Religion und Gesellschaft 21: Credo
Statt Schlussbetrachtung: Mein Glaubensbekenntnis
Die Serie ist religionskritischer geworden als geplant. Der Gott der abrahamitischen Religionen sei, so urteilt Richard Dawkins in seinem Buch „Gotteswahn“ (2006) drastisch (sich dabei auf niemand Geringeren als Thomas Jefferson berufend), „die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf, ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker, ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, Kinder und Völker mordender, rassistischer, ekliger, größenwahnsinniger und sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“.
Übertrieben? Hetzerisch? Im Laufe der Serie habe ich einige der schlimmsten Belegstellen untersucht: Die Erzählung der Vertreibung der Stammeltern Adam und Eva aus dem Paradies für einen geringfügigen Ungehorsam mit einer alle Nachkommen betreffenden Beschädigung der Natur (siehe die Teile 2 und 14 dieser Serie); des Tanzes um das Goldene Kalb, die mit dem von Mose in Gottes Namen angeordneten Massaker an den Anhängern dieses Kultes endet (siehe die Teile 4 und 15 dieser Serie); der zur Prüfung von Abrahams Standhaftigkeit im Glauben durch Gott zunächst angeordneten und nur im letzten Augenblick wieder abgeblasenen Opferung des Sohnes Isaak bzw. im Koran: Ismaels (siehe Teil 14 dieser Serie); der Verhängung der Todesstrafe für Homosexualität (siehe Teil 9 dieser Serie); der tatsächlichen Opferung von Jeftas Tochter, Gott dargebracht für den Sieg von Jefta über seine Feinde (siehe Teil 11 dieser Serie); der Hinrichtung eines Kriegsgefangenen, die der Prophet im Namen Gottes eigenhändig vorsteckt, weil der siegreiche König sich weigert (siehe Teil 11 der Serie); der von Gott mit dem Teufel abgeschlossenen Wette um Hiobs Standhaftigkeit im Glauben, wobei er dem Teufel erlaubt, mit Hiob allerlei sadistische Spielchen zu treiben (siehe die Teile 4 und 19 dieser Serie).
Dieser abstoßende Gott wandelt sich, indem er, als Mensch inkarniert, zu leidensfähigem Fleisch wird. Durch die und in der Leid-Erfahrung wird er zu einem mitfühlenden und vergebenden Wesen. Hiermit allerdings büßt er unmittelbar seine Macht ein. Er kann noch hier und dort ein Wunder wirken, mehr aber nicht. Dies deutet sich bereits in der Versuchung von Jesus an. Der Teufel bietet ihm die Herrschaft über das ganze Erdenrund an. Jesus lehnt dankend ab (Mt 4:8 bis 4:10; Lk 4:5 bis 4:8). Die Kreuzigung ist die höchste Demütigung des einst so mächtigen und so stolzen Gottes. Hilflos hängt er am Kreuz, leidet Höllenpein und wird zum Gespött, denn ist er nicht der Allmächtige? Keine Macht für niemand, ist seine Botschaft. In dieser Form sind die Fleischwerdung Gottes und seine Wandlung einzigartig unter allen Religionen der Welt, und einzig diese Erzählung befeuert mich. Keine andere Religion, die ich kenne, kann mit einer solchen Erzählung von Gottes Läuterung aufwarten. Ihr gegenüber verblassen alle anderen religiösen Systeme, denen ich kaum etwas abzugewinnen vermag. Die Erzählung macht drei wichtige theologische Voraussetzungen:
Erstens: Gott ist ursprünglich böse.
Zweitens: Gott ist wandelbar.
Drittens: Vater (Gott) und Sohn (Jesus) sind identisch.
Der Weg Gottes führt von Bestrafung und Vernichtung (Vertreibung aus dem Paradies, Sintflut, Tötung der Anhänger des Kultes ums Goldene Kalb, Hinrichtung von Kriegsgefangenen und von Homosexuellen und so weiter) zu „wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh 8:7), „richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7:1) sowie „wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26:52).
Mein Glaubensbekenntnis – nicäanisch, trinitarisch, katholisch – ist pazifistisch und anarchistisch. Es ist der Aufruf zu Gewaltverzicht und zum Verzicht darauf, den jeweils Anderen sich gleichmachen zu wollen – ihn unterwerfen, ihn kolonialisieren zu wollen.
