25. Februar 2026 06:00

Staatswirtschaft Warum das BIP kein Maß für Wachstum ist

Die Propagandalüge der Wirtschaftsleistung

von Oliver Gorus drucken

Wirtschaft: BIP als Trugbild
Bildquelle: Redaktion Wirtschaft: BIP als Trugbild

Mit dem vom Kabinett beschlossenen Jahreswirtschaftsbericht 2026 stellte die Bundesregierung Ende Januar dem Bundestag und dem Bundesrat die „gesamtwirtschaftlichen Orientierungsdaten für das laufende Jahr“ zur Verfügung. Abgesehen davon, dass es doch ziemlich streng nach DDR riecht, wenn die Regierung beschließt, wie die Wirtschaftslage ist, wurde ein Erfolg für die Unseredemokratie vermeldet. Das ist doch schön! Im vergangenen Jahr sei die Wirtschaft nach zwei Schrumpfjahren nun endlich wieder gewachsen, und zwar um 0,2 Prozent. Und im Jahr 2026 werde die Wirtschaft nochmal alles geben und inflationsbereinigt auf ein um 1,0 Prozent höheres BIP kommen – „getragen von den staatlichen Investitionen“.

Was entnehmen Sie diesen Meldungen? Glauben Sie wirklich, dass gerade die Wirtschaft wächst? Und insbesondere: Würden Sie vermuten, dass der Privatsektor überhaupt wachsen könnte, wenn die Energiepreise, die Steuern und Abgaben, die Insolvenzen, die Kapitalflucht und die Auswandererzahlen weltmeisterlich sind und die Staatsquote auf über 50 Prozent gestiegen ist? Und was sagt das alles über den Wohlstand für alle aus?

Das BIP verzerrt die Realität

Ein Ökonom, der weiß, wer von Mises, Hayek, Rothbard oder Hoppe sind, sieht das Bruttoinlandsprodukt genau so, wie es ist: eine grobe, irreführende Aggregatzahl, die von Staatsbürokraten und Zentralbankern erfunden wurde, um Planwirtschaft und Umverteilung zu rechtfertigen.

Um es klar zu sagen: Das BIP misst nicht die wahre Wirtschaftsleistung, sondern nur einen Teil der monetären Transaktionen – und zwar den Teil, den der Staat sehen und besteuern will. Alles andere wird systematisch ignoriert oder sogar als positiv gezählt, obwohl es Schaden anrichtet.

Hier die wichtigsten Gründe:

Wert entsteht in einer Gesellschaft nur durch freiwilligen Tausch und die subjektive Nutzenschätzung, das sagt Mengers subjektive Wertlehre. Konkret: Eine Mutter, die ihre Kinder betreut, ein Nachbar, der dem anderen hilft, oder die eigene Gartenarbeit schaffen echten Wohlstand – aber sie tauchen im BIP nicht auf. Sobald dieselbe Mutter ihre Kinder in eine staatlich subventionierte Kita gibt und dafür Steuergelder fließen, explodiert das BIP plötzlich.

Das ist absurd: Die gleiche Leistung wird plötzlich „Wirtschaftswachstum“, nur weil der Staat Geld umlenkt.

Diebstahl als Wachstum getarnt

Jeder Euro, den der Staat ausgibt, ob für Beamtenpensionen, Krieg, Subventionen oder sinnlose Bürokratie, erhöht das BIP. Was die Parabel vom zerbrochenen Fenster von Frederic Bastiat im Kleinen beschreibt, ist mit dem BIP zur monströsen Größe aufgeblasen – aber das Prinzip ist das gleiche.

Wenn ein Staat die Hälfte des BIP umverteilt und dabei Ressourcen von produktiven Unternehmern zu unproduktiven Apparatschiks verschiebt, wird statistisch als Wachstum gefeiert, was in Wahrheit Kapital verzehrt. Das BIP bewertet genau das als positiv, was Ludwig von Mises die „Zerstörung der Kapitalakkumulation“ nannte: Eine dauerhafte Verbesserung des Lebensstandards ist nur möglich durch die Ansammlung von Ersparnissen, die in Produktionsmittel investiert werden. Jede staatliche Intervention stört diesen Prozess und führt zu Kapitalverzehr statt Kapitalvermehrung. Das BIP verkauft sinkenden Wohlstand als Wirtschaftswachstum.

Zerstörung als Fortschritt

Ein Hurrikan zerstört eine Stadt. Der Wiederaufbau lässt das BIP explodieren. Die Medien jubeln: „Wirtschaft boomt!“

Bastiat hat das schon vor 180 Jahren entlarvt und Hazlitt hat es vor 80 Jahren in seinem Bestseller „Economics in One Lesson“ nochmal wunderbar beschrieben: Man sieht nur das Sichtbare, zum Beispiel die neuen Fenster, nicht das Unsichtbare, was die Menschen stattdessen mit ihrem Geld gemacht hätten, wenn sie nicht eingeschlagene Fenster hätten ersetzen müssen: neue Maschinen, Innovationen, echte Kapitalbildung.

Das BIP kann nicht zwischen wertschöpfender und wertvernichtender Aktivität unterscheiden. Genau deshalb lieben es Politiker und Keynesianer: Weil es ihr Zerstörungswerk kaschiert.

Kapitalstruktur und zeitübergreifende Koordination

Die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule besagt außerdem, dass sich wahre Wirtschaftsleistung in der richtigen zeitlichen Abstimmung von Produktionsstufen zeigt. Wenn die Zentralbank künstlich Zinsen senkt und damit die Märkte verzerrt, entsteht ein Boom – das BIP steigt zunächst. Später kommt unweigerlich der Bust.

