13. März 2024

Oscars 2024 Ein längst überfälliger Hauptgewinn, Wokeness am Rande des Nervenzusammenbruchs und ein vermeintlicher Skandal

Lasst alle Algorithmen doch mal fahren

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Featureflash Photo Agency / Shutterstock „And the winner is …“: Interessiert immer weniger Menschen

Man kann niemandem erklären, was die Matrix ist. Man muss sie bei Oscar-Verleihungen selbst erlebt haben. Kleiner Scherz.

Der aber von der Wirklichkeit nicht wirklich weit entfernt ist. Sind bestimmte Leitmotive erst einmal einprogrammiert, verlaufen die Verleihungen mehr oder weniger algorithmisch: Ich danke der Academy für die Ehre, Mami und Papi, meinem Agenten und Produzenten, und übrigens, was ich noch sagen wollte: Barbenklimadiversitykraine!

Tja. Da hatte die Wokeness doch fest damit gerechnet, dass Greta Gerwigs „Barbie“ ganz groß abräumen werde, und dann – für den Vater nichts. Bitte nicht missverstehen: Sie ist eine gute Regisseurin, was sie mit Filmen wie „Lady Bird“ und „Little Women“ unter Beweis gestellt hat. Dass ihre – heutzutage erwartbar genug – „geschlechterpolitisch“ (definitiv ein Kandidat für das Unwort des Jahres) aufgeladene Satire über die wohl berühmteste „Patriarchatspuppe“ der Welt jedoch leer ausging, ist gerade im „wachen“ Hollywood kaum als Affront gegen Feminismus zu werten. Stattdessen darf man vermuten, dass die Jury sich wahrscheinlich unwohl fühlte beim Gedanken, nur noch korrekte Filme auszuzeichnen …

Denn wo würde das hinführen? Geht es noch um die technischen und künstlerischen Aspekte des Filmemachens oder um die Erfüllung woken Plansolls? Außerdem wurden bereits genug Oscars aus politischen (zum Beispiel „Argo“) oder filmindustriell-gruppennarzisstischen Spieglein-Spieglein-Gründen vergeben. Wie zum Beispiel Peter Jacksons „Herr der Ringe“: elf Oscars (!) für eine Trilogie, die zwar hinsichtlich der „Production Values“ zweifellos State of the Art, Top of the Pops und auch recht unterhaltsam war, beim Geschichtenerzählen aber viele zentrale, philosophisch hochinteressante Aspekte von Tolkiens saturnischer Allegorie am Straßenrand bombastischer CGI (Computer Generated Imagery) stehen ließ. Sie wurden vom Effektwinde verweht, sozusagen. Co-Star Viggo Mortensen beklagte in einem Interview einmal genau dieses Übergewicht des zeitgenössischen Mainstream-Blockbusterkinos: zu viel visueller Zuckerguss, zu wenig narrative Ballaststoffe.

Und das ganz große Meisterwerk, zu dem „Barbie“ vor allem von einer Presse gehypt wurde, der vor lauter Überpolitisierung regelmäßig die Halsschlagadern platzen, war es nun mal nicht. Heult doch. Der letzte wirklich weit herausragende Film, der elf Oscars hätte mitnehmen müssen, war der vor lauter Kreativität und Originalität förmlich explodierende Geniestreich „Everything Everywhere All At Once“, der immerhin sieben der Trophäen mit nach Hause nehmen durfte. Vor allem in den wichtigsten Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und vor allem „Bestes Original-Drehbuch“ – so eine abgedrehte neokafkaeske Geschichte über bürokratieinduzierte Fluchten in befreiende Parallelwelten, wo man alles sein kann, was man als Staatsbürger nicht sein „darf“, muss einem ja erst mal einfallen.

