Minnesota: Good Cops – Bad Cops
Haben wir es nötig mitzuspielen?
von Christian Paulwitz drucken
Zu den allgemein bekannten, psychologisch wirkungsvollen Verhörmethoden gehört, einen Verdächtigen oder Zeugen, der möglicherweise jemanden schützen möchte, durch einen „harten Hund“ als Polizisten beim Ausfragen unter Druck zu setzen, während im Wechsel und augenscheinlich unabhängig von ihm ein zweiter den Verständnisvollen und Wohlmeinenden mimt. Nachdem die Zielperson unter psychischem Druck womöglich erst recht zunächst einmal „dicht“ gemacht hat, um nicht womöglich in der Erregung etwas zu sagen, was sie eigentlich nicht möchte, kann der zweite Polizist dann freundlich und konstruktiv etwas später für psychische Entspannung sorgen und so zum Reden verleiten. Selbst wenn man das unter dem Stichwort „good cop – bad cop“ bekannte Spiel grundsätzlich durchschaut, ist es für viele nicht ganz Hartgesottene schwer, dem zu widerstehen.
Die Technik ist deshalb so erfolgversprechend, weil sie auf der persönlichen Ebene abläuft. Die Polizisten sind natürlich geschult, um Körpersprache und Gesten richtig interpretieren zu können, so dass nonverbale Informationen laufend mit in den Fortgang des Verhörs einfließen können. Jeder Mensch ist etwas anders, hat ein persönliches emotionales Spektrum mit Stärken und Schwächen. Auch der Kontext und die Art der Information, die die Polizisten zu gewinnen hoffen, machen die Situation individuell. So muss man jeden etwas anders anpacken, um ihn letztlich „knacken“ zu können. Offenbar ist die Technik nur abgestimmt auf Einzelpersonen und nicht auf Personengruppen oder gar Menschenmassen anwendbar. – Oder etwa doch?
Das Spiel des „guter Bulle – böser Bulle“ dient dazu, Kontrolle über eine Person durch Überwindung ihres psychischen Schutzschirmes durch Vertrauensbildung zu gewinnen, um an Informationen zu kommen, die sie sonst nicht freiwillig teilen würde. In der massenpsychologischen Anwendung ist sie weniger zur Informationsgewinnung geeignet, sehr wohl aber dazu, zunehmend herrschaftskritische Menschen wieder zur Akzeptanz von Herrschaftserzählungen zu bewegen und so zu neutralisieren. Oder andere davon abzuhalten, ihren Herrschaftsglauben abzulegen.
So etwa kommt mir die mediale Diskussion der Vorfälle in den letzten Wochen mit der US-Einwanderungsbehörde ICE vor – keine „Cops“ im eigentlichen Sinne, aber wie Polizei agierend. Auf der anderen Seite und im Widerspruch stehen die regionalen staatlichen Behörden. Wer dabei die „Guten“ und die „Bösen“ sind, das mag der Betrachter nach seinen Vorprägungen und Ansichten sich aussuchen. Hauptsache, er hält die eine Seite eher für die Guten, dann ist er dabei und dort, wo man ihn haben will. Doch sind beide Kräfte Teil desselben Systems, mit dessen Hilfe Probleme geschaffen werden (beispielsweise falsche Anreizsetzungen durch Umverteilung oder Duldung von Kriminalität bei Durchsetzung des Gewaltmonopols bei der Kriminalitätsbekämpfung), die dem System Staat zur vermeintlichen Lösung vorbehalten bleiben. Die „Guten“ und die „Bösen“ spielen sich die Bälle zu – für sie gelten Freiheiten, die bei normalen Menschen nicht toleriert werden.
Zwei Menschen sind in Minneapolis erschossen worden. Schuld trifft zunächst die Täter, wenn auch Befehlsgeber nicht ohne Schuld sind. Trifft auch die Opfer Schuld? In keinem der beiden Fälle sieht es so aus, als wäre die Tötung in direkter Abwehr eines Angriffs erfolgt, es ist also logischerweise große Vorsicht dabei geboten, die Frage zu bejahen. Dennoch ist das vielfach die Trotzreaktion auf die propagandistische Gegendarstellung, die gerne den linksradikalen Mob ausblendet, der die Stadt aufmischt.
Versucht man, sich ein unabhängiges Bild des ICE-Einsatzes aus libertärer Sicht zu machen, so ist zunächst festzuhalten, dass es sich um eine übergriffige Aktion der Zentralgewalt in einem Bundesstaat handelt. Natürlich gibt es dafür Gründe. Jede Gewalt, die Staatsorgane ausüben, um Macht zu zentralisieren, hat Gründe, in der Regel systemisch inhärente. Finden wir dezentrale Konfliktlösung nur gut, wenn sie uns passt? Dann spielen wir das Spiel mit. Ich sehe das kritisch.
Wie im Verhör bei der Polizei gilt bei der Bewertung solcher politischen Shows der Staatsgewalt: besser besonnen bleiben und sich erst einmal nicht einwickeln lassen. Man muss sich mit Akteuren der Staatsgewalt nicht gemein machen. Die Erweckung von Sympathie zu einer der beiden Seiten der Inszenierung ist gewollt; doch handeln beide feindlich gegenüber den Bürgern, auf deren Kosten sie agieren. Sie haben andere Interessen, die sie unter Narrativen verstecken.
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