Der zivilisierte Mensch, Teil 2: Der innere Staat
Die Beziehung zwischen Zivilisation, staatlicher Gewalt und individueller Freiheit
F. A. von Hayek sah die Zivilisation als die Voraussetzung für Freiheit an: „Der Mensch wird nicht frei geboren; er wird es nur, wenn er Disziplin erlernt, und zwar in dem Sinne, dass er sich durch Regeln beschränkt.“ (Recht, Gesetz und Freiheit. Mohr Siebeck 2003) „Der Mensch kennt gewiß nicht alle die Regeln, die sein Handeln leiten, in dem Sinn, daß er sie in Worte zu fassen vermöchte. Zumindest in primitiven menschlichen Gesellschaften ist, kaum weniger als in Tiergesellschaften, die Struktur des sozialen Lebens durch Verhaltensregeln festgelegt, die nur dadurch in Erscheinung treten, daß sie tatsächlich befolgt werden. Erst wenn die Unterschiede zwischen den einzelnen Intellekten ein erhebliches Ausmaß annehmen, wird es nötig, diese Regeln in einer Form auszudrücken, in der sie mitgeteilt und explizit gelehrt werden können, so daß man abweichendes Verhalten korrigieren sowie Meinungsverschiedenheiten über richtiges Verhalten beilegen kann. Obwohl der Mensch nie ohne Gesetze existierte, die er befolgte, lebte er natürlich hunderttausende Jahre lang ohne Gesetze, die er in dem Sinne »gekannt« hätte, daß er sie hätte in Worte fassen können.“ (ebd., S. 45f)
Von Hayek ist klar, dass die biologische Ausstattung des Menschen diesen für das Leben in kleinen Gruppen optimiert hat, geht aber der Frage, wie dieser es psychisch meistert, auch in großen Gesellschaften zu leben, nicht nach. Er konstatiert lediglich, dass er sich dazu Regeln unterwerfen muss, die er selbst nicht geschaffen hat und deren Zweck er nicht kennt. Die Regeln sind traditionell überliefert und haben sich in einem Prozess kultureller Evolution bewährt. Von Hayek lehnt intentionale Regelsetzung vehement ab, weil der Regelsetzer über das Wissen, wie sich eine solche „konstruierte“ Regel auswirkt, gar nicht verfügen kann. Für die Frage, wie sich die im Zivilisationsprozess erworbenen Regeln intrapsychisch auswirken, fühlt er sich nicht zuständig.
Er hatte sich aber geirrt, als er annahm, dass schon die paläolithischen „Horden“ auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam basieren würden. Tatsächlich waren die Jäger und Sammler des Paläolithikums nach seiner Definition frei, weil sie kaum Zwang nach innen kannten. Sie waren aber von Zeit zu Zeit in gewalttätige Auseinandersetzungen mit Nachbargruppen verwickelt. Der Experimentalpsychologe Steven Pinker rechnet in seinem Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ vor, dass die relative Todesrate infolge dieser Konflikte sehr hoch war, weil die Gruppen so klein waren. Archäologisch findet man aber keinerlei spezielle Kriegswaffen und Befestigungsanlagen, wie man sie später, nach der Sesshaftwerdung, findet.
Norbert Elias beschreibt in „Über den Prozeß der Zivilisation“ eine mittelalterliche Gesellschaft mit Menschen ohne „Charakterpanzerung“ (Reich). Sie leben ihre Impulse unkontrolliert aus und erscheinen aus heutiger Perspektive geradezu kindisch. Gewalt, Sexualität, Essen, Trinken sind kaum reguliert. Affekte wie Zorn, Lust, Freude oder Hass werden unmittelbar ausagiert. Der Weg zwischen Impuls und Handlung ist kurz. Verhalten wird primär durch äußere Zwänge, nicht durch Gewissen reguliert. Gewalt ist eine Normalform sozialer Interaktion. Elias konstatiert eine geringe Internalisierung sozialer Zwänge und ein Fehlen dauerhafter Selbstbeobachtung.
