Freiheitsimpuls: Mobil ohne Mobiltelefon
… und frei von jeder Leine
von David Andres drucken
Der Kollege Oliver Gorus beschrieb das Smartphone als „effektivsten Halsreif, den die Herrschaftsgeschichte je hervorgebracht hat“. Es sei denn, man nutze es richtig. Meine Replik: Ganz richtig wäre gar nicht.
„Die Scholle reist mit“, schrieb Gorus in seinem Beitrag mit dem schönen Titel „Das Allwesen in der Hosentasche“ in Rückbezug auf das, was einen einst im Mittelalter band. „Jeden Abend“, so der Kollege, „stecken Millionen ihren digitalen Halsreif an das Ladegerät“, als „Leibeigene“ der modernen Gutsherren, die sie über das Gerät mit ihrer Propaganda füttern und die mittels „Digital ID, Chatkontrolle und digitalem Euro“ die wasserdichte Überwachung planen. Für sämtliche Unterdrückungsinstanzen sei „das Smartphone die gemeinsame Schnittstelle“, denn „Standort, Mikrofon, Tastatur und die Daten, die der Nutzer selbst erzeugt, liefern den Herren alles, was sie zur Machtausübung brauchen.“
So.
Und dann kam die Lösung.
Das „Potenzial“, mit dem Gerät „Ihre Freiheit und Ihre Souveränität wachsen zu lassen“, weil die sozialen Medien erstmals auch publizistischen Widerstand gegen die Leitportale der Macht ermöglichen und weil man durch sie endlich die Gleichgesinnten im Widerstand findet, von denen man früher dachte, sie existieren gar nicht. Das stimmt durchaus. Dennoch möchte ich entgegen: Allein deswegen ist der Halsreif noch nicht abgenommen.
Macht es einen Unterschied, ob ich alle drei Minuten zu dem Gerät greife, weil ich nachschauen möchte, was die Tagesschau und der „Spiegel“ berichten, oder weil ich nachschauen möchte, was es Neues bei den „Freiheitsfunken“, bei „Tichys Einblick“ oder auf der „Sezession“ zu lesen gibt?
Verringert sich die ständige Abhängigkeit von der Sucht nach Empörung, nach frischem Zorn, nach dem Dopamin-Kick der Entrüstung, wenn ich mich statt über den angeblichen Rechtsruck oder die fehlenden Maßnahmen gegen den Klimawandel über die Islamisierung und die linksgrüne Politik aufrege?
Ist mein Tag, wie es die Jugend sagen würde, weniger „gefickt“, wenn ich beim besessenen Starren auf den kleinen Bildschirm bloß die Inhalte austausche? Wenn meine Blogs und Podcasts andere sind, meine WhatsApp-Gruppen voller gleich gepolter Freigeister und mein Zweitmessenger statt Signal eher Telegram?
Nein.
Nicht im Geringsten.
Dieser Tage machte ich ein Experiment der wahren Freiheit, als ich einen Geschäftstermin in meiner Geburtsstadt ganz bewusst komplett ohne Smartphone wahrnahm. Der Ort überwältigt mich schon ganz von selbst mit Erinnerungen aller Art. Ihn wieder neu zu durchlaufen, Veränderungen zu beobachten und auf dem lokalen Friedhof die Gräber der in der Zwischenzeit Verstorbenen zu besuchen, verlangt nach der vollen Aufmerksamkeit.
Und so gab ich sie. Ich spazierte durch die Stadt, griff in der Hosentasche ins Leere, aß eine Currywurst vor einem Imbiss am Tisch, atmete die Sommerluft, hörte vertraute wie neue Klänge, beobachtete das Volk. In einem Supermarkt bezahlte ich das Proviant für die Rückfahrt in bar, ebenso am Parkautomaten des bodenlos miesen Parkhauses, dessen schlechte Qualität mich aber dennoch erfreute, weil ich sie bewusst wahrnahm. Dieser Zustand allein erzeugte eine gewisse innere Ausgeglichenheit. Ohne Smartphone, ohne jedes Telefon in der Tasche und immer noch einen Wagen von 2005 fahrend, genoss ich das Gefühl, für sämtliche digitalen Schnüffler unsichtbar zu sein, was meinen Standort angeht. Auf dem Friedhof spazierte ich das erste Mal im Leben wirklich jede Ecke ab. Ich entdeckte Kriegsgräber am äußersten Ende, gepflegt unter uraltem Baumbestand. Im goldenen Licht der Sonne tanzten winzige Schwebe-Teilchen.
Die Stunden ohne Smartphone reinigten Geist, Seele, Lunge, Augen und Ohren. Ich hatte das Gefühl, schärfer zu sehen, besser zu hören und frischer zu atmen. Vor allem aber fühlte es sich mit jeder Stunde besser an, von niemandem darüber belehrt zu werden, worüber ich mich jetzt aufzuregen habe und welche aktuelle Sau ich beachten muss, statt mein eigenes Leben zu führen. Es war kein Waldgang, noch nicht, aber ein Stadtgang und ein Friedhofsgang, den ich jedem zum Ausprobieren empfehlen möchte, der eine Rückkehr in die echte Freiheit plant.
Quellen:
Das Allwesen in der Hosentasche
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