10. März 2026 16:00

Handlungslogik Wird Künstliche Intelligenz die Welt aus den libertären Angeln heben?

Und wer soll dann eigentlich die Straßen für die selbstfahrenden Autos bauen?

von Christian Paulwitz drucken

Maschinen handeln nicht, auch wenn sie aussehen
Bildquelle: e-Redaktion Maschinen handeln nicht, auch wenn sie aussehen

Kaum ein Thema bewegt heute die Gemüter so sehr wie die Fortschritte in der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI). Selbstlernende Maschinen werden Produktionsprozesse revolutionieren, davon kann man ausgehen, und wir sind erst am Anfang dieser Entwicklung. Die technokratische Schule, repräsentiert durch das Weltwirtschaftsforum, hat in der Entwicklung von Zukunftsvisionen einen deutlichen Vorsprung. Von seinem Vordenker Yuval Noah Harari stammt die These, dass der Großteil der Menschen ihren wirtschaftlichen Wert verlieren und so eine „nutzlose Klasse“ entstehen könnte. Wozu bräuchte man sie noch, wenn sie für die Produktionsprozesse keine Rolle mehr spielen?

Hararis Bild ist wirkmächtig und trifft den Menschen in seinen Sinn-Ängsten. Menschen ohne Nutzen, aber dank Überflussproduktion durch technologischen Fortschritt könne man sie ernähren und vielleicht in einer Art Traumwelt bei Fernseher und Soma ruhigstellen. Harari entwickelt die Perspektive als Möglichkeit, nicht als zwangsläufige Entwicklung, aber sie entspricht der technokratischen Sicht auf den Menschen – nicht alle, nur die Masse – als Verwaltungsobjekte. So eindrucksvoll ist das Bild, dass sich auch Libertäre manchmal mitnehmen lassen und sich die Frage stellen, ob man nicht alles überdenken müsse, was man bisher als feststehende Wahrheiten – a priori gültig – erkannt habe. Ändert Künstliche Intelligenz alles? Haben wir ein Problem, weil sie Ludwig von Mises noch nicht auf dem Schirm haben konnte?

Der Mensch handelt, um seine Zufriedenheit zu erhöhen beziehungsweise seine Unzufriedenheit zu mindern. Er zieht unter der Bedingung knapper Ressourcen – nicht alles ist in der gewünschten Menge zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ohne menschliches Handeln beliebig verfügbar – das eine Ziel einem anderen vor. Er ist bereit, Mittel wie Arbeit, Zeit, andere Güter einzusetzen, um nach seinen Präferenzen Ziele zu erreichen. Dabei muss er nach subjektiver Wertung die Erreichung mancher Ziele unter Kosten-Nutzen-Aspekten anderen vorziehen. Er handelt unter den Bedingungen einer unsicheren Zukunft, die Erreichung seines Ziels mit den Mitteln, die er wählt, ist ungewiss. – Was von alledem sollte sich wohl ändern, wenn dabei KI ins Spiel kommt? Es ist der Mensch, der wertet und will, keine Maschine wird das je können. Freilich kann man sie so aufsetzen, dass sie Wertungen und Entscheidungen simuliert und es so aussieht, als würde sie nach einem „eigenen“ Maßstab handeln. Aber das bleibt eine Simulation. Das Verhalten der Maschine bleibt determiniert nach den von ihren Schöpfern angelegten Maßstäben, auch wenn diese Determiniertheit von außen nicht unbedingt nachvollziehbar und erkennbar ist. Dass Maschinen nicht immer das tun, was wir von ihnen möchten, wissen wir noch nicht einmal erst seit Einführung des Computers in den Alltag. Alles nicht neu.

Hararis Vision verdeckt ein marxistisches Menschenbild in einem neuen Gewand: der Mensch definiert in einem technokratischen Produktionsprozess. Die Gesellschaft selbst als große Maschine. Das ist es, was dem dystopischen Bild vom nutzlosen Menschen als bereits vorausgesetzt zugrunde liegt und es so gefährlich macht. Die eigentliche Frage, um die es geht, ist: wie wollen wir zusammenleben? Als Individuen in freiwilliger Kooperation – oder als abhängige Konsumenten, versorgt und verwaltet von einer großen Technokratie unter der Leitung einer Führungsklasse. Letzteres ist in der Tat die Fortentwicklung des Sozialstaatskonzepts unter den Bedingungen einer technologischen Revolution und könnte nur in einer großen Katastrophe mit Millionen Toten enden – je nachdem, wie weit man diesen Weg gehen will und kann.

