22. März 2024

Weltliteratur Das Ende der Wahrheit

80 Jahre nach „The Road to Serfdom“ (Teil 12)

von Carlos A. Gebauer

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Bildquelle: goodluz / Shutterstock „Die“ eine Wahrheit: Früh indoktriniert es sich am leichtesten

Die analytische Brillanz, mit der Hayek den weiteren „Weg zur Knechtschaft“ aus der ihm erkennbaren Geschichte weiter vorhersah, ist gleichermaßen beeindruckend wie bedrückend. Wie das menschliche Individuum in eine anonyme gesellschaftliche Masse eingefügt und ihm seine einzigartige personale Würde genommen wird, war von Hayek bereits in dem Kapitel „Wer regiert wen?“ thematisiert worden. Mittels äußerer Verhaltensnormen wird dieser Vermassungsprozess ebenso gezielt wie subtil in die Seele jedes Einzelnen hineingetragen: „Die Sozialisten waren die Ersten, die darauf hielten, dass das Parteimitglied sich von anderen Menschen durch die Formen des Grußes und der Anrede unterscheiden sollte.“ Im Kapitel über den „Triumph über die menschliche Gemeinheit“ konkretisiert Hayek diesen Mechanismus: „Um einer einzelnen Gruppe überwältigende Macht zu verleihen, braucht man dasselbe Prinzip nur etwas weiter auszubauen und die Macht statt auf die Stimmen breiter Massen auf die uneingeschränkte Unterstützung einer kleineren, aber umso fester organisierten Gruppe zu gründen.“ Die hierzu notwendige Loyalität breiter Bevölkerungsschichten zum jeweiligen Führer erwächst schließlich aus einer gezielt gesteuerten Haltung dieser Massen, wie Hayek nun in dem Kapitel über das „Ende der Wahrheit“ erläutert.

„Wenn ein totalitäres System gut funktionieren soll, genügt es nicht, jeden Einzelnen nur zur Arbeit für dieselben Ziele zu zwingen. Es ist von ausschlaggebender Bedeutung, dass das Volk dahin gebracht wird, sich auch mit diesen Zielen zu identifizieren. Wenn in den totalitären Staaten die Unterdrückung im Allgemeinen dennoch viel schwächer empfunden wird, als sich das die meisten Menschen in liberalen Ländern vorstellen, dann deshalb, weil es den totalitären Regierungen in hohem Maße gelingt, das Denken der Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen.“

In seiner weiteren Beschreibung, wie eine solche Manipulation der Masse zu deren Gefügigmachung gelingen kann, erläutert Hayek: „Wenn alle Informationsquellen wirksam von einer einzigen Stelle kontrolliert werden, dann handelt es sich nicht mehr darum, die Menschen von diesem oder jenem zu überzeugen. Der geschickte Propagandist hat es dann vielmehr in der Hand, die Geister in jeder von ihm gewollten Richtung zu formen. Und selbst die Intelligentesten und geistig Unabhängigsten können sich diesem Einfluss nicht ganz entziehen, wenn sie nur lange genug von allen anderen Informationsquellen abgeschnitten sind.“

Aus der Sicht des Jahres 2024 mit allen heute diskutierten Einschränkungen und Kontrollmöglichkeiten öffentlicher Kommunikation erweisen sich auch diese Beobachtungen Hayeks als hellsichtig. Denn es will den Anschein haben, als keime der Geist überwunden geglaubter staatlicher Zensur erneut auf, um einen sonst heute technisch weitläufig und hindernisfrei möglichen herrschaftsfreien Diskurs innerhalb der Gesellschaft zu kanalisieren. Ob es gelingen wird, diese Kanalisation im Sinne der Definition Hayeks „totalitär“ auszugestalten, bleibt abzuwarten. Sollte eine solche Dystopie real werden, wären die weiteren Überlegungen Hayeks beachtenswert: „Die moralischen Folgen der totalitären Propaganda sind tieferer Art. Sie vernichten jegliche Moral, da sie eine ihrer Grundlagen unterminieren, nämlich den Sinn für die Wahrheit und die Achtung vor ihr. Nach der Natur ihrer Aufgabe kann totalitäre Propaganda sich nämlich nicht auf Wertvorstellungen beschränken, sondern sie muss auch auf faktische Fragen ausgedehnt werden; denn denen gegenüber verhält sich der menschliche Verstand anders.“