Wenn skandalös sein soll, dass „Barbie“ leer ausging (abgesehen von einem Oscar für den besten Song, „What I was made for“, eingesungen beziehungsweise gewohnt schläfrig genuschelt von Billie Eilish) – was ist dann bitte mit dem für zehn Oscars nominierten „Killers of the Flower Moon“ von Martin Scorsese? Der ging zwar enttäuschender-, aber wiederum erwartbarerweise leer aus: Die Oscar-Jury, soviel dürfte ja bekannt sein, hegt nicht allzu viel Sympathien für Filme, die mit der Geschichte Amerikas etwas härter ins Gericht gehen. Das war schon bei Scorseses grandiosem „Gangs of New York“ so – auch dieser Film hätte eigentlich eine stattliche Zahl Oscars einsacken müssen, wurde aber sträflich vernachlässigt. Der Film trug den Untertitel „America was born in the streets“, Amerika wurde in den Straßen geboren – das konnte ja nicht gut gehen, wo doch jeder weiß, dass Amerika Platos Sphäre der reinen, unbefleckten Ideen entsprang.

Mit dem längst überfälligen Hauptgewinn meine ich natürlich den Oscar für den 47-jährigen Iren Cillian Murphy: Höchste Zeit, dass er eine Hauptrolle erhielt, in der er sein ganzes Können ausspielen konnte – gerade nach seiner fulminanten Darstellung in der Serie „Peaky Blinders“. Dass Christopher Nolan eine Trophäe als bester Regisseur einheimste, war auch nur eine Frage der Zeit: Sein „Inception“ ist jetzt schon ein moderner Klassiker der Science-Fiction, und in „Interstellar“ stellte er das übliche Laser-statt-Colts-Dauergeballer der großen SciFi-Neowestern im Weltraum auf den Kopf, indem er sich ganz auf die menschliche Ebene interstellarer Reisen konzentrierte: Exemplarisch dafür steht die grandiose Szene, als Cooper (Matthew McConaughey) von einer Außenmission auf einen Planeten zurückkehrt, auf dem die Zeit sehr viel langsamer vergeht. Für ihn verging dabei noch nicht mal eine Stunde, aber seine Tochter, die er als kleines Kind auf der Erde zurückließ, ist bereits über 30. Mit diesen überwältigenden Dimensionen konfrontiert, verliert er völlig die Fassung und heult sich die Seele aus dem Leib.

Da verzeiht man ihm Ausrutscher wie den als Actionfilm zwar kurzweiligen, aber mit Blick auf die Grundprämisse der Story völlig unplausiblen (und obendrein von Anfang bis Ende mit krassen Logikbrüchen gespickten), für Nolan-Verhältnisse sehr schlecht durchdachten „Tenet“ gerne: Ein Mensch, der seine Entropie „umkehrt“, wäre in kürzester Zeit mausetot. Da alles in ihm entropisch „rückwärts“ läuft, könnten seine Körperzellen keine Nährstoffe mehr verarbeiten, um die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten; sein Herz würde „rückwärts“ schlagen – ja, sage mal Christopher, was hast du dir dabei gedacht? Ein solcher Mensch wäre zudem stockblind und -taub, da ein „entropisch invertiertes“ Gehirn keinerlei Signale aus der Umwelt mehr verarbeiten könnte und so weiter. Niemand bei Trost erwartet von Hollywoods SciFi-Filmen unverbrüchliche Realismustreue, aber ein wenig Plausibilität sollte schon sein. Da sagt eine weibliche Filmfigur zum „Protagonisten“ (John David Washington, Sohn der Hollywood-Ikone Denzel Washington): „Vergessen Sie nicht: Sie sind invertiert, der Rest der Welt ist es nicht“, aber trotzdem lässt Nolan seine Figuren auf diese Weise durch die Zeit zurückreisen. Das war natürlich völliger Murks. „Tenet“ wirkte, als habe Nolan mit aller Macht die komplizierteste, vertrackteste Geschichte der Welt schreiben wollen – woran er sich leider schwer verhob.