Für KI-Roboter gelten weiterhin die Bedingungen knapper Ressourcen. Um sie zu bauen, zu trainieren und zu betreiben, wird Kapital benötigt – und zwar viel Kapital, besonders wenn man es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Kraftwerke in die Luft zu sprengen. Aber auch unter vernünftigen Umständen. Wer sollte entscheiden, welcher Kapitaleinsatz anderen Zielen vorzuziehen ist? – In jedem Fall sind es Menschen, die solche Entscheidungen treffen. Wer sonst? – Die eigentliche Frage ist lediglich, ob Menschen ihre Entscheidungen selbst und mit eigener Verantwortung treffen oder ob sie von anderen Menschen auf Kosten Dritter getroffen werden. Die Frage zu den Folgen dieser beiden Ansätze ist längst beantwortet.

In einer auf freiwilliger Kooperation beruhenden Ordnung fließt Kapital in den Bau und Einsatz großartiger neuer KI-Maschinen für hocheffiziente Güterproduktion, wenn dafür entsprechende Gewinne zu erwarten sind. Auch wenn die Produktion noch so günstig erfolgt – es muss Konsumenten geben, die Güter kaufen mit einem Einkommen, das sie dadurch gewinnen, erfolgreich anderen mit ihren Leistungen etwas anzubieten, das sie nachfragen und zu bezahlen bereit sind. Die Vorstellung, hocheffiziente Produktion zur Güterversorgung aller mit allem würde einfach so entstehen, ist eine irreale Sozialstaatsvorstellung. Mit zunehmendem Produktionskapital – und sei es in Händen weniger, die in Erwartung von Gewinnen wirtschaften – können Bedürfnisse verfolgt werden, die zuvor weniger drängend waren, und daraus individuelle Einkommen generiert werden. Auch in der Produktion bleiben Nischen für nicht vollautomatisierte Produktion; die Vorstellung, alles, was gewünscht wird, werde einst von vollautomatisierten selbstgesteuerten Maschinen gebaut, ist abwegig. Der Ausbau neuartiger KI-gestützter Produktion erfolgt mit der Geschwindigkeit, in der die Menschen im Allgemeinen anderen einen Nutzen erbringen und dadurch wiederum Güter erwerben können.

Ganz anders sieht es aus, wenn die Produktion durch KI-Maschinen von einer Entscheiderkaste gelenkt würde, die dafür sorgt, dass das produziert, was die Leute brauchen. A priori steht fest, dass niemand über das nötige Lenkungswissen verfügt. Die Produktion kann bei weitem nicht so effizient organisiert werden. Menschen müssen gefunden werden, die Produktionsmaschinerie aufzubauen, die dann alle versorgen soll. Der neue real existierende Sozialismus wird auf die Verwirklichung des echten Sozialismus vertrösten, während die Mangelwirtschaft immer weiter um sich greift, weil die Menschen andere Bedürfnisse priorisieren als die, die sich die Lenkungskaste vorstellt. Letztere wird immer mehr KI-Technologien für die Kontrolle benötigen, als sie bereit ist, in Produktion zu stecken. Die Vorstellung eines Schlaraffenlandes, in der alle in ihren Grundbedürfnissen versorgt sind, ist unter den Verhältnissen gelenkter Produktion nicht realisierbar, auch nicht in der Zukunft.

Neue Technologien können zu großen Umbrüchen führen, die die Marktteilnehmer vorübergehend durcheinanderwirbeln, zum Teil unter sehr hohem Leidensdruck. Aber die Kräfte ordnen sich unter freien Marktbedingungen neu und schwingen sich ein. Nichts ist neu daran. Wird die Wirtschaft dagegen gelenkt, wird Mangel bei individuell hoch priorisierten Gütern für viele Menschen folgen. Auch das ist nicht neu. Aber das sind die eigentlichen Dinge, um die es geht, wenn man fragt, wie KI-Maschinen die Welt verändern werden.

Maschinen handeln nicht, auch wenn sie den Eindruck erwecken können. Sie wollen und werten nicht. Sie sind keine Menschen, auch wenn man sie auf Hochglanz poliert und ihnen nette Namen gibt. Aber man kann sie zu nützlichen Dingen einsetzen, ohne Staat und ohne Kommandowirtschaft. Manche sagen, sogar zum Straßenbau.


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