Wie verhält es sich zu den in dieser Serie herausgearbeiteten Problemen der Religionen, in diesem Fall der christlichen Religion?
Offensichtlich ist es möglich, Jesus zum Kriegsgott zu machen, wie Kaiser Konstantin es tat (siehe Teil 8 dieser Serie). Allerdings stützte er sich dabei nicht auf Textexegese. Die nachfolgenden christlichen Apologeten von Kriegsherren hatten es schwer, Rechtfertigungen im Neuen Testament zu finden, und griffen gern auf das Alte Testament zurück. Die einzige in Frage kommende Stelle im Neuen Testament ist Jesus’ Vertreibung der Geldhändler aus dem Tempel (Mt 21:12 bis 21:17; Mk 11:15 bis 11:19; Lk 19:45 bis 19:46; Joh 2:13 bis 2:16). Sie stellt aber keinen kriegerischen Akt dar, sondern einen banalen Zornesausbruch ohne Gewalt gegen Leib und Leben von irgendwem. Es war ein Happening, inszeniert von einem Hippie. Die Heranziehung des Alten Testaments stützt sich auf das Wort von Jesus, am Gesetz (gemeint ist die Thora) werde kein Iota geändert (Mt 15:18). Dies steht der Rede von der Aufhebung des Gesetzes gegenüber, die besonders der Apostel Paulus herausstrich (Römer 7:6). Die Bischöfe Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo machten das Christentum herrschaftstauglich; erst Peter Abaelard und Thomas von Aquin im Mittelalter versuchten, es aus dieser gleichsam babylonischen Gefangenschaft zu befreien. Es gelang ihnen inhaltlich mehr schlecht als recht und in der historischen Wirksamkeit mit nur mäßigem Erfolg. Wie dem auch sei, die zum Beispiel sowohl von Ambrosius als auch von Augustinus befürwortete Todesstrafe gegen Homosexuelle findet keine Begründung im Neuen, sondern nur im Alten Testament. Die Dialektik von Verbindlichkeit des Gesetzes und dessen Aufhebung wird in der christlichen Tradition meist dahingehend gelöst, dass die Zehn Gebote als gültig, die weitergehenden Vorschriften im Buch „Levitikus“ dagegen als überwunden angesehen werden. Aber nur hier wird die Todesstrafe gegen Homosexuelle ausgesprochen! Es passt alles hinten und vorne nicht zusammen.
Also ja, auch mein Glaubensbekenntnis kommt durch selektives Lesen zustande und unterliegt somit der Dawkins-Hypothese (siehe Teil 12 dieser Serie), dass die Entscheidung für ein Set von ethischen Regeln nicht aus dem sakralen Text folgt, vielmehr wird der sakrale Text nach der außerhalb des Textes vorab gefällten Entscheidung für das jeweilige Set von ethischen Regeln abgegrast und die entgegenstehenden Stellen werden heruntergespielt. Dies ist in meinem Fall auch biographisch wahr. Im zarten Alter von 14 Jahren entschied ich mich 1970 für die Ethik des Anarchismus – Herrschaftsfreiheit und Selbstbestimmung. Mein Glaubensbekenntnis dagegen entwickelte sich auf einem langen Weg der Lektüre der Werke Thomas von Aquins in zwei Jahrzehnten ab 1975.
Weiterhin offen ist damit die Frage, wie die Entscheidung für ein Set von ethischen Regeln sich begründen lässt. Mir sagt Kants in der letzten Woche vorgestellte Lösung gut (siehe Teil 19 dieser Serie): Der kategorische Imperativ, die Maxime des Handelns müsse stets als für alle geltend denkbar sein. Das heißt: Niemand darf für sich ein Recht beanspruchen, das er nicht auch allen Anderen zugesteht. Aber wenn dieser kategorische Imperativ ein Prinzip ist, das allen vernünftigen ethischen Systemen gemeinsam ist und zugrunde liegt, wie Kant meinte, fragt sich, warum wir dennoch keine Einigkeit über eine derartige herrschaftsfreie Ethik erzielen können. Diese Frage bleibt damit weiterhin offen.
Kommentare
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