19. April 2024 12:00

Weltliteratur Ausblick auf die internationale Ordnung

80 Jahre nach „The Road to Serfdom“ (Teil 16)

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

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Bildquelle: M-SUR / Shutterstock Prophetischer Weitblick: Hayek sah bereits vor 80 Jahren den unausweichlichen Niedergang der (damals noch nicht existenten) EU voraus

Das 15. und letzte Kapitel der „Road to Serfdom“ widmet Hayek einem Ausblick auf die weiteren Entwicklungen der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Frappierend ist dabei nicht nur die Nüchternheit, mit der er – aus der Perspektive des Jahres 1944 – die zu erwartende Kooperation der zu diesem Zeitpunkt noch auf Leben und Tod miteinander kämpfenden Nationen postuliert. Irritierend ist insbesondere aus dem Rückblick des Jahres 2024, welche heute akuten und aktuellen Probleme dem europäischen Kontinent (und vielleicht darüber hinaus weiten Teilen der Welt) hätten ersparten bleiben können, wenn entscheidende Akteure das Werk Hayeks gelesen, verstanden und in die praktische Politik umgesetzt hätten.

Konkret wird Deutschland in dem Augenblick der hiesigen Retrospektive auf die Arbeit Hayeks ökonomisch von einem Wirtschaftsminister dominiert, dessen Erklärung, er favorisiere eine „Lieblingsökonomin“, legendär geworden ist. Robert Habeck hält die Einsichten Mariana Mazzucatos für relevant, die sich den Staat als denjenigen vorstellt, der anstelle von vielen Unternehmern selbst machtvoll unternehmerische Entscheidungen zu fällen und Richtungen vorzugeben habe, die die Märkte nicht finden und umsetzen könnten. Warum derartige Irrlehren auch 80 Jahre nach Hayeks Erläuterung der Unmöglichkeit solchen menschlichen Handelns noch immer nicht überwunden sind, erstaunt. Die rein optische Täuschung, dass ein Staat kraft seiner Machtinstrumente vorübergehend die Illusion erzeugen kann, gewisse organisatorische Vorkehrungen seien ebenso funktionsgeeignet wie unternehmerisch kreativ auf freiwilliger Basis konstruierte, ersetzt nicht die nötige Idee für eine gute Lösung. Märkte werden geprägt durch ihre Erfolge, Staaten durch ihre Machtpotenziale. Dass Robert Habeck diese fehlende Analyse seiner Starberaterin nicht erkennt, wirkt sich fatal aus. Und Hayek sah es 1944 im Prinzipiellen voraus.

Dass internationale Kooperation die prägende politische und wirtschaftliche Grundlage menschlicher Existenzformen nach dem Zweiten Weltkrieg sein werde, war Hayek, wie gesagt, 1944 bereits klar. Zugleich aber sah er auch, dass die Ausweitung der innerstaatlichen Probleme zentraler Verwaltungswirtschaft durch ihre Internationalisierung nicht zu lösen sein würden, sondern sich lediglich noch deutlich verschärfen müssten. Knapp gesagt, ließe sich formulieren: Hayek beschrieb die Gründe für das Ende der Europäischen Union (und den Ablauf ihres Scheiterns), lange bevor sie ins Leben gerufen war.

Das Kernproblem sah er in der Mischung aus planwirtschaftlichen Zwängen und staatlichen Gewaltpotenzialen: „Dass wenig Hoffnung auf eine internationale Ordnung oder dauernden Frieden besteht, solange jedes Land alle beliebigen Maßnahmen ergreifen kann, die es in seinem eigenen Interesse für wünschenswert hält, seien sie auch schädlich für andere, braucht heute kaum noch betont zu werden. Viele Arten der Wirtschaftsplanung sind nämlich nur dann tatsächlich durchführbar, wenn die Planungsbehörde alle Fremdeinflüsse wirksam fernhalten kann. Die Gefahren, die sich aus einer künstlich herbeigeführten Wirtschaftssolidarität sämtlicher Bewohner jedes einzelnen Landes und aus der Bildung eines neuen Blocks mit entgegengesetzten Interessen, die durch die nationale Planwirtschaft entsteht, ergeben, sind mit Händen zu greifen. Wenn internationale Wirtschaftsbeziehungen anstelle der Beziehungen lediglich zwischen Individuen zu Beziehungen zwischen ganzen Staaten werden, dann werden sie zwangsläufig auch Ursache von Reibungen zwischen ganzen Nationen. Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer, zu glauben, internationale Reibungen würden sich vermindern, wenn man die [privatwirtschaftliche] Marktkonkurrenz um Rohstoffe durch Verhandlungen zwischen Staaten ersetzt. Auf diese Weise werden Rivalitäten, die zwischen Individuen ohne Rückgriff auf [militärische] Gewalt ausgetragen werden, auf mächtige und gerüstete Staaten übertragen, die zudem nicht einmal einer rechtlich übergeordneten Instanz unterworfen sind.“

Will man die schon im Inneren eines Landes planwirtschaftlich provozierten Paradoxien aus Interessenlagen also auf eine internationale Ebene übertragen, ergeben sich für die zentralisierte Wirtschaftssteuerung noch größere Probleme: „Die Schwierigkeiten der bewussten Lenkung eines nationalen Wirtschaftsprozesses nehmen zwangsläufig ein noch größeres Ausmaß an, wenn dasselbe auf internationaler Grundlage versucht wird. Mit zunehmender Größe verringert sich die Übereinstimmung über die Reihenfolge der Ziele, womit die Notwendigkeit einhergeht, Macht und Zwang einzusetzen.“

