31. Januar 2026 11:00

Der zivilisierte Mensch, Teil 3 Systemische Verantwortungslosigkeit

Der Staat als Projektionsfläche für die Abgabe von Verantwortung

von Ralf Blinkmann drucken

Gefangen in der Undurchsichtigkeit
Bildquelle: Eigenes Bild Gefangen in der Undurchsichtigkeit

Der Mensch ist biologisch für die freiwillige Kooperation in einer Gruppe von circa 150 Individuen (Dunbarzahl) ausgestattet und verfügt dafür über eine „Theory of Mind“, also ein Modell der Funktion des Geistes eines anderen Menschen. Dieses ermöglicht das, was wir „Empathie“ nennen. Grundlagen einer Moral wie Reziprozität und Aversion gegen grundlose Aggression sind angeboren. Die ihn vom Tier unterscheidende Tatsache, dass er die Welt aus einer Ich-Perspektive betrachtet, führt dazu, dass er sich als Urheber seiner Handlung versteht und eine natürliche Aversion gegen die Negierung dieses Prinzips hat. Mit anderen Worten, er will frei sein. Eine Gesellschaftsordnung, die ihm in zu hohem Ausmaß vorschreibt, was er zu tun hat, lehnt er also aufgrund seiner Natur ab, was unzählige Aufstände zur Rückeroberung von Freiheit belegen. Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson, der insbesondere Ameisen erforschte, sagte einmal: „Karl Marx hatte recht: Sozialismus funktioniert – aber er hatte die falsche Spezies.“

Das Streben nach Freiheit zieht sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit, jedoch auch ihr Scheitern. Der Mensch will frei sein, ist es aber noch lange nicht.

Norbert Elias hat mit „Über den Prozeß der Zivilisation“ gezeigt, dass Herrschaft die psychische Struktur des Menschen formt. Mit der Internalisierung von Herrschaft zur Selbstbeherrschung verliert der Mensch direkte Handlungsmacht. Er tauscht diese gewissermaßen ein gegen eine größere, zunächst auf einen patriarchalen Clan, später auf ein Gewaltmonopol gestützte Macht, die er allerdings nicht mehr kontrolliert. Gewaltausübung als solche tritt nicht neu auf, doch ein Clan oder ein Staat übt Gewalt nun auch nach innen aus. Auf diese Weise wird offene Gewalt vermindert zum Preis vermehrter Selbstkontrolle, was auch bedeutet, dass der historische Trend der Verminderung offener Gewalt, auf den insbesondere Pinker hinweist („Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“), kein Maßstab für das Ausmaß der Zwanghaftigkeit der psychischen Struktur ist.

Zivilisierte Menschen delegieren Verantwortung. Psychische Impulse, insbesondere Aggression, werden delegiert und können nicht mehr schuldfrei selbst ausgelebt werden. Die Definition, was schuldbelastet ist, weitet sich dabei historisch immer mehr aus, und heute kann jemand schon durch die Wahrnehmung des Geschlechts einer Person schuldig werden, wenn er dieses falsch „gelesen“ hat. Unter diesen Bedingungen ist die Übernahme der Verantwortung für die eigenen psychischen Impulse mit hohen psychischen Kosten verbunden. Die Abgabe der Verantwortung wird als Erleichterung empfunden. Deshalb ist das Wesen des Staates nicht nur seine Fähigkeit, Zwang auszuüben, sondern auch seine Fähigkeit, zur Projektionsfläche für Verantwortungsabgabe zu werden.

In dem Ausmaß, in dem ein Mensch Verantwortung abgibt, wird er abhängig. Dies wird nicht unbedingt subjektiv auch so erlebt, weil Abhängigkeit ein natürlicher Seinszustand des Menschen ist, ganz klar beim Kind, jedoch auch bei Erwachsenen, die objektiv nicht ohne Kooperation leben können. Geht diese Abhängigkeit jedoch so weit, dass der Mensch sich selbst nicht mehr als die Ursache seiner Handlungen erlebt, erlebt er seine Unfreiheit gewissermaßen körperlich. Dies ist dann eine fundamentale Negierung seiner Existenz als Mensch, sodass der Prozess der Abhängigwerdung nicht beliebig weit getrieben werden kann.

