US-Militärstrategie: Die amerikanische Militärstrategie 2026: Frieden durch Stärke oder die Kodifizierung permanenter Militarisierung?
Analyse der neuen US-Defense-Strategie im Kontext geopolitischer Machtprojektionen und libertärer Kritik
Die US-Nationalverteidigungsstrategie 2026:
Frieden durch Stärke oder die Kodifizierung permanenter Militarisierung?
Antony P. Mueller
Die Nationalverteidigungsstrategie (NDS) 2026, die am 23. Januar 2026 vom US-Kriegsministerium veröffentlicht wurde, präsentiert sich als bewusster Bruch mit den außenpolitischen Paradigmen der Nach-Kalte-Krieg-Ära. Explizit im Rahmen der umfassenderen America First-Doktrin verortet und in Übereinstimmung mit der Nationalen Sicherheitsstrategie 2025 formuliert, verkündet das Dokument eine Rückkehr zu den Grundsätzen von Frieden durch Stärke und der Vorrangigkeit des nationalen Interesses.
Zentralstück ist eine Streitmacht, die dem Präsidenten größtmögliche Handlungsfreiheit beim Einsatz der amerikanischen Streitkräfte gewährleistet.
„By ensuring that the Joint Force is second to none, we will ensure the greatest optionality for the President to employ America’s armed forces“ (S. 5).
Auf den ersten Blick scheint die Strategie Themen aufzugreifen, die seit Langem von Kritikern des Globalismus vertreten werden: Zurückhaltung beim Nation-Building, Skepsis gegenüber universalistischen Idealen und eine stärkere Konzentration auf konkrete nationale Interessen. Aus libertärer Perspektive jedoch stellt das Dokument etwas Grundlegendes – und Beunruhigendes – dar: die institutionelle Verankerung einer permanenten Kriegshaltung, die Vertiefung der Verschmelzung von Staat, Militär und Industrie sowie die Ausweitung der exekutiven Macht im In- und Ausland unter dem Banner nationaler Sicherheit.
Man beklagt das utopische Denken der Vorgängerregierung, kündigt aber an, Präsident Trump würde die Nation in ein neues goldenes Zeitalter führen. Dabei kommt dem Kriegsministerium die Aufgabe zu, so stark zu sein, dass die nationalen Interessen ungehemmt verfolgt werden können. Das amerikanische Kriegsministerium ist Schwert und Schild, das unter der Anweisung des Präsidenten dem Prinzip des Friedens durch Stärke verpflichtet ist.
„We will be our nation’s sword and its shield, always ready to be wielded decisively at the President’s direction, in service of his vision for lasting peace through strength“ (S. 6).
Das NDS-Papier betont wiederholt, dass sich die internationale Lage in einem historisch gefährlichen Zustand befinde, und beschreibt eine Welt am Rande gleichzeitiger Konflikte in mehreren Regionen – einschließlich der Möglichkeit eines Dritten Weltkriegs. Das Dokument identifiziert vier Hauptgegner beziehungsweise Bedrohungskategorien:
• China als primärer langfristiger strategischer Konkurrent;
• Russland als anhaltende, jedoch regional begrenzte Bedrohung;
• Iran als destabilisierender Akteur mit Ambitionen zur Nuklearbewaffnung;
• Nordkorea als akute nukleare Gefahr für US-Verbündete und das Heimatland.
Im Gegensatz zu liberal-internationalistischen Strategien rahmt die NDS diese Herausforderungen nicht im ideologischen Gegensatz zwischen Demokratie und Autoritarismus. Stattdessen operiert sie mit der Sprache von Machtgleichgewichten, Verweigerungsstrategien und Einflusssphären – besonders deutlich etwa in der Reaktivierung der Monroe-Doktrin und der Einführung einer sogenannten Trump-Klausel, die die US-Dominanz in der westlichen Hemisphäre institutionell absichert.
Aus libertärer Sicht ist der Verzicht auf ideologische Kreuzzüge zunächst begrüßenswert. Doch die Alternative ist nicht Zurückhaltung oder Frieden, sondern geopolitisches Management, abgesichert durch militärische Überlegenheit.
Die Strategie gliedert sich in vier Lines of Effort (LOEs), die gemeinsam den operativen Kern der US-Militärpolitik bilden. Die höchste Priorität liegt auf der Verteidigung des Heimatlandes. Dabei offenbart diese Ausrichtung das strukturelle Problem der zunehmenden Verschmelzung von äußerer Verteidigung, innerer Sicherheit und wirtschaftspolitischem Management. Aufgaben wie Grenzsicherung, Drogenbekämpfung und Migrationskontrolle werden zunehmend als militärische Herausforderungen gefasst – mit der Folge, dass sich staatlicher Zwang nach innen ausweitet. Historische Erfahrungen zeigen, dass solche Verwischungen autoritäre Dynamiken begünstigen.
Die NDS identifiziert China als die zentrale strategische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Zwar betont das Dokument, dass die USA keine Dominanz oder Demütigung Chinas anstreben. Der Umfang der geplanten militärischen Aufrüstung – in Verbindung mit weltweiter Machtprojektion – weist jedoch auf eine auf unbestimmte Zeit angelegte strukturelle Rivalität hin.
Es gibt viele Gründe, davor zu warnen, dass permanente Großmachtrivalitäten unbegrenzte Militärhaushalte, zunehmende Geheimhaltung und weitreichende exekutive Ermessensspielräume legitimieren könnten. Abschreckungsarchitekturen, auch wenn defensiv formuliert, tendieren dazu, sich selbst zu perpetuieren – und erhöhen somit tendenziell die Wahrscheinlichkeit von Fehlkalkulationen.