Sobald der Staat die Planung des gesamten Wirtschaftslebens erst einmal übernommen hat, weist er nicht nur – wie bereits im Kapitel „Wer regiert wen?“ beschrieben – jedem Bürger eine konkrete Stellung und eine konkrete Aufgabe mit entsprechend behördlich zugeteilten Belohnungen zu. Die zentrale Planungsbehörde entscheidet auch über das angezielte Gesamtergebnis aller kollektiv erwirtschaften Arbeitsfrüchte insgesamt. Indem sie sich dabei aber für einen konkreten Weg entscheiden muss, schließt sie denknotwendig alle anderen ursprünglich ebenfalls möglichen Handlungsziele als Optionen aus.

Um nun aber genau ihr eigenes konkretes Tun als das alleine folgerichtige und legitim akzeptable erscheinen zu lassen, muss sie es entsprechend als plausibel und überzeugend propagieren. Dies betrifft sowohl die Werturteile, auf denen ihre Entscheidungen beruhen, als auch die tatsächlichen Zusammenhänge, innerhalb derer sie erklärt, sich bewegen zu müssen: „Während die Planwirtschaftsbehörde einerseits ständig Werturteile fällen muss, für die keine bestimmten ethischen Normen bestehen, muss sie andererseits ihre Entscheidungen vor dem Volk rechtfertigen – oder die Bürger mindestens irgendwie glauben machen, dass ihre Entscheidungen richtig seien. Die Notwendigkeit, seinen Neigungen und Abneigungen, von denen der Planwirtschaftler sich in Ermangelung anderer Anhaltspunkte in seinen Entscheidungen leiten lassen muss, auch eine objektive Begründung zu geben und die weitere Notwendigkeit, diese seine Gründe in eine Form zu kleiden, in der sie möglichst vielen Menschen plausibel sind, werden ihn also dazu zwingen, entsprechende Theorien aufzustellen – das heißt Behauptungen über die Zusammenhänge zwischen Tatsachen, die dann ihrerseits integrierender Bestandteil der nun herrschenden Weltanschauung werden. Dieser Vorgang der Schaffung eines ‚Mythos‘, der die Politik rechtfertigen soll, braucht nicht einmal bewusst zu sein. Die Notwendigkeit solcher offiziellen Lehren als eines Mittels, um das Streben der Bevölkerung zu lenken und zusammenzufassen, war von verschiedenen Theoretikern des totalitären Systems bereits klar vorausgesehen worden. Platos ‚edle Lügen‘ dienen dem gleichen Zweck wie die Rassenlehre der Nationalsozialisten. Sie alle beruhen notwendigerweise auf bestimmten Ansichten über die Tatsachen, die dann zu wissenschaftlichen Theorien ausgebaut werden, um eine vorgefasste Meinung zu rechtfertigen.“

