Kultur: Freiheit im Staub
Acht Tage dezentrale Selbstorganisation
von Joana Cotar drucken
Vor zwei Wochen stand ich in der Black Rock Wüste Nevadas, umgeben von Zelten, Campern, Staub, Musik, gewaltigen Kunstwerken und Menschen, deren Kleidung in Deutschland vermutlich sofort für hochgezogene Augenbrauen gesorgt hätte. Manche trugen Federn, manche Leder, manche kaum etwas. Niemand musste sich erklären. Man war da, und das war genug.
Ich kam mit Wildfremden ins Gespräch, als würden wir uns seit Jahren kennen. „Welcome to the family“ hieß es jedes Mal, begleitet von einer ehrlich gemeinten, langen Umarmung. Ich war plötzlich Teil einer Familie, von deren Existenz ich bis dahin nichts wusste und die ich nun tatsächlich ein wenig vermisse.
Burning Man gilt wahlweise als Hippie-Festival, Drogenparty, Spielplatz für Tech-Millionäre oder eine sehr aufwendige Methode, sich Sand an die unmöglichsten Körperstellen zu befördern. Von all dem Genannten findet man dort etwas. Als Beschreibung für das, was man in der Wüste erlebt, taugt es aber ungefähr so viel wie die Auskunft, der Bundestag sei ein Gebäude mit Glaskuppel.
Wer nur auf Kostüme, Nacktheit, Kunst, Art Cars und nächtlichen Techno-Beat achtet, übersieht das wirklich Interessante: In der Wüste entsteht für acht Tage eine Stadt, die darauf vertraut, dass erwachsene Menschen ihr Leben weitgehend selbst organisieren können. Für Freunde der Freiheit ist das ein ziemlich verlockender Feldversuch.
Zehn Prinzipien
Die Veranstalter legen Wert darauf, Burning Man nicht als Festival zu bezeichnen. Die Künstler werden nicht gebucht, und von jedem Teilnehmer wird erwartet, dass er etwas beiträgt: ein Camp baut, Musik macht, hilft oder wenigstens nicht bloß herumsteht und auf Bespaßung wartet.
Die zehn Prinzipien von Burning Man wurden von Mitgründer Larry Harvey formuliert. Sie waren als Beschreibung einer Kultur gedacht, die sich in der Wüste bereits entwickelt hatte. Erst kam die gelebte Ordnung, dann ihre Formulierung. Radikale Inklusion gehört dazu, Selbstausdruck, Eigenverantwortung, Schenken und das Gebot, keine Spuren zu hinterlassen. Hayek hätte das gefallen.
Die radikale Eigenverantwortung ist dabei das Wichtigste, denn wer in die Wüste geht, den erwartet kein Wellnesshotel. Jeder muss alles mitbringen: Wasser, Nahrung, Schutz vor Sonne und Kälte, Medikamente, Rucksack, Staubmaske und Schutzbrille. Der offizielle Survival Guide verlangt knapp sechs Liter Wasser pro Person und Tag. Wer schlecht vorbereitet anreist, hat gegebenenfalls ein Problem. Ja, es gibt medizinische Versorgung und Ranger für den Notfall, aber die Ausgangserwartung ist trotzdem eindeutig: Bereite dich vor und erwarte nicht, dass ein unbekanntes Kollektiv deine Nachlässigkeit auffängt.
Komplett regellos ist Black Rock City übrigens keineswegs. Bundesrecht, das Recht Nevadas und lokale Vorschriften gelten auch auf der Playa. Waffen und privates Feuerwerk sind verboten, Drohnen und Laser streng geregelt, größere Konstruktionen werden geprüft. Die Regeln schützen die körperliche Unversehrtheit, das Einvernehmen, das Eigentum anderer und die gemeinsam genutzte Umgebung – und damit hat es sich weitgehend. Sie schreiben den Menschen nicht vor, wie vernünftig sie zu leben haben. Bei bekletterbaren Kunstwerken entscheidet man selbst, wie weit man hinaufwill. Ein Beauftragter für persönliche Unvernunft klettert nicht hinterher.
Radikale Inklusion heißt, dass zunächst jeder willkommen ist. Man darf seinen Nachbarn seltsam finden, seinen Kleidungsstil furchtbar, seine Musik noch schlimmer, und dann lässt man ihn in Ruhe. Diese einfache Kulturtechnik ist uns in Deutschland weitgehend abhandengekommen. Hier ist Toleranz inzwischen ein staatlich begleitetes Erziehungsprojekt, bei dem vorsorglich festgelegt wird, welche Abweichung gefeiert und welche bekämpft werden soll.
