03. Januar 2026 16:00

Pastiche Gefangen in der Gegenwart

Warum wir nichts Neues erschaffen.

von Paul Siegenthal drucken

Remakes einer gefakten Gegenwart
Bildquelle: Digitalsierte 35mm-Bilder Remakes einer gefakten Gegenwart

Wenn man ein Werk kopiert und als echt verkauft, nennt man es eine Fälschung. Macht man sich über das Original lustig, ist es eine Parodie. Zollt man dem Schöpfer Tribut, spricht man von einer Hommage. Wenn einem nichts einfällt, produziert man ein Pastiche.

Remakes

In der Filmindustrie bezeichnet man ein Pastiche als Remake. Zuerst erscheinen Fortsetzungen, dann folgt eine Neuverfilmung. Das mag durchaus Sinn ergeben, wenn 50 Jahre später ganz andere technische Möglichkeiten vorhanden sind. Verdächtig wird es, wenn die Neuverfilmung bereits nach ein bis zwei Jahrzehnten ansteht.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich in der Fotografie: Fotos werden mit Filtern so verfremdet, als wären sie vor 20 Jahren entstanden – was faktisch die Gegenwart ist. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen. Dieses Phänomen findet sich in der Mode, in der Werbung, im Design und vor allem in der Architektur. Wir kopieren nicht die Vergangenheit, nein, wir plündern bereits die Gegenwart.

Wenn Künstler nicht in der Lage sind, Neues zu schaffen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Stilrichtungen zu imitieren. Die Postmoderne wird zum Grab der Kunst, weil sie die ummittelbare Vergangenheit einkerkert und damit Neues verhindert. Jeder kann es sehen: Architekten stellen seit hundert Jahren eine seelenlose Bauhaus-Schuhschachtel nach der anderen in die Landschaft. Niemand mag sie (außer sie selbst und die Immobiliengesellschaften), doch es ändert sich nichts. Sie replizieren sich selbst in einer Endlosschlaufe.

Die gefakte Gegenwart

Wir erschaffen keine Kunst mehr, die unsere gegenwärtige Erfahrung widerspiegelt. Stattdessen erschaffen wir uns eine Gegenwart, die aus der Replizierung unmittelbar vergangener Stilrichtungen besteht, nicht aber ein Spiegel der Realität. Wir enden zwangsweise in einem ewigen Präsens ohne Imperfekt und Futur.

Eine solche Gesellschaft verliert ihren Sinn für die eigene Identität. Sie weiß nicht mehr, wofür sie steht. Sie lebt in konstanter Veränderung ohne Traditionen. Immer wieder jagt ein neuer Trend den nächsten und führt die Gesellschaft in eine kollektive Schizophrenie, unfähig zu erkennen, was nun gilt und was nicht.

Soziale Netzwerke und der Mainstream

Treiber dieser Entwicklung sind soziale Netzwerke und die Mainstream-Medien. Sie halten uns ständig die neuesten Trends unter die Nase. Die Realität nehmen wir als eine Abfolge von geframten Fragmenten wahr. Sie einzuordnen ist uns kaum mehr möglich.

Beispiel: Wenn die EU 90 Milliarden Kredite an die Ukraine vergibt, was ein schwerwiegendes Ereignis ist, ist das morgen vergessen, wenn eine neue Spielkonsole vorgestellt wird.

„Kulturschaffende“ vs. Künstler

Wir brauchen wieder Künstler, die die Emotionen, Ängste und Hoffnungen der Bevölkerung in Worte und Bilder fassen können. Wir brauchen keine vom Staat versorgten „Kulturschaffenden“, die auf der Bühne im Schauspielhaus (Zürich) ihre Notdurft verrichten. Dafür werden sie vom Mainstream als große Künstler abgefeiert. Die nächsten Millionensubventionen sind ihnen sicher.

Denken wir an Schiller, an Johann Strauss oder an die Bilder Goyas. Sie alle zeigten die Nöte und Hoffnungen der Menschen ihrer Zeit. Wir brauchen Architekten, die wieder lebenswerten Wohnraum schaffen. Wir brauchen Grafiker, die sich nicht nach den Vorgaben der „Zürcher Schule“ richten, sondern Plakate gestalten, die eine Geschichte erzählen. Wir brauchen Werber, die unterhalten, statt den Clown spielen (lassen). Wir brauchen Schriftsteller, die nicht missionieren, sondern Geschichten normaler Menschen erzählen, statt das Leben von pensionsgesicherten Beamten und deren Jagd auf Staatsskeptiker zum Thema zu machen.

Wir brauchen wieder echte Künstler.

Quellen:

List of film remakes (A - M) - Wikipedia

What is Pastiche in Postmodernism?


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