Wirtschaftspolitik: Ausgedrückt: Kein Tabak mehr aus Deutschland
Tabak und das Muster, wie der Staat Industriezweige aussaugt und wegwirft
von Oliver Gorus drucken
Rauchen gehört zu den ältesten kulturellen Praktiken der Menschheit. Vor rund 12.300 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, warfen Jäger und Sammler im heutigen Utah bereits Tabaksamen in ihre Feuerstelle – der früheste archäologische Nachweis dafür, dass Menschen die Pflanze nutzten. Lange bevor es Städte, Staaten oder Moralapostel gab, begleitete das Rauchen Zeremonien, Geselligkeit und das Innehalten.
Von den Ritualen nordamerikanischer Stämme über die Pfeifen der europäischen Salons oder die zigarettenrauchenden Emanzen der 1920er Jahre bis zum gemeinsamen Zigarrengenuss in Männerclubs oder auf dem Afuera-Fest – Tabak war nie nur Rauschmittel. Rauchen ist Teil des Menschseins und zugleich ein stilles Symbol dafür, dass ein Erwachsener mit seinem eigenen Körper machen darf, was er will – und natürlich hassen das Politiker. Hier beginnt die Geschichte des deutschen Tabaks als Lehrstück darüber, wie der Staat die freie Wirtschaft behandelt. Branche für Branche. Das Muster ist immer gleich.
Seit er vor etwa 450 Jahren aus der Neuen Welt nach Europa kam, wuchs in der Pfalz und in Baden Tabak. Die Bauern kannten die Pflanze, die Trockenschuppen stehen manchmal heute noch. Ich selbst habe 2002 mein erstes Unternehmen in einer aufgegebenen und zu Büroräumen umfunktionierten Zigarrenfabrik in Südbaden gegründet.
Ende des 20. Jahrhunderts kamen die hohen Lohnkosten und Anfang des 21. Jahrhunderts die Ausklammerung des Tabaks aus der EU-Agrarpolitik – und damit die absichtliche Benachteiligung des Tabakanbaus gegenüber anderen Agrarprodukten und eine staatliche Regulierung, die jeden weiteren Hektar unattraktiv machte. Pro Hektar braucht die Kultur 370 bis 420 Arbeitsstunden – Getreide nur fünf Arbeitsstunden. In einem Hochlohn- und Hochsteuernland wird das zur reinen Verlustrechnung.
Heute kämpfen noch rund 80 Betriebe auf 1.300 Hektar ums Überleben und ernten etwa 3.500 Tonnen – eine Nische, die kaum mehr ins Gewicht fällt. Der deutsche Tabak ist zu teuer geworden. Der Rohstoff kommt inzwischen aus Brasilien, Indien oder Afrika, wo Arbeitskraft billig und der Staat weniger übergriffig ist.
Nicht nur beim Anbau, sondern auch bei der Produktion der Tabakwaren vergrämt der Staat die Unternehmen: Die großen Zigarettenfabriken schließen eine nach der anderen. Philip Morris hat 2025 die Werke in Berlin und Dresden abgewickelt. Reemtsma kündigt das traditionsreiche Werk bei Hannover für 2027 an. Was bleibt, ist Restproduktion. Die überall geäußerte Begründung für die Aufgabe des Standorts trotz großen Absatzmarkts: zu hohe Steuern und Abgaben, zu hohe Energiekosten, zu viel Regulierung und Bürokratie, zu unberechenbar und politisch zu belastet. Politiker haben den Produktionsort so lange mit Auflagen, Steuern und moralischem Dauerfeuer überzogen, bis die Unternehmen die Konsequenz gezogen haben, ihr Kapital abgezogen und sich Standorte gesucht haben, wo sie besser behandelt werden.
Gleichzeitig kassiert derselbe Staat beim Konsum ab, als gäbe es kein Morgen. 2025 flossen rund 17,6 Milliarden Euro Tabaksteuer in die Bundeskasse. Das Geld ist nicht zweckgebunden. Es versickert im allgemeinen Haushalt und finanziert Ministerien, Behörden, Beiräte, Beauftragte, Programme, Projekte, Umverteilung zum Machterhalt und all die Pöstchen und Pensiönchen. Die Logik ist simpel: Je teurer die Packung, desto stabiler die Einnahmen. Und je stabiler die Einnahmen, desto weniger muss die Politik Ausgaben einsparen oder Prioritäten setzen.
Das Muster wiederholt sich bei anderen anthropologischen Konstanten. Der Mensch will sich verändern, berauschen, feiern, entspannen – und greift zu Alkohol. Die Steuern auf Spirituosen, Bier und Schaumwein bringen zusammen nur etwa drei Milliarden Euro, weit weniger als der Tabak. Trotzdem bleibt der Eingriff in den Markt. Der Staat besteuert die menschliche Neigung.
Ähnlich bei der Mobilität. Beim Wohnen. Und bei der Energie. Der Mensch braucht Wärme, Licht und Bewegung. Je höher der Energieverbrauch, desto höher der Wohlstand. Die Energiesteuer ist die größte Verbrauchsteuer überhaupt und übertrifft die Tabaksteuer bei weitem. Auch hier wird ein Grundbedürfnis zum Angriffspunkt: Der Staat beißt sich rein und saugt das Geld raus. Klimaschutz und Umweltschutz dienen als vordergründige Begründung, aber das Geld fließt im Endeffekt natürlich in denselben Haushalt, der Apparate und Pöstchen finanziert und vermehrt.
Es ist ein Muster: Der Staat erkennt, was der Mensch von Natur aus will – Rausch, Genuss, Bequemlichkeit, Energie, Mobilität, Schutz, Arbeit, Unternehmertum – und macht daraus eine Einnahmequelle, von der er sein Eigenleben finanziert. Er reguliert die Produktion so lange, bis sie unrentabel wird oder abwandert. Dann besteuert er den Konsum so hoch, dass er verlässlich fließt. Am Ende rechtfertigt er beides mit dem Schutz der Gesundheit, des Klimas oder der Moral, während das eigentliche Ziel der eigene Bestand und das eigene Wachstum bleibt.
Tabak ist nur ein Beispiel. Aber ein gutes, weil die Zahlen so klar sind und die Fabriken so konkret verschwinden, während die Steuereinnahmen steigen. An ihm zeigt sich, wie Politik Wirtschaft nicht als produktive Kraft versteht, sondern als verbrauchbare Ressource, die man einhegen, regulieren, besteuern und moralisch disziplinieren kann.
Aber eine verbrauchte Ressource ist weg, eine geschlachtete Kuh gibt keine Milch mehr, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht … oder der Brunnen versiegt.
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