Leben mit Konsequenzen:: Die Bedeutung der Bibelgeschichte von Jeftah
Seit ich sie verstanden habe, finde ich diese Stelle großartig
von Christian Paulwitz drucken
Wie Martin Luther, Stefan Blankertz – siehe seine Kolumne vom 16. Januar – und sicher noch unzählige andere fand auch ich die Geschichte von Jeftah im Buch Richter (Kapitel 11) des Alten Testaments extrem verstörend, als ich sie vor ein paar Monaten gelesen hatte. Zum leichteren Verständnis meiner Gedanken zitiere ich den entscheidenden Abschnitt im Folgenden noch einmal (30–38):
„Und Jeftah gelobte dem Herrn ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem Herrn gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen. So zog Jeftah gegen die Ammoniter in den Kampf. Und der Herr gab sie in seine Hand. (…)
Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken im Reigen. Sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem Herrn und kann’s nicht widerrufen. Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem Herrn, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der Herr dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern.
Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielinnen. Er sprach: Geh hin!, und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielinnen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte, und sie hatte nie einen Mann erkannt.“
Fürchterlich, nicht wahr? Das Dilemma und das Leid möchten einen zerreißen. Gelübde müssen erfüllt werden, die man dem Herrn bringt – aber was ist mit der Tochter, gilt sie nichts? Sie denkt auch nicht daran zu fliehen und lässt sich opfern. Sehr verstörend.
Aber nur solange, bis man das Bild versteht, dann gibt die Geschichte einen Sinn, sogar einen sehr tiefen. Vermutlich haben Sie mehr oder weniger dieselbe Geschichte bereits selbst erlebt, und nicht nur einmal. Die Bibel ist voller Bilder – man denke nur an die Prophezeiungen oder an die Gleichnisse Jesu; es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es sich bei der Geschichte von Jeftah und seiner Tochter um eine im Wortsinn als Vorbild anzuerkennende, historisch abgelaufene Geschichte handeln müsse. Vielmehr beschreibt sie den Rahmen menschlichen Wollens und Wertens, der Notwendigkeit, sich entscheiden, manchmal auch Liebgewonnenes loslassen zu müssen, um anderes erreichen, ja um sich weiterentwickeln zu können.
Ich darf Sie also beruhigen und aus Ihrer Verstörung befreien – sollte es Ihnen wie einst mir gehen: Die Tochter Jeftahs ist keine und war nie eine Person. Denn was ist die Tochter im Verhältnis zu ihrem Vater? – Er hat sie gezeugt und liebt sie. Er ist glücklich angesichts ihrer Anmut. Sie steht als Bild für das, was er geschaffen hat, sein Stolz und sein Glück. Das kann ein Kunstwerk sein, ein durch Fleiß und Ausdauer aufgebautes Vermögen, ein Unternehmen, ein Haus oder auch nur ein Möbelstück daraus, das er selbst mit Freude geschaffen hat. Im Kontext der Geschichte ist es sein bisheriges Leben, das er geopfert hat. Sie war sein einziges Kind – also das große Ziel und das Ergebnis seines ganzen bisherigen Schaffens. Jeftah ist natürlich auch nicht unbedingt ein Mann, und möglicherweise gab es ihn nie als Person. Aber ich behalte den Namen mal bei, weil es sich flüssiger schreibt.
Das Männliche und das Weibliche sind Bilder für unterschiedliche Kräfte. In der fernöstlichen Philosophie bezeichnet man sie als Yang und Yin. Das Männliche ist aktiv und schöpferisch, das Weibliche nimmt passiv auf und reflektiert. Nicht zufällig ist hier von Jeftahs Tochter die Rede und nicht von einem Sohn. Es geht nicht um Rollenbilder – unbestritten müssen reale Männer und Frauen entsprechend ihrer Individualität beide Kräfte in sich zum Ausgleich bringen.
