopolitik: Westlicher Einfluss schwindet

Ein Blinder mit einem Krückstock sieht, dass die USA und Israel und damit der Westen insgesamt im Irankrieg massiv verloren haben. Zwar nicht „den“ Krieg, denn vorbei ist er nicht. Aber doch „im“ Krieg. In dieser ersten Phase ist dem Westen einschließlich Israel sein Hintern auf einem Silbertablett gereicht worden. Materiell sowieso, aber auch – und viel entscheidender – in Form von Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, projizierter Stärke und Moral. Auf ganzer Linie also.

Reginald Godwyn auf der Seite der britischen Libertarian Alliance fasst die Situation gut zusammen: „Die zentrale Frage lautet, ob die Vereinigten Staaten die Ziele erreicht haben, für die der Krieg begonnen wurde. Die Antwort scheint ‚nein‘ zu sein. Das Regime hat überlebt. Die Atomfrage ist nach wie vor ungelöst. Der regionale Einfluss des Iran besteht fort. Das Sanktionsregime wurde geschwächt. Die Straße von Hormus wurde eher zu einem Symbol für den Einfluss des Iran als für die Kontrolle der USA. Die Staaten der Region streben zunehmend eine Annäherung an Teheran an, anstatt sich auf Washington zu verlassen. Die diplomatischen und wirtschaftlichen Folgen des Konflikts zeigen sich weiterhin.“

Was sind die Folgen dessen?

Erstens eine Stärkung des „globalen Südens“, dessen Führung naturgemäß China zufällt. Damit eng verbunden ist die Schwächung westlicher Konzepte wie Freiheit des Individuums, repräsentative Demokratie und Menschenrechte. Was nur folgerichtig ist: Die westliche Elite hat schon lange gezeigt, dass sie auf diese Konzepte keinen Pfifferling mehr gibt. Wer zum Beispiel in Deutschland von „unserer Demokratie“ schwadroniert, meint tatsächlich, objektiv betrachtet, Ochlokratie, also Pöbelherrschaft. Der Pöbel regiert nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Ämtern. Verglichen damit dürfte einer zunehmenden Zahl an Bürgern des Westens eine orientalische Autokratie immer weniger abstoßend erscheinen. Was nicht heißt, dass es nichts Besseres gäbe.

Angesichts der Vorgehensweise der USA und Israels im Iran werden die Länder des globalen Südens zum Selbstschutz verstärkt nach Möglichkeiten suchen, sich Kernwaffen anzueignen. Und/oder sie werden in Drohnentechnologie und Cyberkrieg investieren. Die Kapazität des Westens, dem Rest der Welt seinen Willen aufzuzwingen, schrumpft sichtbar dahin.

Das Gute daran ist: den Globalisten, die bislang vom Westen aus sich die Welt unterwerfen wollten, kommt der Wandel von der unipolaren zur multipolaren Welt in die Quere, denn er erschwert ihr Streben nach weiterer Zentralisierung von Macht in den Händen einer „global governance“-Elite.

Das historisch Interessante dabei ist die Rolle des Islam. Zum wiederholten Mal scheitert, zumindest in den Augen der Weltöffentlichkeit, der Versuch einer politischen Welteinigung von oben an dieser Religion. Am Islam, nicht am angeblich aufgeklärten Westen, scheiterte in entscheidendem Maße auch der vorherige Versuch, dem nämlich der Sowjetunion. Gegen Infiltration und Zersetzung aus dem kommunistischen Osten war der Islam immun. Der Westen nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Kommunismus zunächst im Aufstieg begriffen und riss sich eine ehemalige westliche Kolonie nach der anderen unter den Nagel. Im Jahr 1965 aber wurde er im moslemisch dominierten Indonesien, ganz anders als fast überall sonst, gewaltsam vertrieben. Dann, in den 1980er Jahren, scheiterte er ebenso spektakulär im islamischen Afghanistan. Hier halfen den Mudschaheddin die USA mit Geld und Waffen. Aber ohne ihren Glauben hätten diese Widerstandskämpfer auch mit dieser Unterstützung nicht lange durchgehalten. Jetzt ist auch der Westen am Islam gescheitert. Erst in Afghanistan – und nun im Iran.

Das ist wenig differenziert, aber ein Körnchen Wahrheit ist dran. Und das wird Folgen auf der geistlichen Ebene haben. Sowohl mit dem Kommunismus als auch mit dem Westen scheiterte der humanistische Gott gegen den des Islam. Der humanistische Gott ist die Dreieinigkeit aus Macht, Moneten und Moloch – letzterer Begriff steht für Kindsopfer, entweder direkt in Form von Abtreibung oder Euthanasie, oder indirekt in Form von Kollateralschäden wie Vergewaltigungen, Messermorde oder Kriegstote und -invaliden. All das wird in Kauf genommen, also „geopfert“, um das universalistische Ideal des Humanismus zu erreichen: globaler Frieden, angeblich maximale Freiheit und maximaler Wohlstand für alle (Übriggebliebenen) unter der gütigen Führung einer angeblich aufgeklärten Elite. Nicht für alle Humanisten ist das das Ideal, jedoch für jene, die den Humanismus am konsequentesten zu Ende denken.

