Kritik der Praxeologie, Teil 6: Fritz Machlups moderater Apriorismus
Über die methodologische und epistemologische Uneinigkeit innerhalb der Österreichischen Schule
Fritz Machlups moderater Apriorismus
Fritz Machlup (1902–1983) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Nach seinem Studium in Wien promovierte er bei Ludwig von Mises und arbeitete zunächst im Umfeld der Wiener Schule. 1933 emigrierte er in die USA, wo er an der University at Buffalo, der Johns Hopkins University und später an der Princeton University lehrte. International bekannt wurde er durch Arbeiten zur Methodologie der Ökonomik, zur Wettbewerbstheorie sowie als Begründer der modernen Wissensökonomie, insbesondere durch sein Werk „The Production and Distribution of Knowledge in the United States“ (1962).
Für die Methodologie der Österreichischen Schule ist Machlup bedeutsam, weil er zugleich einer der engsten akademischen Schüler Ludwig von Mises’ und einer ihrer differenziertesten methodologischen Interpreten war. Zwischen Mises und Machlup bestand nicht nur eine fachliche, sondern auch eine persönliche Beziehung. Mises förderte den jungen Machlup in Wien, verschaffte ihm Zugang zu seinem wissenschaftlichen Netzwerk und unterstützte seine akademische Entwicklung, vor allem dadurch, dass er ihn in sein exklusives Privatseminar, das als wichtigste Nachwuchsschmiede der Österreichischen Schule galt, aufnahm. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Machlup Ludwig von Mises zeitlebens mit großem Respekt behandelte.
In seinem Artikel „The Problem of Verification in Economics“ vom Juli 1955 verteidigt Machlup von Mises gegen Einwände aus dem Lager der Empiristen, insbesondere gegen Terence Hutchison, der forderte, dass jede wissenschaftliche Aussage unmittelbar empirisch überprüfbar sein müsse. Man kann den Artikel jedoch auch als eine Distanzierung von von Mises lesen, obwohl Machlup eine solche keiner Stelle explizit macht – möglicherweise aus Respekt vor von Mises. Um zu verstehen, warum eine vordergründige Verteidigung gleichzeitig auch eine Distanzierung sein könnte, muss man verstehen, dass sich eine Kritik an von Mises in zwei verschiedene Fragestellungen aufteilt: 1. Sind seine Grundannahmen apriorisch und bedürfen deshalb keiner empirischen Bestätigung? 2. Sind die weiteren ökonomischen Gesetze rein logisch daraus ableitbar? Machlup beantwortet die erste Frage insofern zustimmend, als er mit von Mises darin übereinstimmt, dass die Grundannahmen keiner isolierten empirischen Überprüfung bedürfen. Ob sie deshalb apriorische Wahrheiten oder heuristische Leitprinzipien sind, lässt er ausdrücklich offen. Die zweite Frage beantwortet Machlup jedenfalls nicht im Sinne eines vollständigen Deduktionsanspruchs. Seine methodologischen Überlegungen sind mit der Annahme unvereinbar, dass sämtliche ökonomischen Gesetze allein aus dem Handlungsaxiom logisch folgen. Sollte von Mises einen solchen Anspruch erhoben haben, widerspräche dies Machlups Position.
Machlup stellt fest, dass jede Theorie, egal ob natur- oder sozialwissenschaftlich, auf fundamentalen Annahmen („fundamental assumptions“) aufbaut, deren Aufgabe es ist, unter einem gemeinsamen Erklärungsprinzip sehr verschiedene Beobachtungen zusammenzufassen. Sie sind so allgemein, dass sie niemals isoliert, sondern stets nur zusammen mit weiteren Annahmen („assumed conditions“) zur Anwendung kommen. Deshalb können sie nicht isoliert empirisch überprüft werden. Seine Argumentation ähnelt der Duhem-Quine-These, die Quine so zusammengefasst hat: „Die gesamte Wissenschaft, ob nun mathematisch verstanden, natur- oder geisteswissenschaftlich, ist [...] durch die Erfahrung unterbestimmt“. Der Grund, warum eine Grundannahme nicht direkt empirisch überprüfbar ist, liegt also daran, dass für ein konkretes Experiment oder eine andere Form der Überprüfung immer Zusatzannahmen gemacht werden müssen. Ein Experiment bestätigt (für Machlup ist das gleichbedeutend mit „falsifiziert nicht“) ein Ensemble aus Grundannahme plus Zusatzannahmen und somit nicht die Grundannahme direkt. Hutchison fordere somit etwas Unmögliches.
Das Argument der Zurückweisung überhöhter Ansprüche an von Mises’ Handlungsaxiom „man acts“ bedeutet, dass Ableitungen aus diesem Grundprinzip aber durchaus empirisch überprüfbar sind und dieser Überprüfung auch bedürfen. Zum Handlungsaxiom treten Zusatzannahmen wie z. B. Marktformen, Eigentumsordnung, Politik, Institutionen hinzu. Diese ergeben sich nicht logisch aus der Grundannahme. Aus derselben Grundannahme lassen sich durch Hinzunahme unterschiedlicher Zusatzannahmen unterschiedliche, auch gegensätzliche ökonomische Aussagen ableiten, was schon zeigt, dass sie nicht aus dem Handlungsaxiom allein logisch folgen. Deshalb muss die Richtigkeit der konkreten ökonomischen Aussage empirisch überprüft werden. Beispielsweise hängt die Aussage, welche Folgen eine Lohnerhöhung hat, nach Machlup von zusätzlichen Annahmen über Marktform, Geldpolitik oder Steuerstruktur ab. Dieselbe Grundannahme „man acts“ wird je nach angenommenen Bedingungen zu unterschiedlichen Aussagen führen.
