Medienkritik: Warum eines von Mark Twains berühmtesten Zitaten heute aktueller ist denn je
In puncto Realitätsfremdheit und Selbstgerechtigkeit schenkt sich das „Juste Milieu“ nichts – egal ob Poschardt oder Gauck
In puncto Realitätsfremdheit und Selbstgerechtigkeit schenkt sich das „Juste Milieu“ nichts – egal ob Poschardt oder Gauck.
Es gibt Zitate, die, ob falsch zugeschrieben oder nicht, bestimmte Probleme dennoch perfekt beschreiben. Dem amerikanischen Schriftsteller und Satiriker Mark Twain, mit bürgerlichem Namen eigentlich Samuel Langhorne Clemens, wird folgende Äußerung über die Presse zugeschrieben:
„If you don't read the newspaper, you're uninformed. If you read the newspaper, you're misinformed.“
Wenn man keine Zeitung liest, ist man uninformiert. Wenn man Zeitung liest, ist man falsch informiert. Ob dieses Zitat nun wirklich von Twain stammt oder nicht, ist wie gesagt unerheblich: Denn es stimmt. Und bringt das „Informationsdilemma“, wie es gemeinhin genannt wird, auf den Punkt. Man könnte darüber lachen, wenn die Probleme, die es zwar nicht verursacht, deren Verständnis es aber durch beharrliches Schweigen über die benennbaren Ursachen erheblich erschwert hat, heute nicht so schwerwiegend wären.
Eine gewisse „Entrücktheit“ oder Abkoppelung von den Alltagssorgen des „Stimmviehs“ seitens amtierender oder ehemaliger Politiker, im Falle der Presse in Gestalt mancher ihrer „Spitzenkräfte“ gegenüber ihrem Publikum, das immerhin seine allmählich knapper werdenden finanziellen Ressourcen für Publikationen ausgeben soll, die sich nicht zu schade sind, „injury“ noch „insult“ beizupacken, kann selbst der Wohlmeinendste nicht mehr übersehen. Doch zu Ulf Poschardt komme ich noch.
Jüngst war es der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der bei Caren Miosga über die durch einen weiteren Widde-Widde-Ich-bombardiere-mir-die-Welt-in-die-Nachhaltigkeit-wie-es-mir-gefällt-Krieg gestiegenen Spritpreise sagte, Sorgen darob seien „Stammtisch“:
„Weil der Spritpreis über zwei Euro steigt, sollen wir jetzt starke Worte wählen? […] Das ist Stammtisch.“ (Focus, „Gauck über Europa: »Leben in einer verfetteten Ohnmacht«“, 16.3.2026).
Ein ziemlich großer und komplexer „Stammtisch“ allerdings: Denn die steigenden Preise unter anderem für den Warentransport werden sich, so viel ist klar, auf gesamtwirtschaftlicher Ebene niederschlagen, nicht nur an Kneipentresen. Gut, einen Gauck braucht das nicht zu interessieren, da hat er schon Recht: Als Bundespräsident a. D. hat er ja seine gesicherte Pension, der Rest ist dann Populismus. Ich spare mir hier Anmerkungen zur berühmt-berüchtigten „Negativauslese“ der „Demokratie“ und belasse es bei der Frage, wie sich eigentlich jemals etwas ändern soll, solange in Sachen Informationskultur eher „zurückhaltende“ Gestalten in Positionen gelangen, die geeignet sind, den sogenannten „Öffentlichen Diskurs“ zu dominieren. Genau das ist nämlich eines der größten Probleme dieser Zeit: Die dominanten oder reichweitenstärksten Stimmen sind eben nicht automatisch auch die kundigsten und mutigsten, sondern oft ist es genau umgekehrt …
Deshalb ist „Ohnmacht“ hier auch ein denkbar falscher, ja scheinheiliger Begriff: Ein Gauck hätte schließlich jederzeit die Gelegenheit gehabt, Bürgern reinen Wein einzuschenken und dieser – nicht zuletzt informationellen – Ohnmacht dadurch entgegenzuwirken. Stattdessen gibt es nur wieder Publikumsbeschimpfung und Herablassung: Ihr seid zu fett geworden, dann werdet halt schlanker. Sollen sie doch Kuchen essen, aber wehe, man würde mal Klartext reden und den Leuten offen sagen, was eigentlich hinter dieser gewollten Verteuerung fossiler Brennstoffe und der ganzen „Nachhaltigkeits“-Agenda wirklich steht. Es genießt nun mal nicht jeder das Privileg, eine schöne Rente dafür zu bekommen, für ein paar Jahre wohlfeile Reden aus einem Schloss heraus darüber zu halten, wie wir „unsere Demokratie schützen“, warum wir auch nächstes Jahr „stärker zusammenhalten“ und die „sozialen Risse“, die durch „unsere Gesellschaft“ gehen, kitten sollten, während Politiken, über die man kein Sterbenswort verliert, eben jenen Mörtel des „sozialen Zusammenhalts“ beharrlich aushöhlen.