Als Abhängiger zu leben ist zwiespältig. Zunächst ist es entlastend. Für das besondere Gefühl des als positiv erlebten Aufgehobenseins in Abhängigkeit haben die Japaner ein eigenes Wort: Amae. Amae ist laut dem japanischen Psychoanalytiker Takeo Doi („The Anatomy of Dependence“) anthropologisch universal, jedoch kulturell unterschiedlich reguliert. In westlicher Sprache nannte Zohran Mamdani es „die Wärme des Kollektivismus“. Für Doi gibt es eine natürliche Grenze von Amae. Wird Amae vom Adressaten als zu weitgehend empfunden und zurückgewiesen, löst dies beim Abhängigen Scham aus. Japaner empfinden diese Scham oft direkt, weshalb Japans Kultur auch als „Schamkultur“ bezeichnet wird. Im Westen wird diese Scham abgewehrt, indem sie externalisiert wird, das heißt, andere beschuldigt werden. Deshalb gelten westliche Kulturen als „Schuldkulturen“. In beiden Fällen kommt es jedoch zu psychischen Belastungen.

Der moderne westliche, sogenannte Sozialstaat, der besser Fürsorgestaat zu nennen ist, hat die Verantwortungsabgabe in ein bisher unerreichtes Ausmaß getrieben. Das erwachsene Individuum ist nicht mehr für seine eigene materielle Existenz, für seine Gesundheit und für seine Bildung verantwortlich. Der Staat ist sogar verantwortlich für die psychische Stabilität seiner Bürger und schützt sie vor problematisierten sprachlichen Formulierungen. Doch Abhängigkeit untergräbt die Eigenverantwortung und somit auch die Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Freiheit wird dann mit Zügellosigkeit verwechselt. Die Existenz des Staatsbürgers im Fürsorgestaat gleicht objektiv der eines Kindes, was dazu führt, dass Impulse für eine Entwicklung zu einem vom Werturteil anderer unabhängigen Erwachsenen ausfallen. Ein stabiles positives Selbstbild wäre jedoch die Voraussetzung für die Fähigkeit, sich „in die Schuld zu werfen“, also frei zu sein. Stattdessen sehen wir kritikunfähige, humorlose Menschen mit Sucht- und Depressionsneigung, die sich mit rationalen Argumenten nicht mehr auseinandersetzen können und deshalb zu Ad-hominem-Argumenten und Moralisieren neigen.

Indem nun dem Staat die Verantwortung übertragen wurde, hat sie niemand mehr. Der Staat ist kein Handelnder, sondern eine Abstraktion, die eine Gruppe von Menschen bezeichnet, die für den Staat arbeiten. Die Betreffenden unterscheiden sich aber in ihrer psychischen Struktur nicht von anderen Menschen, das heißt, sie sind eher unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Sie sprechen zwar gerne davon, weil das von ihnen erwartet wird, doch die Ergebnisse sprechen für sich. Es bringt selten etwas, einen Politiker auszutauschen, da die Verantwortungslosigkeit ein strukturelles Problem ist. Verantwortung hat ein Individuum oder niemand. Hat das Individuum sie nicht, ist es nicht frei.

Der Staat hat also eine paradoxe Wirkung. Indem er Ordnung schafft und Gewalt vermindert, schafft er die Voraussetzung für Freiheit, doch indem er den Menschen die Verantwortung abnimmt, negiert er die Freiheit, die immer mit Verantwortung verknüpft ist. Letzteres ist der Grund, warum der Staat nicht automatisch zu Freiheit führt, wenn er Gewalt unterdrückt. Ein Staat ist die Voraussetzung für Freiheit, aber ein überbordender Staat führt zur Angst vor der Freiheit, weil er Abhängigkeit schafft. Und Angst vor der Freiheit führt zu einem überbordenden Staat. Die durch diesen Teufelskreis wachsenden und mit der Zeit unerfüllbaren Erwartungen der Menschen an den Staat sind es, die seine Institutionen von Zeit zu Zeit zusammenbrechen lassen.

Interessanterweise entstand vor circa 5.000 Jahren nahezu zeitgleich mit dem Staat das Geld, welches eine Voraussetzung für eine Marktwirtschaft ist. Es ist das besondere Verdienst der Österreichischen Schule, belegt zu haben, dass der Marktprozess nicht nur der staatlichen Kontrolle nicht bedarf, sondern letztere in hohem Maße kontraproduktiv ist. Zudem wurde belegt, dass Marktwirtschaft ein Positivsummenspiel ist. Ihre Gründerväter waren sich aber einig, dass es eines Staates zur Sicherstellung der „Spielregeln“ des Marktes bedürfe. Die Idee, die Disziplinierung der Menschen vollständig freien Verträgen und dem Markt zu überlassen, hat erst Rothbard eingeführt. Sie ist theoretisch nicht herleitbar und praktisch nicht erprobt, also eine Glaubensfrage.

Quellen:

Der innere Staat

Wunsch nach Geborgen- und Abhängigkeit


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