Widerstand aus Rumänien: Georgescus Werte sind genau die, die der Sozialismus bekämpft
Es ist nachvollziehbar, warum das System sich bedroht fühlt und mobilisiert hat
von Christian Paulwitz drucken
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In seiner Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz griff US-Vizekanzler JD Vance die Annullierung der regulär abgelaufenen Präsidentschaftswahl vom November 2024 durch den Verfassungsgerichtshof in Rumänien auf. Überraschend hatte der Außenseiter-Kandidat Călin Georgescu mit knapp 23 Prozent die meisten Stimmen aller Kandidaten erhalten, obwohl er in den Umfragen zuvor ohne große Aussichten schien. Vance wies darauf hin, dass ein früherer EU-Funktionär – er spielte auf Aussagen des ehemaligen EU-Kommissars Thierry Breton an – die Annullierung der Wahl gutgeheißen habe, und sehe die Abwendung von gemeinsamen Werten, die Europa mit den USA bisher geteilt habe, namentlich Demokratie und freie Meinungsäußerung. Tatsächlich ging Breton noch weiter und ließ durchblicken – ohne es explizit auszusprechen –, dass hinter den Kulissen seitens der EU Druck auf den rumänischen Verfassungsgerichtshof ausgeübt worden sei. Und dass dies in Deutschland auch eine Option sei.
Seither hat die Streichung eines korrekt zustande gekommenen Wahlergebnisses in einem Staat der Europäischen Union eine hohe Aufmerksamkeit erhalten, nicht nur in Deutschland, sondern insbesondere auch außerhalb der EU. Die Rede von Vance hat dafür gesorgt, dass eine solche Vorgehensweise im Falle eines ungewünschten Bundestagswahlausgangs tatsächlich unwahrscheinlicher geworden ist. – Nun, letztlich wäre das ohnehin nicht nötig gewesen.
Doch auch der Test in Rumänien dürfte nicht nach Wunsch verlaufen sein. Nachdem der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahl nach merkelschem Vorbild „rückgängig gemacht“ wurde, sind die Reaktionen im Land darauf ein Desaster für die Herrschaftseliten. Selbst von Seiten der unterlegenen Kandidaten wurde das Urteil kritisiert – etwas anderes hätten sie sich auch gar nicht leisten können. Im Land hat sich eine Protestbewegung gebildet, die im Januar Zehntausende auf die Straße gebracht hat, um gegen die Annullierung zu protestieren. Georgescus Popularität dürfte jetzt erst richtig Fahrt aufgenommen haben. Ein guter Grund, sich einmal anzuschauen, wofür er steht.
Das links-tendenziöse Wikipedia schreibt im ersten Satz zu seiner Person: „Călin Georgescu (* 26. März 1962 in Bukarest) ist ein rechtsextremer rumänischer Politiker. Er trat als unabhängiger Kandidat bei der Präsidentschaftswahl in Rumänien 2024 an.“ Mit dem framenden Adjektiv „rechtsextrem“ bezieht sich Wikipedia auf einen Beitrag der „Bundeszentrale für politische Bildung“ vom 28. November 2024, also direkt nach der Wahl.
Im Abschnitt „Politische Einordnung“ führt Wikipedia weiter aus: „Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet Georgescu als rechtsextrem und prorussisch. Laut Spiegel vertrete er im Wahlkampf antiwestliche Positionen und habe einen Kult um die rumänischen Faschisten von vor 1945 gemacht. Laut Michael Martens von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe Georgescu im Wahlkampf ‚groteske Verschwörungstheorien‘ verbreitet. Laut BBC ähneln seine Gesundheitsvorstellungen denen des Impfgegners Robert F. Kennedy Jr. Laut SRF sei seine Verherrlichung des Faschismus gerichtsbekannt. Er benutze Versatzstücke der neofaschistischen Bewegung und erklärte den Faschisten Corneliu Zelea Codreanu zu seinem Helden. Georgescu verneinte diesen Extremismusvorwurf.“
Der vorletzte Satz bezieht sich auf einen Artikel des österreichischen „Standard“ mit dem Titel „Călin Georgescu – der Aufstieg eines rumänischen ‚Ökofaschisten‘“. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber da mir bei dem Begriff eher Personen in den Sinn kommen, die insbesondere fest im deutschen Establishment verankert sind, macht mich das neugierig. Hier wird er eingesetzt, um einen Bogen zu Codreanu zu schlagen, dem Gründer der „Eisernen Garde“ (1930). Allerdings dient der Artikel selbst eher als Beleg gegen die Behauptung, die Wikipedia mit dessen Hilfe begründen will, denn es heißt dort: „Georgescu selbst wird von neo-legionären Gruppen, die Codreanu verherrlichen, eher kritisch gesehen, meint Schmitt [ein im Artikel zitierter Historiker, Anmerkung Christian Paulwitz]. ‚Er gilt nicht als einer der ihren, sondern als jemand, der einfach legionäre Versatzstücke benützt.‘ Dazu gehört etwa die Farbe Grün. Ab 1933 war das äußerliche Erkennungsmerkmal der Eisernen Garde ein grünes Hemd.“
Und weiter heißt es in dem Artikel: „Georgescu bemüht auch eine romantische Vorstellung von einem autarken Leben in der Natur, einer Art ‚Ökofaschismus‘. Zu seinen Slogans gehört ‚Nahrung, Wasser, Energie‘. Durch das Trinken von Wasser würde man auch Zugang zu Spirituellem haben, so die kruden Vorstellungen.“ – Da schau her, die Rückbesinnung auf natürliche und unverfälschte Nahrungsmittel – wohlgemerkt als Anspruch an sich selbst und nicht im Sinne eines von oben verordneten Zwangs, wie wir noch sehen werden – gilt inzwischen als faschistisch. Wie sich die Welt doch schon wieder geändert hat. Zur Bedeutung des Wassers für die Gesundheit empfehle ich im Übrigen das Buch des letzten Leibarztes des Schahs, Dr. Batmanghelidj: „Sie sind nicht krank, Sie sind durstig“. Nichts für Rockefeller-Mediziner, versteht sich.
