Kulturverfall: Das Verschwinden der Lehrlinge
Was passiert, wenn niemand mehr ein Handwerk lernen will
von Oliver Gorus drucken
Die Werkbank steht noch da. Nur der Lehrling fehlt, der daran arbeiten und das Können von seinem Meister übernehmen sollte. Fast jede zweite angebotene Lehrstelle bleibt 2026 unbesetzt. Die DIHK-Zahlen sind eindeutig: 49 Prozent der Plätze finden keinen geeigneten Bewerber. In der Industrie, besonders in Metall und Elektro, werden die Lehrstellen in Folge der politisch gewollten, strukturellen Wirtschaftskrise im Zuge des Stellenabbaus gleich mitgestrichen. Das Handwerk hofft noch, doch auch dort bleiben Zehntausende Plätze leer. Zudem bringt ein großer Teil der zu wenigen Bewerber weder die mathematischen Grundlagen noch die Belastbarkeit und die persönliche Reife mit, die ein Betrieb braucht.
Woran liegt das? Es ist ja kein vorübergehendes Problem der Passung. Vielmehr hat sich offensichtlich in den letzten 20 Jahren auf der gesellschaftlichen Ebene eine gewaltige Umwertung der Werte ereignet.
Viel zu viele junge Menschen entscheiden sich lieber für Orchideenstudiengänge, Gendergedöns oder plagiierte Doktortitel in Laberfächern, statt etwas zu lernen, was andere Menschen tatsächlich brauchen. Das aber entspricht exakt dem gesellschaftlichen Status: Handwerk und kaufmännische Berufe wurden systematisch abgewertet. Gleichzeitig wurde akademisches Geschwätz und moralische Attitüde zum höchsten Gut erklärt.
Das aktuelle Beispiel Ulrich Siegmund zeigt die beißende Arroganz der Nichtskönner: Der Mann hat eine abgeschlossene Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann und danach berufsbegleitend an einer Fernhochschule Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie studiert. Ein solider, praktischer Weg. Die Reaktion der linken und grünen „Shitbürger“ (Poschardt): Häme, Herablassung, „Schmalspur-Studium“, „Duft-Diplom“, „Downgrade“. Ein Physiker als Vorgänger war der Maßstab – ein Kaufmann mit dualer Ausbildung und Bachelor offenbar nicht. Die Botschaft ist klar: Wer mit den Händen und mit realen Zahlen gearbeitet hat, wer kalkuliert, beraten und verkauft hat, steht unter dem, der sich mit seinen Pronomen beschäftigt und in Seminaren über Identität und Machtverhältnisse referiert.
Diese Haltung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer kulturellen tektonischen Verschiebung. Anders als in den 1990er Jahren, als ich selbst meine Aus- und Weiterbildung absolviert habe, wird in meiner Wahrnehmung seit etwa zwei Jahrzehnten der „bloße“ Handwerks- oder Industriebetrieb in der Mitte der Gesellschaft als zweite Wahl behandelt. Eltern, Lehrer und Medien signalisieren: Wer was auf sich hält, geht studieren. Am besten etwas, das möglichst weit weg ist von Produktion, Verkauf und Verantwortung für ein konkretes Ergebnis. Die Folge ist eine Generation, die Status über Nützlichkeit stellt. Und Betriebe, die händeringend nach Leuten suchen, die noch bereit sind, etwas zu können.
Historisch ist das gefährlich. Nach dem Ende des Römischen Reiches verschwanden bestimmte Handwerkstechniken für Jahrhunderte, weil die lebendige, natürliche Weitergabe vom Meister zum Schüler unterbrochen war. Die Rezepte existierten noch auf Papyrus – aber niemand konnte sie mehr ins Werk setzen. Diese Gefahr besteht heute wieder: Wenn die heutigen Meister in Rente gehen und zu wenige Lehrlinge nachgewachsen sind, reißt die Kette des Tradierens an vielen Stellen. Dann stehen die Maschinen noch – aber niemand beherrscht sie mehr wirklich. Und niemand kann sie darum mehr sinnvoll weiterentwickeln.
Bei der ewigen Reform des Bildungssystems wurden Grundfertigkeiten vernachlässigt und gleichzeitig der akademische Weg als einziger sozialer Aufstiegspfad verkauft. Eine ganze Generation marxistischer und woker Bildungspolitiker formte eine Kultur, die den Meisterbrief unter den Masterabschluss gestellt hat. Die Verantwortung dafür liegt bei einer politischen und medialen Klasse, die das Leben auf Kosten anderer kultiviert hat und die produktive Arbeit mit leichtem Ekel betrachtet, während sie selbst von genau dieser Arbeit finanziert wird.
Es gibt Gegenbewegungen. Familienbetriebe, die strenger ausbilden und genau deshalb die Richtigen finden. Unternehmer, die eigene Vorbereitungskurse und Patenschaften organisieren. Eltern, die ihren Kindern sagen, dass ein Beruf mit Können und Verantwortung mehr Souveränität bietet als ein beliebiger Titel ohne Substanz, insbesondere den Weg ins Ausland offenhält, wo deutsche Handwerker stets willkommen sind. Und junge Menschen, die merken, dass hier noch etwas zählt, was anderswo egal geworden ist: dass die Arbeit stimmt. Dass das Ergebnis im Wettbewerb bestehen kann. Dass der Kunde zufrieden ist. Dass die Arbeit sich rechnet.
Das Verschwinden der Lehrlinge ist deshalb nicht einfach nur eine weitere schlechte Statistik, sondern das sichtbare Symptom einer Statuskrankheit. Eine Gesellschaft, die den Kaufmann und den Meister verachtet und den Laberer auf den Thron hebt, wird irgendwann feststellen, dass niemand mehr da ist, der die Werkbank bedienen, die Rechnung schreiben und das Land am Laufen halten kann – und dann ist auch niemand mehr da, der für sein Handwerk von jenen verachtet wird, die selbst nichts können.
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