Im Gegensatz zu „Oppenheimer“: Es scheint fast, als sei „Tenet“ in puncto verschalteter Erzählstruktur nur eine Art „Warmlaufen“ gewesen, ein Studienkurs, dem sich der Regisseur selbst unterzog. Denn im Nachfolger verhaspelt sich Nolan nicht mehr, sondern liefert ein zu Recht belohntes Lehrstück ab, was intelligentes Erzählen in Verbindung mit atemberaubender dramaturgischer Fokussierung betrifft. Auch Zuschauern wird dabei einiges abverlangt: Man muss dem Film wach und aufmerksam folgen, „Oppenheimer“ ist kein Kino für zwischendurch, kein Nebenbeivertreib. Dass auch dieser Film abseits seiner offensichtlichen Qualitäten zumindest einige Hintergründe der Entwicklung der Atombombe außer Acht lässt, darüber braucht sich niemand mehr zu mokieren: Hallo, das ist Hollywood, keine Professur in Geschichtswissenschaften. Ebenso gut könnte man Ridley Scotts „Gladiator“ dafür tadeln, kein archäologisch penibel genaues Abbild des alten Roms geliefert zu haben, oder seinen „Napoleon“ mit Joaquin Phoenix in der Rolle des Kaisers dafür, eine ganze Menge hochinteressanter Informationen über seine Hauptfigur und die Französische Revolution unberücksichtigt gelassen zu haben. Es ist eine Unterhaltungsindustrie, kein Weihetempel höherer Bildung. Wenn Nolan also nicht zur Gänze erklärt, warum Julius Robert Oppenheimer eigentlich vorschlug, die Atomtechnik unter Aufsicht einer globalen Regierung zu stellen, wäre es unfair, daraus einen Vorwurf zu stricken: Im Vergleich zu manch anderen Historienfilmen ist „Oppenheimer“ immer noch ein Musterbeispiel für Recherche und die gelungene Fusion aus Hirn und Unterhaltung.

Die Moderation der Preisverleihung hingegen war die ödeste seit Jahren. Kein Wunder, denn ein Jimmy Kimmel ist nun mal kein Steve Martin oder Billy Crystal. Kimmel ist ohne Frage Klassenbester, der immer genau das sagt, was der Herr Lehrer hören will. Sein Humor ist meistens angeleint – bloß nicht unkorrekt werden. Für alle Witze unterhalb der Gürtellinie des jeweils zeitgeistig Erlaubten gilt bei ihm: Wir müssen draußen bleiben! Etwas abstrakter ausgedrückt: Man könnte auch von Treibholz-Humor sprechen. Die Antithese dazu wären Ricky Gervais’ brachiale Tiefschläge bei den Golden Globes: Seine freie und freche Schnauze ist der Eisberg, der den Bauch des Glitzer-und-Glamour-Luxusdampfers lustvoll aufreißt. Bislang traute man sich trotz aller Zuschauerwünsche nicht, ihn die Oscars moderieren zu lassen – unklug eigentlich, denn gerade Hollywood lebt durchaus gerne von (nicht selten inszenierten, quotenschielenden) Kontroversen. Kaum auszudenken, in welche Höhen die Zuschauerquote schnellen könnte, würde man einen Gervais auf die Oscars 2025 loslassen.

Dass die alljährlichen Zeremonien rund um den „Goldjungen“ stattdessen schon seit Jahren an Zuschauern verlieren, ist dem engen Korsett geschuldet, das die Industrie sich selbst anlegte. Wie gesagt: Barbenklimadiversitykraine! Oder sonst irgendwelche Talking Points, die gerade durch die Modemangel gedreht werden. Das Personal ist sich dessen bewusst: Viele Promis haben davon selber die Nase voll und sind – nach allem, was man aus Hollywood hört – hinter vorgehaltener Hand froh, wenn die stundenlangen Preisbeschmeißungsrituale vorbei sind. Schön und gut, aber es liegt ja in ihrer Hand. Dann traut euch halt mal mehr. Ich kann euch versichern, es würde euch gedankt.

Doch genug der Meckerei. Die Oscars sind trotz aller berechtigten Vorwürfe weitaus überraschender als die jährliche Verleihung des Böhmermann-Preises an Adolf Grimme.

Bis nächste Woche.


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