Es ist hier nicht die Stelle, eine Kasuistik aller derjenigen Tatsachenbehauptungen niederzuschreiben, die heute – 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Werkes – zur Grundlage veröffentlichter Meinungen und politisch liebsamer Verhaltensweisen geworden sind. Auffällig allerdings ist durchaus, dass die in den vergangenen Jahrzehnten besonders vehement vorangetragenen staatlichen Programme regelhaft eine Gemeinsamkeit aufwiesen: Sie zielten auf Themen, die in einem öffentlichen, auf demokratische Mehrheiten angewiesenen Diskurs gleichsam strukturell negationsresistent waren. Konkret: Wer könnte Einwendungen gegen die Bewahrung der Natur, gegen den Schutz der Gesundheit oder gegen die Bekämpfung des Terrors erheben? Die Verkürzung aller eigentlich feiner argumentativer Differenzierung verlangender Diskurse auf grobkörnige Debatten mit wenig ausgefeilten Termini wird begleitet von einer konsequenten Aushöhlung herkömmlich etablierter Begriffsinhalte: „Das Volk wird dahin gebracht, seine Anhänglichkeit an die alten Götter auf die neuen zu übertragen. Die erfolgreichste Technik zu diesem Zweck besteht darin, die alten Worte beizubehalten, aber ihren Sinn zu ändern. Wenige Merkmale sind so charakteristisch für die ganze geistige Atmosphäre wie die völlige Verdrehung der Sprache und der Bedeutungswandel der Wörter. Der Hauptleidtragende in dieser Beziehung ist natürlich das Wort ‚Freiheit‘. Freiheit ist hier nicht mehr die Freiheit der Glieder einer Gesellschaft, sondern nur die unbeschränkte Freiheit des Planers. Hier erreicht die Konfusion von Freiheit und Macht ihren Höhepunkt.“ Nach und nach werde so auf dem Weg in die Knechtschaft die ganze Sprache semantisch geplündert: „Wir haben schon gesehen, wie dasselbe mit den Wörtern Gerechtigkeit, Gesetz, Recht und Gleichheit geschieht.“

In seinem Werk „Die Verfassung der Freiheit“, die Hayek 16 Jahre nach „The Road to Serfdom“ veröffentlichte, entwickelte er die hier skizzierte Darstellung über den Verfall des Rechtes detaillierter fort. Dort formulierte er: „Die beste Schilderung dieser Entwicklungen verdanken wir einem nicht-kommunistischen russischen Gelehrten [Boris Mirkin-Getzewitsch, 1892–1955], der bemerkte, dass das, was das Sowjetsystem von sämtlichen übrigen despotischen Staatsformen der Gegenwart und Vergangenheit unterscheidet, ist, dass es einen Versuch darstellt, den Staat auf Grundsätzen zu begründen, die denen eines Rechtsstaates entgegengesetzt sind.‘ Oder, wie es ein kommunistischer Theoretiker ausdrückt: ‚Alles, was nicht speziell erlaubt worden ist, ist verboten.‘ Im Jahre 1927 erklärte der Präsident des sowjetischen Obersten Gerichtshofes in einem offiziellen Handbuch des Privatrechts: ‚Kommunismus bedeutet nicht den Sieg des sozialistischen Rechts, sondern den Sieg des Sozialismus über jedes Recht, da das Recht überhaupt verschwinden wird.‘ Die Gründe für dieses Stadium der Entwicklung wurden am besten von dem Rechtstheoretiker Eugen Paschukanis [1891–1937] erklärt: ‚Da in einer sozialistischen Gemeinschaft kein Raum für autonome private Rechtsbeziehungen ist, sondern nur für Regelung im Interesse der Gemeinschaft, ist alles Recht in Verwaltung übergeführt und alle festen Regeln in Ermessen und Nützlichkeitserwägungen.‘“

Dass in solchen Kontexten Einwendungen und Gegenargumente auf dem Weg zum richtigen Glück aller nur stören, liegt auf der Hand. 1944 formuliert Hayek hierzu: „Es ist nicht schwer, der großen Masse das selbständige Denken abzugewöhnen. Aber auch die Minderheit, die sich eine Neigung für Kritik bewahrt, muss zum Schweigen gebracht werden. Wie wir schon gesehen haben, darf der staatliche Zwang nicht darauf beschränkt werden, nur den Moralkodex aufzuzwingen, der dem Gesamtplan der Gesellschaft zugrunde liegt. Der Plan muss darüber hinaus auch in allen seinen Teilen als unantastbar und als über jede Kritik erhaben erklärt werden.“

Es wäre wohl anzunehmen, dass ein Staat, der diesen Beschreibungen Hayeks entspräche, dazu aufrufen würde, nur und ausschließlich den offiziellen Verlautbarungen Glauben zu schenken und sich keinesfalls auf inoffizielle Quellen zu verlassen. Auch das Propagieren einer nur einzigen verlässlichen wissenschaftlichen Theorie, der zu folgen sei, dürfte in einem solchen Kontext erkennbar werden.