Wissen, das niemand bündeln kann
Friedrich August von Hayek hätte an Black Rock City vermutlich seine Freude gehabt. Seine große Einsicht bestand darin, dass das Wissen einer Gesellschaft niemals an einer Stelle versammelt ist. Es liegt verstreut bei Millionen Einzelnen, die ihre Fähigkeiten und Umstände besser kennen als jeder zentrale Planer. Auf der Playa kann man diesem Wissen bei der Arbeit zuschauen. Der eine kocht für 30 Mann, ein anderer kann Fahrräder reparieren, jemand baut eine Skulptur, verlegt Stromleitungen oder weiß, wie man ein gerissenes Zeltdach im Sturm sichert. Der offizielle Stadtplan gibt die Straßennamen und einen groben Rahmen vor. Alles andere, das Miteinander und das Leben darin, entsteht dezentral aus unzähligen Entscheidungen von Menschen, die einander vorher meist nie begegnet sind. Hayek nannte solche Strukturen spontane Ordnung. Sie sind das Ergebnis menschlichen Handelns, ohne das Werk eines allwissenden Entwerfers zu sein.
Kein Komitee könnte all das planen, was Burning Man ausmacht. Es würde vermutlich schon an der Ausschreibung für federbesetzte Fahrräder scheitern. Die Ordnung entsteht, weil Menschen zusammenfinden und gemeinsam reagieren. Manchmal etwas chaotisch, aber oft erstaunlich gut.
Auch Ludwig von Mises ist in diesem Staub näher, als viele Besucher ahnen. In Human Action schrieb er: „Society is concerted action, cooperation.“ Gesellschaft existiert für ihn in den Handlungen von Individuen, die zusammenarbeiten, weil sie gemeinsam mehr erreichen als allein. Auf der Playa habe ich genau das erfahren. Als mein Fahrrad den Geist aufgab, bot mir eine Frau an, einfach ihr Fahrrad zu nehmen; sie fahre dann eben beim Partner auf dem Rücksitz mit. Gar kein Problem. Ein anderes Mal fand ich mich allein auf einer Party vor einem Art Car wieder, und jemand, den ich nie zuvor gesehen hatte, kümmerte sich um mich, damit ich meine Freunde und mein Camp wiederfinde. Einen herzlichen Gruß nach Südafrika an dieser Stelle!
Niemand war dafür zuständig, mir zu helfen, verlangen konnte ich es nicht, und trotzdem half jemand. Mit einem Lächeln.
Unsere politische Sprache kennt Solidarität dagegen fast nur noch als euphemistische Bezeichnung für Zwangsabgaben. Burning Man erinnert einen daran, dass Menschen einander auch dann helfen, wenn weder Gesetz noch Förderprogramm sie dazu anhalten. Sie tun es vielleicht sogar lieber, wenn man sie vorher nicht dazu verpflichtet und anschließend für ihre Mitmenschlichkeit besteuert.
Kaffee ohne Kasse
Ein Prinzip dürfte bei manchen Libertären Fragen aufwerfen, denn verkaufen dürfen die Teilnehmer nichts, auch Werbung und Logos sind unerwünscht. Ein Verkaufsverbot! Ausgerechnet. Auf den ersten Blick klingt das nach antikapitalistischer Folklore. Tatsächlich zeigt es, wie weit freiwillige Ordnung reicht. Menschen dürfen sich bewusst einen Raum schaffen, in dem andere Umgangsformen gelten. Jeder tritt freiwillig ein und kennt die Bedingungen. Wem das nicht passt, der kauft eben kein Ticket. Außerhalb der Playa wurden Zelte, Fahrräder, Generatoren und Lebensmittel ganz gewöhnlich gekauft und bezahlt. Innerhalb bewertet jemand, der Fremden morgens Kaffee kocht, die Begegnung höher als den möglichen Verkaufserlös. Dass Menschen nach selektiven Zielen handeln und Geld nur eines davon ist, hat die Österreichische Schule nie bestritten.
Die Grenzen des Experiments
Wer Burning Man jetzt zum Staatsmodell erklären will, sollte aber vielleicht kurz innehalten. Burning Man ist keine libertäre Utopie. Die Tickets sind teuer, die Veranstalter benötigen Genehmigungen und bezahlte Mitarbeiter, es gibt Sicherheitskontrollen, die Polizei ist vor Ort. Und auch unter Burnern gibt es ab und zu Rücksichtslosigkeit und, ja, manchmal verschwindet auch ein Fahrrad. Eine Gemeinschaft, deren Mitglieder freiwillig zusammenfinden und nach acht Tagen wieder abreisen, lässt sich nicht auf 80 Millionen Menschen hochrechnen. Wer das versucht, hat vermutlich zu viel Playa-Staub eingeatmet. Ein Experiment muss jedoch kein fertiger Staatsentwurf sein, um etwas zu verdeutlichen.
Nach acht Tagen verschwindet Black Rock City wieder. Jeder packt seinen Müll ein, und einige Wochen später ist von der Stadt in der Wüste absolut nichts mehr zu sehen. Nicht eine Paillette bleibt übrig. Zehntausende Erwachsene, von denen man erwartet, dass sie vorsorgen, einander helfen und ihren Dreck selbst wegräumen, tun das offenbar erstaunlich zuverlässig. Wie lange bräuchte wohl ein deutsches Bauamt, um eine solche Stadt zu genehmigen und wie lange die Politik, um ihr jeden Spaß auszutreiben?
Kommentare
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