Dabei weist Georgescus bisheriger Lebenslauf auf den ersten Blick politisch recht konforme Elemente auf. Studium der Agrarwissenschaften, Tätigkeiten in mehreren rumänischen Regierungen, 2010 bis 2012 Sonderberichterstatter für Menschenrechte der UN, 2013 bis 2015 Präsident des „European Research Center“ des „Club of Rome“ in Winterthur – scheint aber inzwischen nicht mehr Mitglied des Clubs zu sein, wie Wikipedia nahelegt. Seit 2021 Dozent an der Polytechnischen Universität Bukarest.
Vor ein paar Tagen gab Georgescu ein, wie ich meine, sehr interessantes Interview an „Kla.tv“. Es wurde auf Englisch geführt, aber die deutsche Übersetzung darübergelegt, so dass ich mich nur auf diese beziehen kann. Offenbar hat man sich bemüht, seine gesprochenen Worte möglichst unverändert zu übersetzen, so dass der Satzfluss teilweise etwas gebrochen ist. Was inhaltlich im Gesamtblick auffällt, ist die wiederkehrende Betonung von drei derjenigen fünf Werte, die wir in der Analyse Igor Schafarewitschs „Der Todestrieb in der Geschichte“ als diejenigen Elemente finden, die der Sozialismus in seinen unterschiedlichen Formen bekämpft: das Individuum, die Familie und die Religion. Dass ein Bezug zur Kunst fehlt, ist dem Anlass und Thema des Interviews geschuldet und daher erwartbar. Hätte er ein etwas deutlicheres Bekenntnis zum Eigentum abgegeben, wäre die Positionierung aus meiner Sicht perfekt im Sinne Schafarewitschs abgerundet.
Da aber die ersten drei Punkte so ungewohnt prominent für unser EU-ropäisches politisches Klima hervorgehoben sind, finde ich es wert, ein wenig auf das Interview einzugehen. Die Eindringlichkeit, mit der Georgescu immer wieder auf dieselben Punkte zurückkommt, unterscheidet sich von dem oberflächlichen Politikergeschwätz unserer Tage und ist eher dazu geeignet, die Person selbst an das Gesagte zu binden als gefällig wahrgenommen zu werden. Stellvertretend zitiere ich hier einige sehr kurze Passagen, um das deutlich zu machen – das gesamte Interview ist ja verlinkt:
„An erster Stelle steht unsere Familie. Von diesem Punkt aus müssen wir alles diskutieren, alles andere.“
„…wir glauben weiter an unsere Würde, an unsere Ehre als Menschen und wir glauben an unser Land und an Gott.“
„Man muss fest an sich selbst glauben, und die Beziehung zu Gott ist der wichtigste Teil.“
„Wir glauben fest an unser Leben, an unser Land, das wir nicht von Brüssel erhalten haben, nicht von Washington, sondern von Gott, der ein Geist der Liebe ist. Wir müssen an die Liebe glauben! Wir müssen an Gott glauben und wir müssen an uns glauben – das ist der wichtigste Punkt – sonst können wir nichts tun! Die Menschen müssen sich also bewusst sein, wer sie sind.“
„Sie müssen verstehen, dass wir hier nicht über Gehälter diskutieren, wir diskutieren nicht über Renten, wir diskutieren nicht über bessere Krankenhäuser oder bessere Straßen. Wir diskutieren über unsere Seele, unsere Würde als menschliche Wesen, wir diskutieren über unsere Familien, wir diskutieren über die Ehre, und das ist wichtiger als alles andere. Hier sind wir also. Also, ich... Ich glaube fest daran, und ich empfehle allen, zuerst auf sich selbst zu vertrauen.“
Warum beeindruckt mich das?
Weil es sich um Überzeugungen handelt, die für die europäische Technokratie ungewohnt sind – sie kann damit nicht umgehen, wo doch die Staatskirchen fest in der Hand der Herrschaftserzählungen sind. Und deswegen wird der entsprechende Argwohn in einem beeindruckenden Spagat gesät: Auf die rumänisch-orthodoxe Kirche habe sich bereits der Faschist Codreanu gestützt, während sie heute unter dem Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche stehe und enge Beziehungen zu ihr hege. Letzteres ist natürlich möglich, das kann man von außen schwer beurteilen. Und natürlich versucht Russland politischen Einfluss an seiner Südflanke zu nehmen, wie auch die EU/NATO. Ganz sicher ist der Einfluss katholischer und evangelischer Staatskirchen aus Europa wesentlich geringer. Die Standpunkte, die Georgescu formuliert, sind jedoch valide und legitim und werden von vielen Rumänen innerlich geteilt. Das hat eine neue Qualität, eine eigene Kraft, mit der die europäische Technokratie offenbar nicht umgehen kann.
Quellen:
Călin Georgescu (Wikipedia)Călin Georgescu – der Aufstieg eines rumänischen „Ökofaschisten“ (Der Standard)
Interview mit Călin Georgescu (kla.tv)
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