Darstellungen dieser Art können allerdings nicht auf nur einem einzigen Kommunikationskanal verbreitet werden. Sie brauchen, um wirkmächtig zu werden, eine breitere Plattform: „Tatsachen und Theorien müssen daher ebenso zum Gegenstand der amtlichen Doktrin werden wie die Wertvorstellungen. Der ganze Bildungsapparat, Schulen, Presse, Radio und Kino, sie alle werden ausschließlich zur Propagierung derjenigen Ansichten verwandt werden, die – egal, ob wahr oder falsch – den Glauben an die Richtigkeit der von der Regierung getroffenen Entscheidungen stärken. Jede Nachricht, die Zweifel oder Zaudern verursachen könnte, wird unterdrückt werden. Und ob eine bestimmte Information veröffentlicht oder zurückgehalten werden soll, hängt einzig und allein davon ab, welches ihre wahrscheinliche Wirkung auf die Treue zum Regime sein wird. Alles, was Zweifel an der Weisheit der Regierung oder Unzufriedenheit erregen könnte, wird dem Volk dann vorenthalten.“ Bei alledem verliere auch das Wort „Wahrheit“ zwangsläufig seine hergebrachte Bedeutung. Wahrheit lasse sich nicht mehr finden, sondern: „Die Wahrheit wird jetzt zu etwas autoritativ Vorgeschriebenen.“

Hayek schließt sein Kapitel über „Das Ende der Wahrheit“ mit grundlegenden Betrachtungen über das Verhältnis von Intellektuellen zu Freiheit und Meinungsunterschieden: „Am meisten muss uns vielleicht die Tatsache alarmieren, dass die Verachtung für die geistige Freiheit nicht erst auftritt, nachdem ein totalitäres System errichtet worden ist. Wahrscheinlich stimmt nämlich, dass Menschen meist nicht fähig sind, selbständig zu denken, und also in der Regel vorgekaute Meinungen schlucken. In jeder Gesellschaft dürfte die Gedankenfreiheit daher nur für eine kleine Minderheit von Bedeutung sein. Das heißt allerdings nicht, dass irgendeiner dazu berufen ist oder die Macht haben sollte, diejenigen auszuwählen, denen die Gedankenfreiheit vorbehalten bleiben soll. Denn unter keinen Umständen kann irgendeine Gruppe sich deshalb anmaßen, das Denken und den Glauben der Menschen bestimmen zu wollen.“

Zum Kern einer freien Gesellschaft gehöre vielmehr, Zweifel zuzulassen und neue Ideen in den Umlauf setzen zu können, da sich gerade dieser soziale Prozess als die Grundlage des weiteren Wachsens von Vernunftwissen darstelle. Obgleich es anstrengend ist, muss man solchen Widerstreit im Denken und Glauben des öffentlichen Diskurses aushalten, denn: „Der Individualismus ist eine Haltung der Demut angesichts dieses sozialen Prozesses und eine Haltung der Duldsamkeit gegenüber anderen Meinungen. Er ist also das genaue Gegenteil jener intellektuellen Hybris, aus der das Verlangen nach einer umfassenden Lenkung des gesamten sozialen Prozesses entspringt.“

Nach diesen eher psychologischen Betrachtungen wendet sich Hayek im nun folgenden Kapitel der sozialistischen Wurzel des Nationalsozialismus zu.

(wird fortgesetzt)


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