Jeftahs Leben ist nicht unbeschwert und der reinen Muße gewidmet; er hat Ziele in seinem Leben. Wahrscheinlich stehen die Ammoniter für eine äußere Bedrängnis, die er und mit ihm Israel erfährt, also auch andere außer ihm: ein Neider, der danach trachtet, ihm und anderen zu schaden; vielleicht ein böser Nachbar, der ihm das Leben schwer macht. Er muss sich von der Bedrängnis befreien, die ihn und andere einschränkt. Möglicherweise ist es auch einfach ein anderes, größeres Ziel, von dem er spürt, dass er sich ihm mit aller Kraft widmen muss, um es zu erreichen. Das wird nicht ohne persönliche Opfer gehen, am Beginn des Weges kann man sie manchmal gar nicht vollumfänglich abschätzen. Auch eine ideelle Ebene kann betrachtet werden: Jeftah mag anmutige Überzeugungen entwickelt haben, mit denen er sich zu identifizieren lernte. Dann verfolgte er neue Gedanken, die an ihn herangetragen wurden, aber es wert zu sein schienen, und als er sie zu Ende dachte und er in der Erkenntnis wuchs, merkte er bestürzt, dass er frühere liebgewonnene Überzeugungen loslassen und opfern müsse, um nicht im inneren Widerspruch zu leben. Das alles sind nur unterschiedliche Aspekte desselben, komprimiert in einer symbolischen Geschichte – völlig unverständlich, wenn man sie wörtlich als Handlungsabfolge beteiligter Personen begreift.
Großartig der Einschub, dass Jeftahs Tochter sich zwei Monate Zeit erbittet, um mit ihren Gespielinnen ihre Jungfrauschaft zu beweinen. Noch dazu auf den Bergen, also so von oben herab. Klasse! Ja, so schnell kann man sich nicht trennen, auch wenn es nötig ist; zumal wenn das, was man gezeugt beziehungsweise geschaffen hatte, keine Frucht gebracht hat. – Ist die Bedeutung nicht offenkundig?
„Ich bin der Herr“ heißt es in unzähligen Stellen in der Bibel. – Heißt es eigentlich auch irgendwo einmal „Ich, Jahwe, bin der Herr“? Ich bin … der, der durch sein Handeln im Rahmen seiner Überzeugungen sein Leben gestaltet. Der Herr, dem Jeftah gelobt, ist sein eigener Maßstab, die Autorität in sich. An dieser Instanz kommt er nicht vorbei, zumal Gott den Menschen ja nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Sie ist unausweichlich, und Jeftah ist schließlich mit seinem früheren Werk oder seinen einst schönen Ideen soweit im Einklang, dass diese vor ihm nicht weiter bestehen können, weil dies falsch wäre.
Am Anfang des Kapitels erfahren wir: „Jeftah, der Gileaditer, war ein streitbarer Mann. Er war der Sohn einer Hure. Gilead hatte Jeftah gezeugt. Als aber die Frau Gileads ihm Söhne gebar und die Söhne der Frau groß wurden, stießen sie Jeftah aus und sprachen zu ihm: Du sollst nicht erben im Haus unseres Vaters, denn du bist der Sohn einer andern.“
Ein streitbarer Mann, also ein selbstbewusster Mann der Tat, der sich nichts gefallen ließ und für sich einstand; und der Sohn einer Hure – also außerhalb der Gemeinschaft stehend, das ist die Bedeutung. Man hat ihn verjagt und aufgesucht, als Israel in Bedrängnis durch die Ammoniter geriet. Dann waren Männer der Tat gefragt. Jeftah verhandelte zunächst – machte sich also ein Bild von dem Problem, um das es ging, mit dem andere nicht ohne ihn fertig wurden. „Da kam der Geist des Herrn auf Jeftah, und er zog durch Gilead und Manasse und nach Mizpe in Gilead, und von Mizpe in Gilead gegen die Ammoniter.“ Der Geist des Herrn kam über ihn: Das heißt, es war ihm nun klar geworden, wo es für ihn jetzt langgeht.
Nachdem er am Ende Erfolg hatte gegen die Ammoniter, wurde er als Richter über Israel gesetzt und als gerecht anerkannt. Ein Richter schlichtet Konflikte – Könige und Königsherrschaft gab es damals in Israel noch nicht. Kein Staat, wie wir ihn heute kennen.
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