Wenn auch noch ein Ulf Poschardt des Weges kommt und, wie vor ein paar Wochen geschehen, den Bürgerlichen vorwirft, sie seien quasi zu transusig, sie verstünden die Gründe für ihren Niedergang nicht, wären also unverständig, irgendwie begriffsstutzig oder schlecht informiert, schlägt das natürlich allen noch lieferbaren Fässern des Landes die Böden aus: Gerade er hätte früher als Chefredakteur (!) einer der größeren deutschen Zeitungen ebenfalls die Möglichkeit gehabt, hier bessere Arbeit zu leisten und dem Publikum genau solche Informationen zu präsentieren. Hat er aber nie. Kein einziges Mal. Obwohl diese Informationen längst im öffentlichen Raum standen, obwohl sie abrufbar waren, obwohl Poschardt das alles locker hätte recherchieren können.
So jemand hat nicht das Recht, anderen Vorwürfe zu machen. Das ist, gerade in seiner Position als „Meinungsmacher“, nicht nur unverschämt, sondern ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich diese Arbeit machen – um dann beobachten zu dürfen, wie selbige von Journalisten wie Poschardt ständig ignoriert und mit vollständiger Missachtung belohnt wird. Selbst heute noch vermeidet er es sorgfältig, Dinge anzusprechen, von denen er – vermute ich mal – befürchtet, dass sie seine berufliche Position als Herausgeber von Welt, Politico und Business Insider sehr wahrscheinlich ins Wanken brächten. Das ist der „insult“, den er der „injury“ durch Ignorieren und Totschweigen hinzufügt: So manche Problemursachen erst gar nicht ansprechen (obwohl er weiß oder sich zumindest denken kann, dass es sie gibt), sondern oberflächlich darüber hinwegquasseln, um dann denjenigen Bürgerlichen (zu denen auch ich gehöre), auch noch vorzuwerfen, sie seien zu lahmarschig oder, siehe Gauck, „ohnmächtig“ oder zu „fettleibig“. Na dann geht doch mal mit gutem Beispiel voran! Traut euch doch mal vor! Handelt doch mal konsequent und gebt ein leuchtendes Beispiel durch euren eigenen Mut ab, Dinge auszusprechen, statt ständig vorzuspielen, es gäbe sie gar nicht.
Schon ironisch, wenn ein Poschardt sich ein wenig darüber beklagt, eines seiner Bücher („Shitbürgertum“) im Selbstverlag veröffentlicht haben zu müssen, weil kein deutscher Verlag sich daran getraut habe. Willkommen im Club, Bruder: Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, Manuskripte für sogenannte „Verschwörungs“-Bücher zum Beispiel beim Springer-Verlag unterzubringen – der unter anderem die „Welt“ herausgibt, eine Zeitung, in der alles stur ausgeblendet wird, was nicht ins Scheibenweltbild passt, sodass man als Autor und Publizist gar keine andere Wahl mehr hat, als in den Selbstverlag zu gehen, da auch alle anderen größeren Verlage sich einfach nicht durchringen können, mal die Zähne auseinanderzukriegen. Und sich somit als Diskussions- und Erkenntnisbremsen betätigen.
So wie Poschardt selbst. Wie heißt es doch so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Auch wenn er natürlich nicht Unrecht hat, von einem „linksgrünen“ Milieu zu sprechen, das gerne dominiert und andere mundtot machen will: Er selbst liefert nicht gerade ein positives Gegenbeispiel. In dieser Hinsicht schenkt sich das Juste Milieu nichts, und wenn ich Juste Milieu sage, meine ich damit nicht nur das linke oder das rechte, sondern dasjenige, das selbstgerecht den eigenen Horizont für die ultimative Erkenntnisgrenze hält und alles, was darüber hinausreicht, durch Schweigen daran hindern will, durchzudringen. Mit bekanntem Ergebnis: Ich kann jetzt schon zuverlässig voraussagen, dass irgendwann in naher Zukunft, ob es noch zwei Jahre dauert oder fünf, wenn die Folgen so mancher Agenda voll sichtbar sein werden, Artikel der „Welt“ – oder des „Business Insider“ oder von mir aus „Politico“ – behaupten werden, das hätte „niemand“ wissen können.
Bis nächste Woche.
Quellen:
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