03. Januar 2026 11:00

Warum linke Empörung dysfunktional ist Linke Mythen: Empört euch!

Empörung als Grundlage linker Ideologie und ihre psychologische Erklärung

von Ralf Blinkmann drucken

Echo und Narziss
Bildquelle: Eigenes Bild Echo und Narziss

Linke Mythen: Empört euch!

„Empört euch!“ ist der Titel einer in wütendem Ton 2010 geschriebenen kurzen Streitschrift des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, die zum Bestseller wurde (Originaltitel „Indignez-vous!“, unautorisierte Übersetzung s.u.). Ihr Erfolg zeigt, dass sie einen Nerv trifft. Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit in Frankreich, aber letztlich in der ganzen Welt. Ungerecht sei, Menschen an der Grenze zurückzuweisen, den Sozialstaat in Frage zu stellen, Medien in den Händen von „Reichen“ zu akzeptieren. „Das Interesse der Allgemeinheit muss vorrangig vor dem Interesse des Einzelnen sein“. Interessanter als der Inhalt, der ja alles andere als neu ist, ist aber die Art und Weise, wie dieser vermittelt wird.

Hessel spricht aus der Attitüde des Widerstandskämpfers, benutzt seine Vergangenheit als Kämpfer gegen die Nazis und stellt seinen heutigen Kampf damit auf die gleiche Ebene. Sein Text enthält keinerlei Argumentation zugunsten seiner Standpunkte, stattdessen die Erklärung: „Das Motiv des Widerstandes ist die Empörung.“ Der Text appelliert nicht an die Vernunft, sondern an ein Gefühl von Ungerechtigkeit, dessen Vorhandensein Hessel voraussetzt. „Ich wünsche Euch allen, jedem einzelnen von Euch, sein eigenes Motiv der Empörung zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, denn diese ist ein kostbares Gut.“

Moralische Empörung ist in der Tat der Ausgangspunkt jeder linken Ideologie. Sie hatte auch Marx zu seinem Schaffen veranlasst. Selbst einer der schärfsten Kritiker Marxens, Karl Popper, akzeptiert das, wenn er feststellt, es sei der „moralische Radikalismus Marxens, der seinen Einfluß erklärt; und das ist, für sich genommen, eine Tatsache, die zu Hoffnungen Anlaß gibt. Dieser moralische Radikalismus ist noch immer lebendig. Es ist unsere Aufgabe, ihn lebendig zu erhalten, ihn davor zu bewahren, daß er den Weg geht, den der politische Radikalismus wird gehen müssen.“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2, A. Francke 1980, S. 394f)

Empörung empfindet jeder Mensch. Empörung ist nicht links. Was die Empörung zu einem linken Mythos macht, ist die damit verbundene Annahme, es reiche aus, dass Empörung zu Engagement führt und damit dann das Problem gelöst würde. Wir werden täglich Zeuge, dass Linke Empörung gezielt schüren und dann mit Verweis auf ihre Empörung jede ihrer Aktionen für gerechtfertigt erklären. So funktionieren dann auch kontrafaktische Behauptungen wie „Kapitalismus basiert auf Gier“, „Markt ist eine kapitalistische Erfindung und führt zu Ungleichheit“, weil sie Empörung auslösen. Für einen heutigen Linken macht Empörung eine Problemanalyse überflüssig, weil doch sowieso jeder wisse, wo das Problem liege. Das war bei Marx noch anders. Er fühle sich aufgefordert zu begründen, wodurch es zu den Zuständen komme, die ihn so empörten. Damit kann man sich auseinandersetzen, und er wurde widerlegt, was heute selbst kaum ein Linker bestreitet. Die heutige Linke entzieht sich aber fast geschlossen einer inhaltlichen Auseinandersetzung und verbleibt auf der emotionalen Ebene.