Pinker stellt fest, dass historisch die Ausübung offener Gewalt immer mehr zurückgegangen ist. Da die relative Gewaltrate wie oben erwähnt auch im Paläolithikum sehr hoch war, behauptet er diesen Trend über die gesamte Menschheitsgeschichte. Wir leben heute in der gewaltfreisten Zeit in der Geschichte der Menschheit. Der mit der Sesshaftwerdung der Menschen vor ca. 10.000 Jahren beginnende Zivilisationsprozess bringt vor ca. 5.000 Jahren den Staat mit einem Gewaltmonopol hervor, was wiederum zu einer deutlichen Verminderung der offenen Gewalt führte. Zur Erklärung beruft er sich auf Elias, der einen historischen Prozess der zunehmenden Selbstkontrolle herausgearbeitet hat.
Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und staatlicher Gewalt
Beide Autoren sehen einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Selbstkontrolle und dem Durchgreifen staatlicher Gewalt in der Gesellschaft. Wo der Staat schwach ist, ist die Selbstkontrolle gering. Wo der Staat stark ist, „Leviathan“ ist, ist das Ausmaß offener Gewalt gering, weil die Impulskontrolle hoch ist. Laut Pinker tritt als zweiter, jedoch nachgeordneter Treiber des Zivilisationsprozesses der Handel hinzu, der aber „gedeiht am besten unter dem großen Schirm, den ein Leviathan aufspannt“, weil dieser das Recht sichert. Die höhere Impulskontrolle verbessert die Voraussetzungen für freiwillige Kooperation, weil sie Vertrauen ermöglicht. Da Handel im Gegensatz zu Raub ein Positivsummenspiel ist, bietet dieser dann einen zusätzlichen Anreiz für Gewaltverzicht. Für Pinker beruht der Zusammenhang zwischen einem starken Staat und der zunehmenden Selbstkontrolle nicht auf dem Ausmaß, mit dem der Staat offene Gewalt ausübt, sondern auf dem Ausmaß, in dem er Vertrauen zwischen den Individuen ermöglicht. Das Vertrauen, welches er schafft, ist die Grundlage seiner Legitimität.
Pinker kann seinen Befund mit einer Vielzahl statistischer Daten belegen. Der Staat reduziert das Ausmaß von offener Gewalt – gemessen in Opferzahlen relativ zur Bevölkerungszahl – beträchtlich und schafft somit eine Ordnung, die Eric Hoffer als Voraussetzung für Freiheit sieht. Es ist nicht die Moral, die zur Gewaltverminderung führt, sondern im Gegenteil waren ausschließlich moralisch regulierte Gesellschaften immer sehr gewalttätig, weil individuelle Gewalt die einzige Antwort auf Moralverstöße war. Der Rückgang der Gewalt erfolgt mittels staatlicher Institutionen. Gewalt verschwindet damit nicht aus der menschlichen Psyche, sie wird lediglich institutionell blockiert und dadurch psychologisch umgeformt. Das führt aber nach Fromm, Reich und Hoffer dazu, dass der zivilisierte Mensch die ihm ermöglichte Freiheit zurückweist, wenn er die ihm auferlegte Schuld und Scham externalisiert. Der Zusammenhang zwischen Staat und Freiheit ist also nicht einfach. Die Zivilisation bringt einerseits Unfreiheit, weil Zwang nach innen, als auch die Möglichkeit der Freiheit als Folge der Eindämmung von Gewalt durch Impulskontrolle.
Eine daraus resultierende komplexe, potenziell problematische psychische Struktur ist für Pinker der Preis für die Abnahme offener Gewalt. Diese führt nicht automatisch zu Freiheit, aber schafft eine wesentliche Voraussetzung dafür. Pinker hält diesen inneren Preis der Zivilisation für sehr viel geringer als den äußeren Preis archaischer Gewalt. Er sieht durchaus die Fälle, wie zum Beispiel den Nationalsozialismus, wo Zivilisation zusammenbricht und Gewaltherrschaft entsteht, um die es in seinem Verständnis vom Staat aber ja nicht geht. Für ihn ist dies ein Versagen der Institutionen. Er beschreibt keinen Kreislauf, in dem eine zivilisierte Psyche die Ursache für den Zusammenbruch der Zivilisation wird, wie dies Fromm, Reich und Hoffer machen. Für Pinker formen die Institutionen die Psyche, nicht umgekehrt. Das ist unlogisch, da er ja die Entstehung des Staates aus dem menschlichen Wunsch nach Gewalteindämmung herleitet, der Staat so gesehen also ein Spiegel der menschlichen Psyche ist. Eine Institution ist eine Gruppe von Menschen. Wie könnte die zusammenbrechen, ohne dass das etwas mit diesen Menschen zu tun hat?
Quellen:
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