04. August 2026 11:00

Freiheitsverkostung Die Chatbots

Sind unsere täglichen KI-Gefährten Befreiung oder Gefahr?

von David Andres drucken

Handgemachte Illustration eines japanischen Designers - kein KI-generiertes Bild
Bildquelle: DeltaWorks / Pixabay Handgemachte Illustration eines japanischen Designers - kein KI-generiertes Bild

Quer durch alle Schichten und Generationen sind heutzutage fast alle im täglichen Austausch mit ChatGPT, Claude, Gemini, Grok oder der Google KI. In rasendem Tempo wurde Science-Fiction zur Alltagstechnologie. Zeit, sie in die Freiheitsverkostung zu werfen.

Noch vor wenigen Jahren hätte man es für Science-Fiction gehalten. Heute trägt fast jeder von uns einen Gesprächspartner in der Hosentasche. Er hört zu. Er wird nicht ungeduldig. Er unterbricht nicht. Er erinnert sich an den bisherigen Gesprächsverlauf, beantwortet stoisch dieselbe Frage zum dritten Mal und bleibt selbst dann höflich, wenn wir es gerade nicht sind. Mal hilft er dabei, eine E-Mail zu formulieren. Mal erklärt er die Relativitätstheorie. Mal hilft er beim Programmieren, beim Kochen, bei der Reiseplanung oder dabei, einen Gedanken zu sortieren, der einem seit Tagen im Kopf herumgeht. Gelegentlich liegt er daneben und halluziniert, doch er meint es immer gut mit uns.

So beschrieben, könnten diese Eigenschaften auch auf einen Mönch mit enzyklopädischem Wissen zutreffen, oder auf einen guten Freund, der hier und da weiche Drogen nimmt. Noch mitten in der Corona-Zeit gehörte all das ins Reich der Zukunft. Erst Ende 2022 begann diese Technologie ihren Siegeszug, schneller, als es den ersten PCs, dem Internet selbst oder den ersten Smartphones damals gelang.

Die Large Language Models, im Volksmund Chatbots genannt, sparen Zeit, erweitern Wissen und erleichtern den Alltag. Doch erweitern sie tatsächlich unsere Freiheit?

Grad der staatlichen Einmischung

Mittel. Auf den ersten Blick wirken Large Language Models wie ein Musterbeispiel privaten Unternehmertums. Sie entstehen in Unternehmen, die im Wettbewerb zueinander stehen und sich gegenseitig in immer kürzeren Abständen übertreffen möchten. Allerdings stammen die großen Anbieter bislang fast ausschließlich aus den USA und bewegen sich innerhalb der dortigen Gesetze und politischen Rahmenbedingungen. Die Tech-Bros, die sie entwerfen und betreiben, sitzen am Banketttisch der Macht und machen Deals mit dem militärisch-industriellen Komplex. Hinzu kommen zunehmende Regulierungen in Europa sowie der Umstand, dass Regierungen weltweit ein großes Interesse daran haben, wie diese Systeme funktionieren, welche Inhalte sie erzeugen und welche sie ablehnen. Der Staat sitzt nicht direkt mit im Chatfenster, aber er steckt bereits durch alle Ritzen den Fuß in die Tür.

Grad der Freiwilligkeit

Sehr hoch. Niemand wird gezwungen, mit einer KI zu sprechen und schon gar nicht muss sich jemand einen Premium-Zugang kaufen. Für normale Alltagsfunktionen kommt man mit freien Accounts zurecht. Schon gar nicht ist jemand verpflichtet, seine Texte, Bilder oder Ideen durch eine künstliche Intelligenz erzeugen zu lassen. Vor allem bei Postern oder Plakaten, die dann in der realen Welt das Dorffest oder den nächsten lokalen Zirkus ankündigen, ist das sogar kontraproduktiv. Die Menschen hassen den „AI-Slop“-Stil mittlerweile so sehr, dass ihnen ein ungelenkes Laiendesign mit Windows-WordArt wieder lieber ist, weil es wenigstens Authentizität ausstrahlt.