Ein besonders markantes Element der NDS 2026 ist die Forderung, dass Verbündete ihre Verteidigungsausgaben drastisch erhöhen – auf einen neuen globalen Richtwert von 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (davon 3,5 Prozent für militärische und 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Ausgaben). Europa soll primär die Verantwortung für seine Verteidigung gegenüber Russland übernehmen, Südkorea gegenüber Nordkorea, und regionale Partner im Nahen Osten sollen Iran eigenständiger entgegentreten – mit begrenzter US-Unterstützung.
„As the NSS makes clear, Europe taking primary responsibility for its own conventional defense is the answer to the security threats it faces“ (S. 19).
Diese Aussage ist ambivalent. Einerseits korrigiert die Reduktion amerikanischer Subventionen für wohlhabende Verbündete ein moralisches Risiko, das seit Jahrzehnten besteht. Andererseits bleibt das Bündnissystem als solches unangetastet – jenes System, das die USA strukturell in regionale Konflikte verstrickt und automatische Eskalationsrisiken schafft. Lastenteilung reduziert zwar Kosten, nicht aber die Verpflichtungen.
Besonders aufschlussreich – und beunruhigend – ist der Abschnitt zur Defense Industrial Base (DIB). Die NDS fordert:
• eine „einmal-in-einem-Jahrhundert“ stattfindende industrielle Mobilmachung;
• Rückverlagerung strategischer Industrien in die USA;
• massiven Ausbau der militärischen Produktionskapazitäten;
• Integration von Künstlicher Intelligenz und anderen Zukunftstechnologien;
• Abbau regulatorischer Hürden für die Rüstungsproduktion.
Das Dokument vergleicht diese Initiative explizit mit den Mobilmachungen der beiden Weltkriege.
Diese Strategie bedeutet eine dramatische Ausweitung des militärisch-industriell-staatlichen Komplexes. Märkte werden zunehmend durch politische Vorgaben, Subventionen und strategische Zielvorgaben gesteuert – nicht mehr durch Konsumentenwahl und Preissignale. Innovation wird militarisiert, Kapitalallokation politisiert und Opportunitätskosten verschleiert.
Die neue US-Verteidigungsstrategie geht von der falschen Vorstellung aus, dass Frieden durch permanente militärische Überlegenheit hergestellt werden könne. Die Geschichte zeigt aber hinreichend, dass Staaten, die Sicherheit durch Dominanz anstreben, oft genau die Unsicherheiten erzeugen, die sie zu vermeiden suchen.
Die NDS beinhaltet implizit die These, dass Bedrohungen durch überlegene Fähigkeit der Gewaltanwendung auf Dauer kontrollierbar seien. Was diese Strategie dabei allerdings nicht ernsthaft in Betracht zieht, sind strategische Zurückhaltung, Disengagement oder die Dezentralisierung von Sicherheitsverantwortung.
Das Strategiepapier betont wiederholt die Notwendigkeit von Geschwindigkeit, Flexibilität und entschlossenem Handeln – bis hin zu weltweiten unilateralen Operationen. Eine solche Rhetorik signalisiert eine weitere Konzentration von Macht in der Exekutive, gerechtfertigt durch einen Zustand permanenten Notstands. Es wird angekündigt, nicht mehr die Ressourcen Amerikas verschwenden zu wollen, aber zugleich, dass es keinen Rückzug geben wird. Es gilt weiterhin, Amerikas Interessen weltweit zu behaupten, wozu an der Heimatfront die Wiederherstellung des Ethos des Kriegers gehört.
„No longer will we squander Americans’ will, resources, and even lives in foolish and grandiose adventures abroad. But we will not retreat. Rather, we will unabashedly prioritize Americans’ concrete interests with an approach of flexible realism. We will restore the warrior ethos. We will refocus the American military on its core, irreplaceable goal of winning the nation’s wars decisively“ (S. 24).
Der Aufruf zur industriellen Mobilmachung verwischt die Grenze zwischen Militärpolitik und zentraler Wirtschaftsplanung. Das Dokument ist gegen den libertären Grundsatz gerichtet, dass wirtschaftliche Freiheit und Frieden sich gegenseitig verstärken. Eine militarisierte Industriepolitik hingegen fördert Verschwendung und die strukturelle Abhängigkeit von Staatsausgaben. Hinzu kommt die fiskalische Belastung eines solchen Ansatzes: Ob über Steuern, Schulden oder monetäre Expansion – am Ende handelt es sich um eine verdeckte Umverteilung.
Die NDS 2026 akzeptiert die Welt dauerhafter Großmachtrivalität als gegeben – ein Zustand, der nicht überwunden, sondern gemanagt werden soll. Dem entgegen betont libertäres Denken freiwilligen Austausch, Dezentralisierung und internationale Handelsbeziehungen als Wege zur Reduktion von Kriegsanreizen. Frieden erfordert keinen globalen Hegemonen. Er erfordert Grenzen – für Macht, für Ambitionen und für den Einflussbereich politischer Entscheidungen.
Durch die Institutionalisierung permanenter Militarisierung, die weitere Verflechtung von Staat und Industrie sowie die Normalisierung globaler Machtprojektion riskiert diese Strategie, genau jene Freiheiten zu opfern, die sie vorgibt zu verteidigen. Eine Politik des permanenten Ausnahmezustandes ist unvereinbar mit einer freiheitlichen Ordnung. Wahrer Frieden entsteht nicht durch Dominanz, sondern durch Zurückhaltung, freiwillige Kooperation und die Begrenzung politischer Kontrolle über menschliche Angelegenheiten.
Quellen:
https://media.defense.gov/2026/Jan/23/2003864773/-1/-1/0/2026-NATIONAL-DEFENSE-STRATEGY.PDF
Strategische Rivalität als Dauerzustand: Die neue amerikanische Sicherheitsstrat
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