Der Begriff „Moneten“ steht natürlich für Fiatgeld, also aus dem Nichts gezaubertes Geld. Kein Problem für eine Religion, die keine interne Blockade gegen das Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ kennt, wie es im konsequenten Humanismus der Fall ist. Das gleiche gilt für den „Macht“-Teil dieser Dreieinigkeit.

Humanistische Ideologien negieren einen transzendenten Gott. Das führt zwangsläufig zu einem Handeln auf der Basis der Legitimität absoluter Macht eines Einzelnen oder einer kleinen Elite. Absolut bedeutet in diesem Fall: Gottgleich. Diese Elite mag ihre Herrschaft hinter demokratischen Staffagen verstecken. Der wesentliche Punkt ist der, dass ihr Gott ein diesseitiger ist. Dieser Gott ist seit biblischen Zeiten bekannt und beliebt. Seit damals scheitert er immer wieder.

Der ideelle Unterschied zwischen Kommunismus und dem im Westen gegenwärtig vorherrschenden, eher nihilistischen Humanismus ist der, dass der Kommunismus Zukunftsorientierung besaß, eine Vision einer besseren Welt. Der Westen nach dem Kalten Krieg besaß nicht einmal mehr das, sondern glaubte, bereits in der besten aller Welten angekommen zu sein, mit Ausnahme der Kleinigkeit, dass ein paar Länder noch nicht richtig verwestlicht waren. Dieser Mangel an einer Zukunftsvision ist übrigens der Hauptgrund dafür, dass trotz der bekannten historischen Gräueltaten des real existierenden Kommunismus es überall im Westen weiterhin höchst virulente linksradikale Gruppierungen gibt. Sie haben den Glauben an die Machbarkeit einer besseren Welt nicht aufgegeben. Sie sind die konsequenteren Humanisten. Das bedeutet aber lediglich, dass sie, sollten sie jemals wieder an die Macht kommen, wieder einmal nur noch konsequenter scheitern werden als der nihilistische Humanismus.

Eine attraktive Zukunftsvision ist nur eine notwendige, nicht hinreichende Bedingung für ein erfolgreiches Weiterbestehen der westlichen Zivilisation. Die hinreichende Bedingung ist eine Abkehr vom Materialismus und eine Hinwendung zu den eigenen transzendenten Wurzeln. Jene Wurzeln, die den Westen überhaupt erst zu einer gestaltenden Kraft in der Weltgeschichte gemacht haben. Dann gibt es wenigstens eine Chance, dass sich eine ausreichende Zahl von Menschen auf Dinge besinnen, die das geistige Immunsystem gegen Zersetzung schützen. Etwa darauf, nicht die gesamte Bevölkerung durch Inflation zu bestehlen und demoralisieren. Oder darauf, nicht zu glauben, alle Kulturen seien gleichwertig. Oder darauf, nicht ein Land mit einem „Enthauptungsschlag“ besiegen zu können, dessen Mehrheitsvolk Träger einer der ältesten Zivilisationen der Welt ist.

Natürlich heißt das nicht, dass der Islam der Wahrheit letzter Schluss ist. Es heißt lediglich, dass es Gründe dafür geben muss, warum der Islam heute gegenüber dem Westen so resilient ist. Kürzlich fand der anarchokapitalistische Ökonom und Spekulant Doug Casey die richtigen Worte, die dieses Phänomen erklären. Ich schließe diesen Artikel damit ab, denn besser könnte ich es nicht formulieren: „Auch wenn ich kein Fan des Islam und der Lehren Mohammeds bin, lässt sich doch sagen, dass Kinder, die in dieser Kultur aufwachsen, heutzutage gewisse Vorteile haben. Tatsache ist, dass Kinder in rückständigen mohammedanischen Ländern nicht dazu verleitet werden, Drogen zu nehmen, ihre Älteren und ihre Kultur zu missachten, ihren Körper zu verstümmeln oder ein Dutzend anderer Dinge zu tun, die im Westen subtil oder offen gefördert werden. Die meisten Werte, die ihnen in ihren Koranschulen vermittelt werden, stehen im Widerspruch zu den klassischen westlichen Tugenden, und das Wissen, das sie erwerben, ist größtenteils nutzlos. Aber zumindest werden ihnen einige Tugenden beigebracht, und sie glauben an etwas – im Gegensatz zu gar nichts.“

Quellen:

Did Trump Win the Iran War? A Critique of Brandon Smith - Reginald Godwyn, The Libertarian Alliance

Raising Free-Thinking Children Amid Societal Madness - Interview mit Doug Casey, LewRockwell.com


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.