20. September 2026 18:00

Digitalpolitik Europa hat keinen Rennwagen, aber schon das Tempolimit

Brüssel will die Entwicklung künstlicher Intelligenz bremsen, obwohl es im globalen Rennen längst zurückliegt.

von Volker Ketzer drucken

Während andere die Zukunft bauen, verwaltet Europa seinen Rückstand.
Bildquelle: Eigenes Bild Während andere die Zukunft bauen, verwaltet Europa seinen Rückstand.

Es gibt Tage, an denen schreibt die Politik ihre eigenen Satirebeiträge so treffsicher, als sitze in den Regierungszentralen ein ausgefuchster Dramaturg. Kürzlich lieferte Brüssel wieder einmal ein solches Lehrstück in zwei Akten.

Am Dienstag schlug Digitalstaatssekretär Thomas Jarzombek Alarm: Europa laufe Gefahr, im globalen KI-Rennen zum reinen Zuschauer zu verkommen. Die USA und China stünden als Spieler auf dem Platz, während Europa irgendwo zwischen Moderatorentisch und Außenlinie herumbelehre. Und wie reagierte die Europäische Kommission? Tags darauf legte Ursula von der Leyen nach und unterstützte öffentlich die Forderung, die Entwicklung besonders leistungsfähiger KI-Systeme erst einmal gezielt einzubremsen.

Man muss sich diese Choreografie einmal vor Augen führen: Europa hat seine Rolle im globalen Tech-Zirkus offenbar gefunden. Wir besitzen zwar keinen konkurrenzfähigen Rennwagen am Start, haben aber vorsorglich schon einmal das Tempolimit vorbereitet.

Zwischen echten Gefahren und vorsorglicher Lähmung

Nun wäre es reichlich feige und inhaltlich unterkomplex, jede Warnung vor den Auswüchsen künstlicher Intelligenz pauschal als technikfeindliche Hysterie abzutun. Die Risiken sind absolut real. Wenn Modelle eigenständig Schadcode schreiben, IT-Infrastrukturen angreifen oder bei der Entwicklung noch mächtigerer Nachfolger mitwirken können, geht es längst nicht mehr um schiefe KI-Bilder mit sechs Fingern oder Mogeleien bei Schulaufsätzen. Wir sprechen hier über reale Gefahren für die Cybersicherheit, über biologisches Missbrauchspotenzial, über autonome Waffensysteme und über Algorithmen, deren Entscheidungspfade selbst von ihren eigenen Schöpfern nicht mehr zuverlässig nachvollzogen werden können.

Wenn ausgerechnet die führenden Köpfe jener Konzerne, die diese Modelle bauen, eine langsamere Gangart fordern, tut man gut daran, hinzuhören. Ich gehöre weder zu den verklärten Fortschrittsgläubigen, die jedes neue Sprachmodell als nächste Stufe der menschlichen Evolution feiern, noch glaube ich daran, dass sich eine globale technologische Revolution mit Brüsseler Bürokratie stoppen lässt.

Eine verbindliche internationale Verständigung über Sicherheitsstandards, rote Linien und Risikoprüfungen ist keineswegs unvernünftig – sie ergibt allerdings nur dann Sinn, wenn sie die eigentlichen Schwergewichte tatsächlich bindet. Ein Tempolimit nützt genau gar nichts, wenn es lediglich auf einem Brüsseler Parkplatz gilt, während die USA und China auf der Autobahn ungebremst weiterheizen.

Der 5-Prozent-Zwerg im Land der Giganten

Genau hier liegt das fundamentale Missverständnis europäischer Digitalpolitik: Wir debattieren mit großem Gestus über das Tempo einer Entwicklung, die im Wesentlichen woanders stattfindet. Wer die realen Machtverhältnisse verstehen will, muss nur auf die Zahlen blicken, auf die sich zuletzt auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde berufen hat: Rund 75 Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazitäten konzentrieren sich in den USA. Europa bringt es mit Müh und Not auf magere fünf Prozent. Bei den führenden Basismodellen sieht das Bild kaum besser aus. Unsere vielbeschworene „digitale Souveränität“ besteht im Kern derzeit darin, dass wir uns aussuchen dürfen, bei welchem amerikanischen Tech-Konzern wir das monatliche Abo abschließen.

Gleichzeitig herrscht an Regulierung wahrlich kein Mangel. Der europäische AI Act ist seit August 2026 weitgehend anwendbar. Er unterscheidet Risikoklassen, verbietet bestimmte Anwendungen komplett und bürdet Anbietern besonders leistungsfähiger Modelle umfangreiche Dokumentations-, Risikobewertungs- und Schutzpflichten auf. Für die Aufsicht wurde ein gewaltiger Apparat hochgezogen: ein AI Office, ein AI Board, ein wissenschaftliches Gremium, ein Beratungsforum – garniert mit zahllosen Leitlinien, Kodizes und Vorlagen.

Die Rollenverteilung in der Weltwirtschaft ist damit perfekt aufgeteilt: Amerika entwickelt die Modelle, China baut die Rechenzentren und Europa gründet erst einmal einen Beirat.

Der Staat als Brandschützer seines eigenen Feuers

Die Regulierung allein ist allerdings nicht an allem schuld. Jarzombek hat völlig zu Recht auch der heimischen Industrie vorgehalten, zu wenig in Rechenzentren und digitale Infrastruktur investiert zu haben. Dazu kommen saftige Energiepreise, knappe Netzkapazitäten, langsame Genehmigungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen Risikokapital und ein Binnenmarkt, der trotz aller Sonntagsreden noch immer in nationale Zuständigkeiten zerfällt. Es wäre folglich genauso bequem, den gesamten Rückstand auf ein einzelnes Gesetz abzuwälzen, wie zu glauben, man könne die Lücke mit dem nächsten staatlichen Förderprogramm einfach zuschütten.