Was Machlup nicht explizit, sondern nur implizit sagt: Die Praxeologie enthält zahlreiche implizite zusätzliche Annahmen, die selbst nicht logisch aus dem Handlungsaxiom begründet sind. Sollte dies zutreffen, wäre der Anspruch einer vollständigen Deduktion aus dem Handlungsaxiom aufzugeben. Machlup verschiebt den Gegenstand der Deduktion. Während Mises für die meisten Leser den Eindruck erweckt, die ökonomische Theorie werde aus dem Handlungsaxiom entwickelt, beginnt für Machlup die eigentliche Deduktion erst nach Einführung zusätzlicher Annahmen über institutionelle und historische Bedingungen. Es bleibt jedoch unklar, ob dies eine Kritik an von Mises ist oder bloß Machlups Interpretation dessen, was von Mises tatsächlich gemeint habe.
Murray Rothbard hatte das allerdings so verstanden, dass Machlups und von Mises methodologische Auffassungen grundverschieden seien, und Machlup deshalb von Mises faktisch gar nicht verteidigt hätte. Für von Mises seien die fundamentalen Axiome der Ökonomie notwendig wahr, und die daraus logisch deduzierten Sätze deshalb ebenfalls notwendig wahr, und bedürften aus diesem Grunde keiner empirischen Überprüfung. Eine solche Position findet sich bei Machlup tatsächlich nicht. Für Rothbard gehören Zusatzannahmen nicht zur Theorie (Praxeologie), sondern zu ihrer Anwendung. Wenn also eine ökonomische Aussage Zusatzannahmen benötigt, dann sei sie keine rein praxeologische Aussage mehr.
Eine praxeologische Aussage ist sowohl für Rothbard wie für von Mises beispielsweise die Bevorzugung eines früheren Gutes gegenüber einem späteren gleichwertigen. Das bedürfe keiner empirischen Bestätigung, weil es logisch aus „man acts“ folge. Ein Kritiker könnte empirische Beobachtungen anführen, die der universellen Zeitpräferenz widersprechen. Auf diesen Einwand antwortet ein Praxeologe, dass aber menschliches Handeln nun einmal so definiert sei, dass Handeln unter Zeitpräferenz erfolgt, und wer warten kann, hat offenbar in der Situation eine geringe Zeitpräferenz. Die Praxeologie entzieht sich so empirischer Prüfung durch begriffliche Definition. Die Alternative wäre, implizite Zusatzannahmen zu analysieren und zu überprüfen. Die Weigerung führt dazu, dass eine Erkenntnis von vornherein ausgeschlossen ist: Ein Handlungsbegriff, der so definiert ist, dass aus diesem die Zeitpräferenz logisch folgt, beschreibt menschliches Handeln nicht.
Rothbards extremer Apriorismus ist allerdings innerhalb der Österreichischen Schule keineswegs unumstritten, worauf Zanotti und Cachanosky 2015 hinwiesen. Sie bestreiten, dass von Mises selbst diese extreme Position vertreten hätte. Machlups Standpunkt, den sie im Gegensatz zu dem Rothbards als „moderat apriorisch“ bezeichnen, sei ebenfalls eine zulässige Interpretation von von Mises und zwar eine plausiblere als die Rothbards: „Wir halten es für erwägenswert, dass Rothbard Machlup möglicherweise falsch interpretiert hat und dass einige Österreicher durch Rothbard Mises falsch interpretiert haben.“ Von Mises stehe Hayek und Popper näher, als Rothbards Interpretation das zulassen will. „Rothbards extremer Apriorismus ist überholt, wenn nicht gar inkonsistent“.
Machlups Modell schließt einen starken Deduktionsanspruch logisch aus. Offen bleibt allein, ob Mises einen solchen Anspruch tatsächlich erhoben hat oder ob Rothbard Mises an dieser Stelle zutreffender interpretiert als Machlup. Aber Machlup hatte wohl damit recht, dass eine Theorie immer nur als Ganzes falsifiziert werden kann, nicht durch den Angriff auf eine einzelne Folgerung.
https://walterewilliams.com/courses/articles/MachlupSEJ.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Duhem-Quine-These
https://mises.org/mises-daily/defense-extreme-apriorism
https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2229570
https://www.google.de/books/edition/The_Production_and_Distribution_of_Knowl/kp6vswpmpjoC?hl=de&gbpv=1&dq=The+Production+and+Distribution+of+Knowledge+in+the+United+States&printsec=frontcover
Quellen:
The Problem of Verification in Economics
Rothbard: In Defense of "Extreme Apriorism"
The Epistemological Implications of Machlup's Interpretation of Mises's Epistemology
The Production and Distribution of Knowledge in the United States
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