Psychologisch gesehen ist ein solches Verhalten die Folge einer kognitiven Verzerrung mit dem Namen „emotional reasoning“ (emotionales Schließen): „Ich fühle es so, also ist es so.“ Gefühle werden als Beweis für Tatsachen genommen, statt sie als Signale zu interpretieren, die geprüft werden sollten. Das Problem dabei ist nicht die Emotion. Emotion ist die Voraussetzung für jegliches sinnvolles Denken. Antonio Damasio konnte an seinem berühmten Fall „Elliot“ zeigen, dass rationales Entscheiden ohne emotionalen Input nicht funktioniert (s.u.). Emotionen sind in Entscheidungssituationen, wo es schnell gehen muss, z. B. bei einer akuten Bedrohung, die einzig sinnvolle Grundlage, weil rationales Denken viel zu lange bräuchte. Emotional reasoning ähnelt somit einer Entscheidung, die unter großem Stress getroffen wird, denn Stress blockiert das Denken.

In Stresssituationen greift jeder Mensch auf eingeschliffene Routinen zurück, über die man nicht mehr nachdenken muss. Bei Linken ist dies ein Set von „Mythen“, die gut bestätigt erscheinen, weil auch das Umfeld so denkt und die Medien bestätigend einwirken. Aber im Prinzip macht das jeder Mensch so. Der Unterschied liegt woanders, nämlich darin, dass die Konfrontation mit einem anderen Standpunkt bei Linken offenbar sehr viel Stress auslöst. Ein abweichender Standpunkt wird offenbar als bedrohlich oder verletzend empfunden.

Der Psychiater Aaron T. Beck, der den Begriff „emotional reasoning“ prägte, sah dieses als besonders typisch bei Angst- und Depressionspatienten, die glauben, weil sie sich schlecht fühlen, müsse die Situation schlecht oder gefährlich sein. Es handelt sich also um eine Projektion des eigenen Unwohlseins auf die Außenwelt. Und da der eigene emotionale Zustand gewiss ist, ist auch die Interpretation der Außenwelt gewiss und bedarf somit keiner Diskussion. Um zu verstehen, warum Linke der Vernunft ausweichen, muss man also verstehen, warum sie sich so schlecht fühlen. (Sie würden natürlich sagen, weil die Welt so schlecht ist.)

Die einfachste Erklärung (die auch vermeidet, ihnen eine Persönlichkeitsstörung nachzusagen, zu deren Symptomen „emotional reasoning“ ebenfalls zählt) ist, dass sie sich unwohl fühlen, weil sie sich den Herausforderungen dieser Welt nicht gewachsen fühlen. Wer es nicht schafft, in dieser Welt zufrieden zu sein, kann eine Zuschreibung auf das eigene Unvermögen vermeiden, indem er die Außenwelt verantwortlich macht. Das klassische „Die Anderen sind schuld“. Wird das nun aber in Frage gestellt und droht die Alternativerklärung „Ich bin selbst schuld“, wird durch Diskursvermeidung ausgewichen. Linke verstehen nicht, dass niemand schuld ist, weil sie konstruktivistisch denken. Alles, was ist, muss jemand gemacht haben, und da es schlecht ist, hatte er böse Motive.

Das stets bedrohte grandiose Selbstbild ist ein narzisstisches Symptom. Narzissmus ist eine Störung oder Überformung des Selbstbildes, bei der das Ich auf instabile oder übersteigerte Weise organisiert ist. Das Selbstbild ist grandios, gerade weil es prekär ist. Nur durch Übersteigerung kann es sich selbst stabilisieren. Für diesen wie für alle anderen linken Mythen gilt, dass nur das Verständnis der psychologischen Hintergründe erklären kann, warum man mit den Betroffenen nicht über die Wirklichkeitsfremdheit ihrer Ansichten diskutieren kann.

Ein Seher prophezeite bei der Geburt des mythischen Narzisses: „Er wird ein langes Leben haben – wenn er sich selbst nicht erkennt.“

Quellen:

empoert_euch

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