Das BIP feiert den Boom und verschweigt, dass das zu billige und dadurch fehlinvestierte Kapital vernichtet wurde. Es misst weder die Qualität der Investitionen noch den Verzehr des Kapitalstocks. Abschreibungen werden beispielsweise im BIP zwar vollständig erfasst, aber nicht abgezogen, der Substanzverzehr wird nicht richtig berücksichtigt beziehungsweise nur unvollständig abgebildet, die Abschreibungen werden als Produktion gezählt, obwohl sie nur Substanzverzehr ausgleichen. Im Ergebnis kann ein Land jahrelang „wachsen“ und dabei sein Produktivvermögen systematisch auffressen – siehe Venezuela oder die Weimarer Republik.

In Venezuela stieg das BIP unter Hugo Chávez von 84 Milliarden US-Dollar im Jahr 2003 auf 373 Milliarden US-Dollar im Jahr 2012 um mehr als das Vierfache in nur einem Jahrzehnt. Gleichzeitig sank die Erdölproduktion, über 1.000 Farmen und Firmen wurden enteignet und verstaatlicht, Preis- und Devisenkontrollen führten zu Engpässen, die reale Produktionskapazität sank. Die Venezolaner wurden abhängig von den staatlichen Ölverkäufen, die dafür notwendige Infrastruktur zerfiel, der Kapitalstock wurde aufgezehrt, das einstmals reichste Land Südamerikas wurde zugrundegerichtet – während das BIP stieg.

In den Goldenen Zwanzigern in Deutschland von 1924 bis 1929 stieg das BIP preisbereinigt um 4 bis 6 Prozent pro Jahr. Das reale BIP erreichte endlich wieder das Vorkriegsniveau von 1913, die Exporte verdoppelten sich, die Nettoinvestitionen waren hoch, der Staat investierte, die Sozialausgaben stiegen, der Beamtenapparat schwoll an – aber das alles war kein nachhaltiges Wachstum durch Sparen und Unternehmertum wie in der Gründerzeit des Kaiserreichs, sondern alles auf Pump: Kurzfristige und hochverzinsliche amerikanische Kredite pumpten eine Blase auf, die 1929 platzte. Boom und Bust, hausgemacht und angerichtet, während das BIP stieg.

Kaschierte Inflation

Das nominale BIP steigt fast immer, wenn die Notenbank Geld druckt. Die Publikation des preisbereinigten Real-BIP versucht das zu korrigieren – aber mit einem Warenkorb, den Bürokraten zusammenstellen. Subjektive Präferenzen und relative Preise bleiben dabei außen vor.

Vielen ist gar nicht klar, dass die Finanzbürokraten den Warenkorb ständig willkürlich umbauen, so dass er schick aussieht und die Inflation wenigstens teilweise kaschiert wird. Der Verbraucherpreisindex und der harmonisierte Verbraucherpreisindex sind keine neutralen Messungen der Geldentwertung, sondern politische Steuerungsinstrumente. Beispielsweise wird jede Produktverbesserung wie eine bessere Kamera oder mehr Speicher beim Handy als Preissenkung verbucht – die Inflation sinkt unabhängig vom tatsächlichen Preis. Steuererhöhungen oder Aktien- und Immobilienpreise oder die Entwertung des Sparvermögens bleiben generell unbeachtet, teurer gewordene Güter werden weniger stark gewichtet, steigende Ausgaben für staatliche Leistungen wie zum Beispiel Bildung werden als Output gerechnet, auch wenn die Qualität dabei dramatisch sinkt.

Geldmengenausweitung ist immer Inflation und Inflation ist immer Preissteigerung, aber gemessen wird nur der gefilterte und geschickt zusammengestellte Warenkorbausschnitt, so dass zum Beispiel in der EU die EZB ihr Zwei-Prozent-Ziel erreichte, während die Geldmenge jahrelang viel stärker wuchs.

Das reale BIP wird mit diesen Tricks systematisch aufgebläht. Es entsteht durch Division des nominalen BIP durch den BIP-Deflator. Wird letzterer durch Umbau des Warenkorbs künstlich niedrig gehalten, steigt das so berechnete reale BIP entsprechend – und der Interventionsstaat feiert sich als erfolgreicher Wachstumsmotor. Genau das passiert in Deutschland seit Jahrzehnten.

Was wirklich zählt

Die wahre Wirtschaftsleistung einer Gesellschaft ist nicht die Summe aller Ausgaben, sondern die Fähigkeit freier Individuen, unter Privateigentum und freiwilligem Tausch ihre subjektiven Bedürfnisse so gut wie möglich zu befriedigen. Wohlstand ist die Summe der erschwinglichen Optionen.

Alles, was diese Freiheit einschränkt – Steuern, Regulierungen, Inflation, Staatsausgaben –, verringert die echte Leistung, auch wenn das BIP steigt.

Wer daher das BIP als Maßstab nimmt, betreibt genau das, was freiheitliche Ökonomen seit 100 Jahren kritisieren: Er verwechselt den Staat mit der Wirtschaft und die Zwangswirtschaft mit Wohlstand.

Die einzig ehrliche Zahl wäre eine, die man nicht zentral berechnen kann – weil sie im Kopf jedes einzelnen Menschen steckt. Genau deshalb hassen Planer und Staatsgläubige die Österreichische Schule so sehr: Sie zeigt, dass ihre Lieblingsstatistik ein Trugbild ist.


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