Hayek konturiert geradezu prophetisch die Gründe für ein künftiges Auseinanderbrechen der wirtschaftlich zentralgesteuerten Europäischen Union mit ihren unrealistisch übersteigerten Vereinheitlichungsperspektiven: „Solange es sich darum handelt, Menschen zu helfen, die uns lebendig vor Augen stehen, sind wir für gewöhnlich bereit, in die Tasche zu greifen. Aber man braucht sich nur die Probleme vorzustellen, die eine Planwirtschaft in einem Gebiet wie Westeuropa aufwerfen würde, um sich zu verdeutlichen, dass die moralischen Grundlagen für ein solches Unterfangen völlig fehlen. Die meisten Menschen sehen diese Schwierigkeiten nicht, weil sie bewusst oder unbewusst annehmen, dass sie es sind, die diese Fragen [der Zuteilung knapper Güter] für andere entscheiden, und weil sie von ihrer eigenen Fähigkeit überzeugt sind, dies gerecht und unparteiisch bewerkstelligen zu können. Wenn man aber glaubt, dass das Wirtschaftsleben eines riesigen Gebietes, das viele verschiedene Völker umfasst, mittels demokratischer Verfahren gelenkt und geplant werden könnte, dann verrät man völlige Unkenntnis der Probleme, die eine solche Planung aufwirft. Noch mehr als eine nationale würde eine internationale Planwirtschaft nichts anderes sein als eine nackte Gewaltherrschaft.“

Bei dieser Gelegenheit gibt Hayek zugleich einen weiteren Hinweis darauf, warum Planwirtschaften schlechterdings systemisch zu Gewaltexzessen neigen, ohne dass eine besondere nationalkulturelle Prädisposition der Nationalsozialisten zusätzlich für dieses dort sichtbare Phänomen entscheidend ist: „Es wäre falsch, die Brutalität und die Missachtung, die die Deutschen gegenüber allen Wünschen und Idealen der kleineren Völker an den Tag gelegt haben, nur für ein Zeichen ihrer besonderen Verworfenheit zu halten; es liegt vielmehr in der Natur der von ihnen bewerkstelligten Aufgabe selbst, dass dies zwangsläufig wird.“

Insbesondere das heute so beliebte Ziel einer „Herstellung gleicher Lebensverhältnisse im gesamten Gebiet der Europäischen Union“ war von Hayek bereits als eine ebenso gefährliche wie unmöglich zu verwirklichende Illusion erkannt: „Man hört heute viel verworrenes Gerede über ‚Planwirtschaft zum internationalen Ausgleich des Lebensstandards‘. Es ist lehrreich, wenn man einen dieser Vorschläge etwas eingehender betrachtet, um zu erkennen, worauf er im Ergebnis hinausläuft. Wenn man die bewusste Angleichung des Lebensstandards plant, so bedeutet dies, dass verschiedene Ansprüche gegeneinander abgewogen werden müssen, dass einige vor anderen bevorzugt werden und dass die Letzteren warten müssen, bis sie an die Reihe kommen. Es gibt aber kein Kriterium, dass uns zu entscheiden erlaubt, ob die Forderungen eines armen rumänischen Bauern dringlicher oder weniger dringlich sind als die Notlage des slowakischen Berghirten. Aber wenn die Hebung des Lebensstandards aller nach einem einheitlichen Plan erfolgen soll, muss irgendjemand die Berechtigung dieser Forderungen abwägen und zwischen ihnen entscheiden. Wird ein solcher Versuch in einem von mehreren kleinen Nationen bewohnten Gebiet gemacht, von denen jede fanatisch an die eigene Überlegenheit glaubt, so heißt das, eine Aufgabe in Angriff nehmen, die unausweichlich zu Gewalt führt.“

Auch hier wieder bewegt Hayek die Beobachtung, dass ausgerechnet Menschen, die sich selbst für unschuldig und anständig halten, derlei Aufgaben nur allzu gerne in die Hand nehmen, um dann zuletzt – mit bestem Gewissen – Gewalt anzuwenden. Und er mahnt: Siegreichen Nationen eine derart unmögliche moralische Aufgabe wie die der internationalen Mittelverteilung zu übertragen, ist nur ein sicherer Weg, um diese Nationen moralisch zu korrumpieren.

Und sowohl auf der Ebene der Europäischen Union als auch – erst recht – auf der Ebene der Vereinten Nationen gilt bis heute erkennbar der Satz: „Es ist unmöglich, gerecht zu sein oder die Menschen ihr eigenes Leben leben zu lassen, wenn eine Zentralbehörde die Rohstoffe verteilt und die Märkte zuweist, wenn jede spontane Aktivität genehmigt werden muss und nichts getan werden kann ohne Einwilligung der Zentralinstanz.“ Eine solche Planungsbehörde müsse Herr über das Schicksal ganzer Industrien und Länder sein. Das aber sei der Grund, weswegen ihre Herrschaft in Gewalt umschlägt. Dass es dereinst eine Behörde geben könnte, die nicht nur Rohstoffe, sondern sogar „Verschmutzungsrechte“ zentral verwalten und zuweisen würde, hätte Hayek sich zu diesem Zeitpunkt schwerlich vorstellen können.

Dieses „tödliche Gift der Zentralisierung“ ist mit einer freiheitlich-demokratischen Ordnung aber nicht zu vereinbaren: „Am wenigsten werden wir die Demokratie erhalten oder ihr Wachstum fördern, wenn die gesamte Macht und die wichtigsten Entscheidungen in der Hand einer Organisation liegen, die viel zu groß ist, als dass der normale Mensch sie noch überblicken oder begreifen könnte. Weder ein allmächtiger Superstaat noch eine lose Vereinigung von ‚freien Nationen‘ muss unser Ziel sein, sondern eine Gemeinschaft von Nationen freier Menschen.“

(wird fortgesetzt)


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