17. Februar 2026 11:00

Freiheitsverkostung Spotify – Die unendliche Auswahl

Ein Jugendtraum ist heute Alltag – doch zu welchem Preis?

von David Andres drucken

Früher stöberte man durch Platten - heute sind Millionen von ihnen im Stream verfügbar
Bildquelle: Pixabay / niro9 Früher stöberte man durch Platten - heute sind Millionen von ihnen im Stream verfügbar

Für die digitalen Eingeborenen ist das Streaming von Musik eine Selbstverständlichkeit. Wer jedoch aus der alten Welt stammt, erlebt tagtäglich ein Wunder – mit sehr bitterem Beigeschmack.

Gehören Sie dazu? Sind Sie Boomer oder Generation X, aufgewachsen mit Schallplatte, Kassette und vor allem der CD? In den 90er-Jahren sorgte besonders dieses Medium dafür, dass die Musikindustrie ihr goldenes Zeitalter erlebte. Die Umsätze waren atemberaubend. Einer zwar massentauglichen, aber dennoch latent schrägen und intellektualistischen Indie-Rock-Band wie R.E.M. zahlte das Label einen Rekordvorschuss von 80 Millionen Dollar für fünf Alben. Gedruckte Musikmagazine erlebten ebenfalls ihre beste Zeit, da sie ihren Ausgaben CD-Kompilationen beilegten, die damals den Einstieg in neue Künstler darstellten. Mit der Digitalisierung der Musik und den MP3-Playern folgte zur Jahrtausendwende eine kurze Phase des alltäglichen Musikdiebstahls mittels Tauschen von Dateien auf Napster, bevor schließlich das völlig neue Konzept des Streamings alles auf den Kopf stellte.

Spotify – Captain Picard im Wohnzimmer?

Ein Bild der Zukunft aus „Star Trek: The Next Generation“ bleibt unvergesslich. Jean-Luc Picard, Kapitän des neuen Raumschiffs Enterprise, betritt seine Kabine, macht sich einen Tee und ruft dem Schiffscomputer gelassen einen Musikwunsch zu: „Computer, Bach, dritte Sinfonie in D-Dur.“ Kaum eine Sekunde vergeht, und das Schiff spielt das gewünschte Stück. Dieses Wunder ist im Streaming-Alltag geworden. Nahezu jede Musik, die jemals publiziert wurde, können wir heute nachträglich entdecken, ohne in den Laden stiefeln und Tonträger kaufen zu müssen oder umständlich ganze Stapel von Festplatten mit Dateien vollzuschaufeln. Und obschon es Alternativen wie Tidal, Qobuz, Deezer oder Apple Music gibt, nutzen die meisten dafür den Marktführer aus Schweden, der deswegen Objekt unserer dieswöchigen Freiheitsverkostung ist.

Grad der staatlichen Einmischung

Spotify ist ein privates, börsennotiertes Unternehmen mit Sitz in Schweden, in das sich der Staat nur entlang der unvermeidlichen Basisstruktur einmischt: Mehrwertsteuer, Urheberrecht, regulatorische Rahmen. Daniel Ek und Martin Lorentzon haben es 2006 in Stockholm gegründet, wo sich weiterhin der operative Sitz befindet. Eingetragen ist die Firma aus steuerlichen Gründen – vergleichbar mit Amazon – als Spotify Technology S.A. in Luxemburg. Die Gründer halten weiterhin große Anteile, zusammen mit institutionellen Investoren. Besonders Daniel Ek gerät immer wieder in die Kritik, seine Gewinne aus dem Unternehmen in die Rüstungsindustrie zu stecken. Er leitet eine Investmentfirma namens Prima Materia, die dreistellige Millionensummen vor allem in den Bereich von militärischer KI leitet. Davon profitiert vor allem das deutsche Unternehmen Helsing, das Software produziert, die dazu genutzt wird, mittels KI Sensordaten auf dem Schlachtfeld auszuwerten, genutzt für Drohnen, Kampfflugzeuge und Marineüberwachung. Da der einzige relevante Abnehmer für derlei Produkte wiederum der Staat ist, wird der Leviathan durch Spotify also indirekt gefüttert.

Grad der Freiwilligkeit

Auf den ersten Blick natürlich vollständig gegeben. Niemand zwingt einen, Spotify zu nutzen. Zugleich hat sich der Anbieter faktisch zum Monopolisten entwickelt. Wer Playlists oder einzelne Songs teilen möchte, kann nur bei Spotify davon ausgehen, dass Bekannte und Freunde es recht sicher ebenfalls nutzen und die Empfehlung überhaupt verwerten können. Soziale Musikkultur organisiert sich rund um diesen Dienst, der durch die Klickzahlen-Logik auch die Form des Songschreibens im Pop-Mainstream beeinflusst hat: weniger komplex, schneller auf den Punkt, simpler in der Struktur. Kluge Musikanalysten wie Rick Beato, dem auf YouTube Millionen folgen, weisen immer wieder nach, wie anspruchsvoll Pop und Rock im Vergleich zu heute früher einmal gewesen sind. Zugleich bietet Spotify im Besonderen und Streaming im Allgemeinen auch allen künstlerischen Nischen die Möglichkeit, sich ohne Umwege und Barrieren der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Abhängigkeit und Bewegungsfreiheit

Spotify „befreit“ von Besitz. Kein Regal voller Tonträger, keine Investition in teure Sammlungen, keine Suche. Gleichzeitig entsteht eine unwürdige Abhängigkeit vom Abo, vom Algorithmus, von der Plattform. Musik existiert nicht mehr bei einem, sondern für einen – solange der Dienst läuft. Auf der einen Seite können wir den alten Jugendtraum umsetzen, wie Captain Picard in der Kapitänskajüte zu agieren. Auf der anderen Seite sollen wir entlang Klaus Schwabs altem Diktum „nichts besitzen“ und dabei „glücklich sein“ – was nur in der Mischform gelingt, auf Spotify Musik zu entdecken und dann bei echtem Gefallen den Tonträger zu kaufen, der neben den Konzerten und dem Merchandise die einzige relevante Einnahmequelle der meisten Künstler bleibt, da die winzigen Provisionen sich kaum rechnen.

Reversibilität

Da der Dienst monatlich kündbar ist und dieser Prozess sehr einfach und barrierefrei von der Hand geht, ist Spotify nicht mit den berühmt-berüchtigten Knebelverträgen von Fernsehdiensten wie Sky oder gar dem ausweglosen Zwang der Rundfunkgebühr vergleichbar. Wer gehen will, geht einfach … und kommt jederzeit wieder.

Das Fazit: 73 Prozent

Spotify ist eine der größten kulturellen Befreiungen der letzten Jahrzehnte – und zugleich ein sanfter Monopolist der Bequemlichkeit. Unglaublich frei im Zugriff, abhängig machend vom jederzeit modifizierbaren Angebot und mit teils verengender Auswirkung auf die Produktion und Konsumption von Musik, da die Nischen zwar alle vorhanden sind, aber kaum genutzt werden. Der Abfluss von Gewinnen in moderne Rüstung, die kein Privatmann kauft, sondern nur der Staat mit von seinen Bürgern abgepresstem sowie aus der Luft gegriffenem Geld, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Quellen:

The Real Reason Why Music Is Getting Worse

Why Do I Keep Doing This To Myself…The Spotify Top 10


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