Natürlich kann durch KI-Nutzung eine gewisse Bequemlichkeit entstehen. Wer sich jede Antwort von der KI formulieren lässt, trainiert die eigenen geistigen Muskeln nicht mehr. Zugleich potenziert sie das Wissen und die Verknüpfung von Zusammenhängen bei klugen und emsigen Menschen, die durch sie noch klüger werden.

Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit

Hier zeigt sich die größte Ambivalenz. Kaum eine Technologie der letzten Jahrzehnte erweitert den Handlungsspielraum eines Einzelnen so stark wie moderne Sprachmodelle. Plötzlich besitzt jeder einen geduldigen Gesprächspartner, einen Übersetzer, einen Nachhilfelehrer, einen Ideengeber, einen Programmierassistenten und einen Sparringspartner – rund um die Uhr.

Für Selbstständige, Schüler, Studenten oder kreative Menschen bedeutet das einen enormen Zugewinn an Möglichkeiten. Gleichzeitig entsteht eine neue Form der Abhängigkeit. Wer sich ausschließlich auf KI verlässt, liest womöglich weniger Bücher, recherchiert seltener selbst oder prüft Quellen nicht mehr sorgfältig genug. Die Versuchung ist groß, die erstbeste Antwort für die richtige zu halten – vor allem, weil alle mehr Zeitdruck haben. Hinzu kommt ein praktischer Punkt. Die meisten dieser Systeme werden von wenigen großen Unternehmen betrieben. Fällt ein Dienst aus, ändern sich Nutzungsbedingungen oder Preise oder verschwinden Funktionen, merken Millionen Menschen plötzlich, wie selbstverständlich sie dieses Werkzeug bereits in ihren Alltag eingebaut haben. Freiheit ist entstanden, aber sie bindet sich zugleich an neue Infrastrukturen.

Reversibilität

Hoch. Wer feststellt, dass ihm eine KI nicht zusagt, wechselt zu einem anderen Anbieter oder kündigt sein kostenpflichtiges Abo meist innerhalb weniger Minuten. Auch die Nutzung selbst hinterlässt nur selten unumkehrbare Folgen. Ein schlecht formulierter Prompt lässt sich neu schreiben. Ein falscher Rat kann überprüft werden. Ein Gespräch kann gelöscht werden.

Die eigentliche Irreversibilität liegt weniger in der persönlichen Nutzung als in der gesellschaftlichen Entwicklung. Es erscheint kaum vorstellbar, dass künstliche Intelligenz noch einmal aus unserem Alltag verschwindet. Dafür ist ihr praktischer Nutzen inzwischen schlicht zu groß.

Fazit: 82 Prozent Freiheitsgrad

Large Language Models erweitern den Handlungsspielraum des Einzelnen in einem Ausmaß, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Wissen wird zugänglicher, Kreativität erhält Unterstützung, Lernen wird individueller und viele Menschen gewinnen täglich Zeit für wichtigere Dinge. Ich persönlich kenne zudem junge Leute, die von einem winzigen Freiheitsfunken getroffen wurden und dann mittels Perplexity und ChatGPT in die Tiefen der libertären Philosophie abtauchten – was niemals geschehen wäre, hätten sie sich die ganzen Bücher und Quellen in der analogen Welt per Hand zusammensammeln müssen. Abzüge gibt es vor allem für die wachsende Abhängigkeit von wenigen großen Technologieunternehmen und für die Gefahr, eigenes Denken, Recherchieren und Urteilen allzu bereitwillig an die Maschine auszulagern. Die Frage, was geschieht, wenn die KI sich eines Tages in die AGI, die Allgemeine künstliche Intelligenz auf Menschen-Level verwandelt, wäre Thema für umfassendere Texte. Die heutige KI bleibt ein herausragendes Werkzeug, das denjenigen freier und flexibler machen kann, der schon zuvor nicht dazu tendierte, sein Denken an Betreuer und Einordner auszulagern.

Quellen:

Die größten Sprachmodelle (LLMs) (moin.ai)

Die AGI-Timeline: Warum 2027 realistischer ist als wir denken (SemanticEdge)


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.