04. Februar 2026 06:00

Meinungsfreiheit Nochmal danke, Stefan Niehoff!

Ein Nachruf

von Oliver Gorus drucken

Literatur: Erinnerung an Stefan Niehoff und Preußlers Geschichten
Bildquelle: Redaktion Literatur: Erinnerung an Stefan Niehoff und Preußlers Geschichten

Stefan Niehoff ist tot, der aufrechte „Rentner aus Franken“ erlag viel zu früh mit erst Mitte sechzig den Folgen eines Schlaganfalls. Ich bin sehr traurig darüber, vor allem tut es mir unendlich leid für seine liebe Familie. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich ihn noch kennenlernen durfte.

Am Tag seines Gerichtsprozesses in Haßfurt reiste ich zur Unterstützung und zur Beobachtung des Geschehens an, und als ich mich vor und nach der unsäglichen Verhandlung mit ihm unterhielt, fühlte es sich so an, als würden wir uns schon länger kennen, weit über das bisschen Austausch per X-Direktnachricht hinaus.

Er bot mir gleich das Du an, und ich fühlte mit ihm, wie fremd und unangenehm und überfordernd die ganze Sache für ihn war – gleichzeitig war es halt so, wie es war, und er scherzte und stellte mir seine herzige Tochter Alexandra vor. – Stefan Niehoff kam mir an diesem Tag vor wie eine gründliche Mischung aus Figuren aus meinen liebsten Büchern der Götter meiner Kindheit: Janosch, Otfried Preußler, David Friedrich Weinland, Michael Ende und Astrid Lindgren. – Er sah am ehesten so aus, wie von Janosch gezeichnet, und ich erlebte ihn am ehesten so, wie einen kauzig-liebevollen Charakter aus einer Geschichte von Otfried Preußler.

Otfried Preußler wuchs als Jugendlicher in den Krieg hinein und kam als junger Mann für fünf Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft im Lager 97 im tatarischen Jelaburga und im Silikatlager in Kasan an der Wolga, wo er auf 40 Kilo abgemagert dem Tod von der Schippe sprang.

Aus dem Martyrium seiner Gefangenschaft schrieb er an seine Verlobte auf einer Postkarte: „Lehrer sein – das wäre schön.“ Er stellte sich vor, Kinder formen und erziehen zu dürfen, „zu frohen und friedlichen Menschen“.

Und genau das tat er für den Rest seines langen Lebens. Auch ich war einer seiner Schüler, ohne es zu wissen. Ich war einfach nur begeisterter Leser seiner Geschichten „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ und der drei Bände von „Räuber Hotzenplotz“. Ich wusste damals nicht, dass Otfried Preußler tatsächlich Lehrer und später sogar Rektor einer Schule geworden war. Aber er erzog dennoch auch mich im besten Sinne mit seinen Geschichten, die immer das Übernatürliche und Fantastische mit dem Alltäglichen und Normalen verbanden, als wären es die natürlichsten Sachen der Welt.

Mit dem kleinen Wassermann verankerte er in mir die große Ehrfurcht vor der Natur. Mit der kleinen Hexe weckte er in mir den Ehrgeiz und den Mut, Gutes zu tun und nicht müde zu werden. Mit dem kleinen Gespenst führte er mir vor Augen, wie großartig die Neugierde, der Entdeckungsgeist und die Abenteuerlust sind und wie gefährlich zugleich. Und mit dem Räuber Hotzenplotz lehrte er mich, wie schwierig Gerechtigkeit und wie wertvoll Freundschaft ist. – Und Stefan Niehoff war für mich Jahrzehnte später ein lebendiges Beispiel für Bescheidenheit, Aufrichtigkeit und Verantwortung.

In allen diesen Geschichten von Otfried Preußler sind die Helden Außenseiter in ihrer Welt. Und immer stellen sie sich mutig, rebellisch und trotzig dem Bösen entgegen. In der realen Welt von Stefan Niehoff gab es leider noch keinen Wachtmeister Dimpfelmoser, der die Ordnung für ihn wiederherstellt und wieder alles ins Lot bringt, so wie für Kasperl und Seppl. Die Gerechtigkeit hätte durchaus noch siegen können, denn sein unfairer, politischer Prozess wäre in die zweite Runde vor das Berufungsgericht gegangen, wenn er nicht zuvor gestorben wäre.

So bleibt keine Chance mehr für eine vollständige Rehabilitation. In der Stunde seines Todes war er dem Spott und der Häme der dem Todestrieb erlegenen bösartigen Widerlinge ausgeliefert, die ihm andichteten, wogegen er eigentlich Zeit seines Lebens gekämpft hatte.

Aber ich sehe vor mir den Schalk in den Augen von Stefan Niehoff, das Schmunzeln hinter seinem Walroßbart und höre seinen Witz in einer trockenen Bemerkung, die alle zum Lachen bringt, während er seine Tochter in den Arm nimmt und alles nicht so schlimm ist, wie es sich anhört.

Danke, Stefan Niehoff!


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