Mittlerweile hat die EU den Ausbau sogenannter „KI-Gigafabriken“ angekündigt, um Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe anzustoßen. Das ist zweifellos besser, als tatenlos zuzusehen. Dennoch bleibt das gewohnte Muster erkennbar: Erst schafft die Politik Rahmenbedingungen, unter denen Kapital, Energie und Talent anderswo leichter zusammenfinden, um danach zu versuchen, den entstandenen Rückstand mit einem riesigen staatlichen Programm wieder einzuholen. Die Bürokratie inszeniert sich im Anschluss als strahlende Lösung für ein Problem, an dessen Entstehung sie selbst tatkräftig mitgewirkt hat.

Souverän ist nicht, wer den Serverraum putzt

Besonders gern fällt in dieser Debatte das Wort „Souveränität“. Doch ein Rechenzentrum auf europäischem Boden macht uns noch lange nicht unabhängig, wenn die Chips, die Modelle und die entscheidenden Werkzeuge allesamt aus dem Ausland kommen. Souverän ist nicht, wer am Ende den Serverraum putzt oder ein europäisches Prüfsiegel auf ein fremdes Produkt klebt. Souverän ist schlichtweg nur, wer die Technologie im Kern versteht, sie weiterentwickeln und im Ernstfall selbst betreiben kann.

Das ist auch für die Sicherheit entscheidend. Wer Modelle ernsthaft prüfen und kontrollieren will, braucht eigene Fachleute, eigene Rechenleistung und praktische Erfahrung an der technologischen Speerspitze. Wer lediglich die Erzeugnisse anderer kontrolliert, bleibt darauf angewiesen, dass ihm deren Hersteller erklären, was in der Maschine passiert. Eine strategische Abhängigkeit wird keineswegs dadurch sicherer, dass man ihr einen europäischen Prüfbericht beilegt.

Moralische Führung als Trostpreis für den Rückstand

Gewiss besitzt Europa mit seinem Binnenmarkt von 450 Millionen potenziellen Kunden beträchtliche Regulierungsmacht. Internationale Unternehmen können diesen Markt nicht einfach ignorieren, weshalb europäische Regeln oft weit über die EU hinauswirken. Doch auch dieser Einfluss hat seine Grenzen. Je wichtiger eine Technologie für Wirtschaft, Verteidigung und Verwaltung wird, desto weniger kann Europa darauf vertrauen, dass andere ihm dauerhaft Zugang gewähren und sich zugleich nach seinen Vorstellungen richten.

Die Vorstellung, man könne den technologischen Rückstand durch besonders vorbildliche Regeln in eine Art moralische Führung verwandeln, ist so verführerisch wie gefährlich. Sie erlaubt es, das eigene Scheitern als Tugend zu präsentieren: Wir sind nicht zurückgefallen, wir waren bloß vorsichtiger. Wir haben keine schwachen Unternehmen, sondern hohe Standards. Und wenn andere die Produkte bauen, von denen unsere Wirtschaft abhängt, nennen wir das eben internationale Arbeitsteilung.

So funktioniert Machtpolitik jedoch nicht. Wer über Chips, Rechenzentren und Modelle verfügt, bestimmt im Zweifelsfall auch, wer sie nutzen darf. Das haben die europäischen Staaten bei Energie, Arzneimitteln und militärischer Ausrüstung oft genug gelernt. Bei der künstlichen Intelligenz wiederholen wir denselben Fehler gerade in Echtzeit und versehen ihn mit einem hübschen Zertifikat.

Ein Fahrstreifen zwischen Vollbremsung und Fortschrittsrausch

Was wäre also zu tun? Europa sollte Sicherheitsprüfungen für besonders leistungsfähige Modelle aufbauen und auf internationale Vereinbarungen drängen, an denen wenigstens die USA und China beteiligt sind. Konkrete Schäden brauchen klare Haftung. Kritische Anwendungen in Medizin, Infrastruktur oder Verteidigung brauchen strengere Maßstäbe als ein Programm, das Urlaubsfotos sortiert. Aber aus jeder denkbaren Gefahr darf kein allgemeiner Erlaubnisvorbehalt für Innovation werden.

Vor allem muss Europa wieder Bedingungen schaffen, unter denen Menschen hier entwickeln, investieren und auch scheitern dürfen. Dazu gehören verlässliche und bezahlbare Energie, schnellere Genehmigungen, ein echter gemeinsamer Kapitalmarkt, weniger Hürden für Gründungen und eine öffentliche Hand, die europäische Technik nicht nur in Strategiepapieren lobt, sondern dort einkauft, wo sie etwas taugt.

Der Staat muss nicht das nächste große KI-Unternehmen gründen. Es würde fürs Erste reichen, wenn er dessen Entstehung nicht zuverlässig verhindert.

Zwischen blindem Fortschrittsrausch und europäischer Vollbremsung liegt ein verdammt breiter Fahrstreifen. Man kann Gefahren ernst nehmen und trotzdem verstehen, dass Stillstand keine Sicherheitsstrategie ist. Eine Pause kann sinnvoll sein, wenn alle relevanten Teilnehmer tatsächlich pausieren. Wenn nur der langsamste Läufer stehen bleibt, wird das Rennen dadurch nicht sicherer. Es wird nur eindeutiger.

Europa braucht deshalb nicht noch mehr Stolz auf seine Rolle als Schiedsrichter.

Es muss wieder eine eigene Mannschaft aufs Feld bringen.

Wer die Zukunft nicht mitentwickelt, wird sie auch nicht kontrollieren.

Er darf am Ende nur noch teuer um Zugang betteln.

Bleib frei im Kopf.


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