31. Oktober 2026 10:00

Schienenverkehr Vorschlag für mehr Pünktlichkeit der Bahn: Weniger Züge auf der Strecke

Marodes Netz setzt dem Angebot Grenzen

von Oliver C. Racke drucken

Bahnverkehr: Weniger Verbindungen als Ausweg aus der Überlastung?
Bildquelle: Redaktion Bahnverkehr: Weniger Verbindungen als Ausweg aus der Überlastung?

Die Deutsche Bahn lässt ein neues Gremium namens „Robuster Fahrplan“ prüfen, wie sich die Pünktlichkeit kurzfristig verbessern lässt. Ein diskutierter Vorschlag lautet, auf überlasteten Strecken weniger Züge fahren zu lassen, etwa zwischen Berlin und Hamburg nur noch stündlich statt im Halbstundentakt. Hintergrund sind marode Infrastruktur, hohe Überlastung und stark gestiegene Verspätungen.

Der Vorschlag ist ein Eingeständnis des eigentlichen Problems: Es wurde ein System aufgebaut, das mehr Verkehr verspricht, als die Infrastruktur tragen kann. Wenn auf mehr als zehn Prozent der Strecken die Auslastung über 115 Prozent liegt, dann ist das kein Betriebsdetail, sondern ein Planungsversagen. Die Antwort darauf ist jedoch nicht automatisch, den Betrieb per Gremienlogik zu steuern. Wer Kapazitätsmangel mit Fahrplanverknappung bekämpft, verwaltet den Mangel, statt ihn zu beseitigen.

Das Problem liegt in der Anreizstruktur. Die Bahn steht unter politischem Druck, gleichzeitig Ausbau, Sanierung, Verlässlichkeit und Angebotsausweitung zu liefern. Das passt nicht zusammen, wenn die Infrastruktur jahrzehntelang vernachlässigt wurde und nun im laufenden Betrieb saniert werden soll. Dann entsteht der reflexhafte Impuls, die Statistik zu glätten, statt echte Leistungsfähigkeit zu schaffen. Weniger Züge können kurzfristig Puffer schaffen. Sie lösen aber nicht die Ursache der Unpünktlichkeit. Sie verschieben das Defizit nur auf die Fahrgäste, die dann mit selteneren und volleren Zügen leben müssen.

Genau hier zeigt sich die Logik des zentral gesteuerten Verkehrssystems. Der einzelne Reisende trägt die Folgen der Überlastung, hat aber kaum Einfluss auf Angebot, Taktung oder Investitionsentscheidungen. Entscheidungen wandern in Kommissionen, Aufsichtsräte und politische Abstimmungen. Damit verschiebt sich die Verantwortung von dezentralen Nutzern und Anbietern hin zu einem Geflecht aus Behörden, Gremien und beauftragten Experten. Das erzeugt nicht mehr Verlässlichkeit, sondern mehr Verfahren.

Auch die Formulierung, man wolle den Menschen „die Wahrheit sagen“, ist aufschlussreich. Gemeint ist offenbar: Der Zustand des Netzes erlaubt keinen normalen Betrieb mehr. Daraus folgt aber nicht, dass ein neues Expertengremium die richtige Antwort ist. Wenn eine Infrastruktur nur noch mit künstlicher Verknappung funktioniert, dann ist sie politisch und organisatorisch missbraucht worden. Dann braucht es keine Fahrplanphilosophie, sondern klare Zuständigkeiten, harte Kostendisziplin und Entscheidungen, die sich an Leistung statt an Symbolik orientieren.

Weniger Züge können eine Übergangslösung sein. Als Leitlinie für ein modernes Verkehrssystem ist das ein Armutszeugnis.


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