Mafiabanden: Militärische Spezialoperation in Venezuela
Politik und Propaganda
von Christian Paulwitz drucken
Zehn Tage nach dem Überfall amerikanischer Truppen in Venezuela und der Festnahme seines Präsidenten erweist sich die Aktion als voller politischer Erfolg: Die Gefolgschaften entzweien sich über die Frage, ob die US-Bande gegen die Maduro-Bande nun so habe vorgehen dürfen oder nicht, während immer noch nicht klar ist, was da eigentlich passiert ist und warum.
Angenehm ist natürlich, dass seitens der Trump-Bande das verlogene Geheuchel zu den sonst vorgegebenen hehren Zielen, wenn US-Truppen in ein Land einfallen, auf ein Minimum beschränkt wird: Das US-Militär fällt in ein Land ein und nimmt den korrupten sozialistischen Präsidenten mit, weil es dem Präsidenten gefällt und sie es können. Das ist soweit klar. Und damit haben wir bereits die objektiv eindeutig als positiv erkennbaren Aspekte zusammengefasst: Wir müssen uns relativ wenig mit vorgeblich ethisch-moralischen Argumenten, warum man das Militär in ein anderes Land schickt, beschäftigen.
Das Warum ist aber nach wie vor unklar. Definitiv nicht der Grund ist, dass der Präsident Venezuelas ein korrupter Kommunist ist, der sein Volk ausbeutet – das träfe auf die meisten anderen Länder, die nicht überfallen werden, auch zu, darunter auch einige, die dem US-Militär ähnlich unterlegen wären. Wir wissen nicht, was das Ziel der Aktion war und wessen Ziele da verfolgt wurden. Als sehr wahrscheinlich dürfen wir annehmen, dass geopolitische Ziele und insbesondere die Bodenschätze Venezuelas eine bedeutende Rolle spielen – und nicht etwa gekränkte Eitelkeiten des US-Präsidenten.
Aber inwiefern hat sich die Kontrolle über diese Bodenschätze verändert? Der Kopf der venezolanischen Regierungsbande wurde entfernt, der ganze Apparat blieb erhalten. – Hat die Vizepräsidentin hinter den Kulissen vielleicht mit den US-Diensten – möglicherweise unter mehr oder weniger sanftem Zwang – konspiriert und ist nun einen Konkurrenten los, wofür die US-Bande geräuschlos ihre eigentlichen Ziele – die wir im Detail nicht kennen – umsetzen kann? – Wir wissen es nicht, wie wir so vieles nicht wissen können, was hinter der politischen Showbühne abläuft. Wir haben ja noch nicht einmal eine halbwegs gesicherte Vorstellung, unter welchen Schäden der US-Zugriff erfolgte. Bisher war nur von getötetem Sicherheitspersonal die Rede. Vielleicht stimmt das; vielleicht wird aber auch lediglich deshalb nur davon gesprochen, weil dies am ehesten Schulterzucken als Reaktion hervorruft und niemand mit der Fähigkeit zur Artikulation gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit Interesse daran hat, etwas anderes hervorzuheben.
Angesichts der Ungewissheiten finde ich es erstaunlich, wie viele positive Äußerungen – über reine Fragen des Stils von Mafiabanden staatlicher Regierungen hinaus – es zu den Vorgängen gibt. Ich finde die Diskussion über den „Fall Venezuela“ sehr aufschlussreich. Man sieht, wie die Leute ticken: politische Menschen, die in Gruppenzugehörigkeit denken (die „Guten“ – also die, mit denen sie sich identifizieren – haben etwas gemacht, also finden sie Rechtfertigungen) und friedliche Menschen, die in Prinzipien denken (fragen, ob Aggression oder Aggressionsabwehr vorliegt, kategorisieren danach richtig und falsch, ausgehend von den Handelnden, und übernehmen nicht einfach die Propagandadarstellung einer der Seiten). Das geht dann bei den angedeuteten Fortsetzungen – Stichwort „Grönland“ – weiter, wobei ja möglicherweise die Grönlandfrage ohnehin nur der Ablenkung von was auch immer dient.Es darf daran erinnert werden, dass vor kurzem der Präsident, der ganz bestimmt einer von den Guten ist (nicht wahr?), den Militäretat des Landes, das die zehn nächstgrößten nationalen Militärbudgets in Summe übertrifft, diesen um die Hälfte erhöhen will - hey, was soll da schon schiefgehen?
Unter dem Eindruck der Ereignisdichte, die man staunend am Spielfeldrand verfolgen darf, neigt man leicht dazu, in die Trainerrolle schlüpfen und über die nächsten Spielzüge diskutieren zu wollen. Vielleicht so: Wäre es nicht eine Möglichkeit, wenn die US-Regierungsbande den paar Grönländern etwas zahlen würde für ihr Einverständnis zu einem Protektoratswechsel? – Geht’s eigentlich noch? Das Mittel der Bestechung durch Regierungen mit geraubtem beziehungsweise erpresstem Geld ist nicht weniger verwerflich – und als potenzieller Lösungsweg illusorisch –, wenn es von einer externen Regierung ausgeht, um die bisherige territoriale Herrschaftsbande abzulösen. Deren Interessen und Absichten entsprechen genauso wenig den individuellen Interessen der auf dem Territorium lebenden Menschen wie die einer anderen Regierung, auch wenn es sich nicht abstreiten lässt, dass es durchaus schlimmere und weniger schlimme Regierungsbanditen gibt. Ob deren Niveau bereits bei der nächsten regulären Ablösung gehalten wird oder sich verschlimmert, kann keiner vorhersagen.
Oder die durch das Netz geisternden Memes über die Festnahme und Abholung korrupter Politgestalten aus Europa nach dem Vorbild Maduros. Ja, als Gag mal ganz nett, mal kurz schmunzeln, aber machen wir uns keine Illusionen: Sie sprechen bei den unzufriedenen Adressaten die Idee auf Hoffnung durch Rettung von außen an und bewirken damit das Gegenteil einer Vision zur Entwicklung zum Besseren, zu mehr Freiheit. Es ist die Unzufriedenheit und die sinkende Duldungsbereitschaft der Menschen des eigenen Territoriums, die die Übergriffigkeit von Regierungen begrenzen – nicht das Eingreifen externer Kräfte mit anderen Interessen. Lassen wir uns nicht einlullen.
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