09. September 2026 06:00

Wahlanalyse Die Jungen bezahlen, die Alten bestimmen

Wie die Altenparteien sich mit Hilfe der Rentner an die Macht krallen

von Oliver Gorus drucken

Wahlverhalten: Mittelschicht wählt AfD häufiger
Bildquelle: Redaktion Wahlverhalten: Mittelschicht wählt AfD häufiger

Am Montag lag in den Redaktionen die nach den Wahlen übliche Siegergrafik. Daneben eine zweite, fast unbeachtet: Bei den 35- bis 44- und den 45- bis 59-Jährigen holt die AfD 52 und 53 Prozent. Absolute Mehrheit in beiden Altersgruppen der Lebensmitte.

In der Lebensmitte klingelt morgens der Wecker, Schichtbeginn, Lehrlingslohn, Beitragssatz, Steuerbescheid. Die CDU hat damit nichts zu tun: Sie kommt hier bei den 35- bis 44-Jährigen auf 9 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen auf 5 Prozent.

Erst jenseits der 70 wird sie überhaupt relevant: knapp 31 Prozent zu 31 Prozent gegen die AfD. Auch die SPD bleibt unter Erwerbstätigen eine irrelevante Randnotiz und erreicht bei den Ältesten am meisten, immerhin 13 Prozent. Die beiden sogenannten „Altparteien“, die im Bund regieren, sind eigentlich „Altenparteien“.

Und logischerweise ist die AfD somit nicht nur die Partei der Lebensmitte, sondern auch die Partei der Nettozahler: Bei den Arbeitern erzielt die AfD 61 Prozent. Bei den Selbstständigen 52 Prozent.

Bei den Nettoempfängern dagegen bleibt sie weit hinter der absoluten Mehrheit: bei den Beamten 20 Prozent. Bei den Rentnern 38 Prozent. Sachsen-Anhalt hat in Form von Wählerstimmen ausgezählt, was in den Umverteilungskassen längst steht: Die Mitte zahlt mit Fleiß, Können und jeder Menge Lebenszeit ein, mehr als ihnen lieb ist. Aber an den Kassenbestand krallen sich die Altenparteien und lassen nicht los.

Ein Meistergehalt speist Lohnsteuer und den Arbeitnehmeranteil in Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Die Beamtenpension kommt aus dem Landeshaushalt, die gesetzliche Rente aus den Beiträgen der noch Erwerbstätigen. Was später als Einkommensteuer des Pensionärs oder Rentners zurückfließt, ändert nichts daran, wer einzahlt. Nettozahler sind die, ohne deren Werkhalle und Betrieb beide Systeme leer liefen.

Die Über-70-Jährigen setzen ihr Kreuz auf dem Stimmzettel deshalb dort, wo das Umlagesystem und der Besitzstand zusammenfallen. Ihr Monat hängt am Rentenbescheid und am Versprechen, das Niveau zu halten. Jede Veränderung ist für sie ein Risiko auf dem nächsten Rentenbescheid. Für den 42-Jährigen mit zwei Kindern aber ist der Stillstand das Risiko. Er zahlt den Sozialbeitrag, der sich der Marke von 50 Prozent nähert, und sieht das Land wie einen Betrieb, der nicht an die nächste Generation übergeht, obwohl das längst überfällig wäre.

Auf einem Hof kommt der Abend, an dem dem Sohn klar wird, dass er es ist, der die Bücher führt, die Saat einkauft, den Traktor instand hält, den nächsten Tag plant und die ganze Arbeit macht, während der Vater am Essenstisch allen erklärt, wann und wie das Feld zu mähen ist. In einem gesunden Familienbetrieb bleiben die Alten natürlich im Haus und am Tisch. Manchmal haben sie aus Erfahrung noch einen guten Rat. Niemand muss aufs Altenteil abgeschoben oder entmündigt werden. Aber die Entscheidungen muss eben irgendwann der treffen, der die Arbeit und den Umsatz macht. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der Sohn dem Vater das Heft des Handelns aus der Hand nimmt und sich gegenüber den sturen Belehrungen des Seniorchefs durchsetzt. Würde der Alte seinen Betrieb nicht an die tätige Generation übergeben, müsste der Sohn den Hof verlassen und sein Glück woanders suchen. Das ist der natürliche Lauf der Dinge.

In Deutschland haben die Altenparteien weiter die Geschäftsführung. Sie halten sich nur noch mit den Rentnerwählern an der Macht, aber sie belehren die Jungen stur weiter und verwalten seit Jahren nur noch den Stillstand. CDU und SPD zehren von einer schweren Rentnerkohorte und vom öffentlichen Dienst, dessen Bezüge aus dem Haushalt kommen. In Sachsen-Anhalt, einem statistisch besonders alten Bundesland, reicht diese Reserve noch, um das Wahlergebnis der auf Ablösung drängenden Partei der Lebensmitte unter die absolute Mehrheit zu drücken.

Knapp 78 Prozent sind zur Urne gegangen, so viele wie bei keiner Landtagswahl des Landes seit der Wiedervereinigung. Die junge Generation, die die Arbeit macht und alles bezahlt, will jetzt endlich auch bestimmen dürfen.

Ob in Magdeburg eine Regierung daraus wird, hängt an 39 AfD-Sitzen ohne Partner und an fünf Fraktionen, die ohne sie knapp die Mehrheit hätten. Am Tisch werden noch Reden geschwungen, wie das Feld zu mähen ist. Der Junior ist bereits ins Bett gegangen, weil morgen ein harter Tag ist.


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