Freiheitsimpuls: Einfach mal alle hassen
… und sich vom eigenen Narrativ befreien
von David Andres drucken
Nach jedem Anschlag, jedem Mord und jedem Messerstich schauen alle auf das Profil des Täters. Die Opfer spielen weniger eine Rolle. Dabei wäre es längst angemessen, eine andere Unterscheidung zu treffen.
Dieser Tage geht ein Videoschnipsel viral, der bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags auf den Christopher Street Day in Berlin aufgenommen wurde. Die schwarze Sängerin Nyya offenbart darin als Rednerin das Denken der woken Linken. So sehr habe sie gehofft, dass es „kein Kanacke“ gewesen sei, der in die Menge gefahren ist und danach noch die Machete schwang, sondern ein „christlicher, weißer Mann“. Leider hat die Wirklichkeit ihnen diesen Gefallen nicht getan und sich der Welt, in der sie geistig leben, angepasst. Eine Welt im Übrigen, in der ein PoC ein Wort wie „Kanacke“ sogar positiv nutzen darf, während es aus dem Mund eines Weißen weiterhin eine vulgäre Beschimpfung bleibt.
Ein Bekannter von mir ist beruflich Trauerredner und persönlich eines der letzten Exemplare des Individualanarchismus. Noch nie musste er jemanden verabschieden, der eines gewaltsamen Todes starb. Doch käme er, müsste er, käme er niemals auf die Idee, bei der Trauerfeier davon zu sprechen, dass der Mord leider aus der falschen Hand geschah. Wie froh wären doch alle, wäre es die richtige Hand gewesen, nicht wahr?
Doch machen wir uns ehrlich: Auch Teile der widerständigen Bubble stellen ihre eigene Hierarchie der Opfer und Täter auf. Schwingen die Macheten, fliegen die Kugeln und rasen die Fahrzeuge in die Menge, hoffen sie inständig, dass es mal wieder ein polizeibekannter, illegaler Migrant und Islamist gewesen ist und nicht etwa ein Einheimischer oder ein echter Rechtsextremist. Im Zweifel gehen außerdem alle gern davon aus, es mit einer False Flag zu tun zu haben. Linke äußern den Verdacht, die AfD stecke dahinter und es könne kein Zufall sein, wenn schlimme Attacken wie die auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg oder jetzt auf den CSD in Berlin immer „kurz vor wichtigen Wahlen“ geschähen. Wahlweise sind derlei Taten auch gern „aus Russland gesteuert“. Rechte vermuten gern die Geheimdienste oder den tiefen Staat dahinter, um die AfD zu diffamieren und das ersehnte Verbotsverfahren voranzutreiben. Spirituelle sehen tiefere Entitäten von Gut und Böse am Werk, einen langsam Fahrt aufnehmenden Endkampf zwischen Himmel und Hölle, die Epoche der Offenbarung.
Der Freiheitsimpuls heute lautet: Machen wir uns gedanklich frei von der Einsortierung in jedes Narrativ und treffen wir eine andere Unterscheidung. Nicht die zwischen links und rechts, Christ und Muslim, Etatist und Libertärem, sondern die zwischen denen, die eine starke Meinung haben und diese lediglich mittels Rhetorik vertreten, und denen, die ihre Überzeugung in Gewalttaten umsetzen. Ganz einfach. „I am not a racist, I hate everyone“, ließ Sänger Scott Ian von der erfrischend provokanten Metal-Band S.O.D. (Stormtroopers Of Death) Mitte der 80er-Jahre seine fiktionale Kunstfigur Sergeant D. sagen. „Ich bin kein Rassist, ich hasse jeden.“
Schieben wir alle Strategie und alle Empathie beiseite und lassen wir einfach mal unserem Hass freien Lauf auf alle, die sich anmaßen, entlang ihrer Weltanschauung oder auch entlang ihrer persönlichen, perversen Triebe zu morden, zu vergewaltigen, zu entführen und zu vernichten. Es interessiert uns nicht länger, ob der übliche Islamist die Machete schwingt, der Antifant den knochenknackenden Hammer oder echte Neonazi seine Faust mit dem Schlagring. Wir machen beim Kindesmissbrauch keinen Unterschied mehr zwischen extrem reichen Narzissten der Elite auf ihren geheimen Inseln und armen, stinkenden Proleten auf ihren Campingplätzen oder in ihren Kleingartenanlagen. Wir verachten jeden Politiker und jeden Sportler, der sich als Pädophiler oder als Frauenschläger entpuppt, ganz egal, ob er der Partei oder dem Verein der Gegenseit angehört. Wir nehmen gewisse Taten niemals stillschweigend hin, selbst dann nicht, wenn sie, sagen wir einmal, ein freiheitlich gesinnter Corona-Widerstandsheld beginge, der privat noch kleine Katzen rettet.
Man stelle sich das vor. Freier, allgemeiner Hass auf alle, die sich herausnehmen, die beiden elementarsten Säulen unseres Daseins zu attackieren: unsere Freiheit zu leben, wie wir wollen, und unser Eigentum am eigenen Körper und dessen Gesundheit. Fantasien eines John Wick, eines John Rambo, eines Dexter Morgan oder eines Equalizers nicht auf „unserer“ gegen „deren“ Seite, sondern als radikale Defensive auf der Seite der Friedfertigen gegen die angreifenden Gewalttäter. Ich vermute stark, damit wären wir ziemlich allein, denn diese Form des „Teile und herrsche“ würde niemandem Interessierten die gewünschte Macht über Köpfe und Seelen verleihen.
Quellen:
Martin Lichtmesz – Die Hierarchie der Opfer (Buch)
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