05. Juni 2026 06:00

Paradoxien liberaler Politik 10 Der „liberale“ Nationalist

Friedrich Naumann

von Stefan Blankertz drucken

Irrungen und Wirrungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert
Bildquelle: e-Redaktion Irrungen und Wirrungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

Deutschland ist ein Konstrukt, hat kein organisches Wesen. Das sogenannte Mittelhochdeutsche stellt eine Interpolation von Linguisten dar, keine sprachliche Realität, nirgends. Das Plattdeutsche hat weniger mit unserem heutigen Idiom zu tun als das Dänische oder das Niederländische. Andere dem Deutschen zugeordnete Redeweisen lasse ich einfachheitshalber beiseite. Wenn erst einmal eine angeblich einheitliche (Sprach-) Nation per Staatsgewalt etabliert ist, werden alle Redeweisen, die von dem durch Staatsgewalt verbindlich gemachten Idiom abweichen, als Dialekte bezeichnet. Eine Sprache ist ein Dialekt, der eine Armee hinter sich weiß. (Der Ursprung dieser im Kern richtigen Definition liegt im Ungewissen.)

Obwohl dem Begriff der Nation keine exakten Staatsgrenzen und keine exakte Staatsform entsprechen, wurde er ein Bestandteil des sogenannten Nationalliberalismus. Man bezeichnet mit ihm einen deutschen Sonderweg des Liberalismus. In den vorangegangenen Folgen der Serie habe ich gezeigt, dass es sich nicht um einen Sonder-, sondern um den Hauptweg des klassischen Liberalismus durch den Dschungel der Realpolitik handelt. Eine Steigerung der Verbindung des Liberalismus mit dem Nationalismus stellt diejenige mit dem Sozialismus dar, für die Friedrich Naumann (1860–1919) steht. Ich würde auf ihn keinen FreiheitsFunken verschwenden, wenn sein Name nicht die Stiftung der Partei zieren würde, die der einzig dem klassischen Liberalismus verpflichteten Partei in Deutschland nahesteht.

In seinem „national-sozialen Katechismus“ schrieb Naumann 1897: „Wir stehen auf nationalem Boden, indem wir die wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deutschen Nation nach außen für die Voraussetzung aller größeren sozialen Reformen im Inneren halten, zugleich aber der Überzeugung sind, dass die äußere Macht auf die Dauer ohne Nationalsinn einer politisch interessierten Volksmasse nicht erhalten werden kann. Wir wünschen darum eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen. […] Was ist das Nationale? Es ist der Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluss auf der Erdkugel auszudehnen. Was ist das Soziale? Es ist der Trieb der arbeitenden Menge, ihren Einfluss innerhalb des Volkes auszudehnen.“

Gruselig, nicht wahr? Aber anstelle eines Abscheus vor dem Autor möchte ich hier zwei Fragen stellen: 1. Aus welchem Grund fand ein liberaler Autor sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem solchen Statement veranlasst? 2. Weshalb kann ein solches Statement nach wie vor als das eines Liberalen angesehen werden?

Die ursprünglichen Liberalen waren von der Analyse ausgegangen, jedes einzelne Individuum treffe die für sich optimale Entscheidung. Folglich könne die Summe der Entscheidungen nicht suboptimal sein. Wunderbar. Aber in der Realität trafen sie dann in Gemeinschaften eingebundene Individuen an, Gemeinschaften, in die sie hineingeboren waren oder in die sie hineingepresst wurden. Sollte man sie in diesen belassen, wie die Konservativen befanden? (In diesem Sinne waren die Konservativen, denen man gern unterstellte, die Interessen des Adels und der Oberschicht zu vertreten, basisdemokratischer und gesellschaftsnäher als die Liberalen.) Oder herauslösen, wie die Revolutionäre forderten? (Bei ihnen handelte es sich dann um Vertreter einer liberalen Reform „von oben“, also von der Staatsgewalt ausgehend und gegen die gesellschaftliche Realität gerichtet.)

Für die Vergangenheit scheint eine Antwort immer parat zu sein. Aber wie steht es, wenn wir das Problem auf die Gegenwart beziehen? Nehmen wir eine verschleierte muslimische Frau in einem westlichen Land ohne Staatsreligion. Soll man es bei ihrer offensichtlich freiwilligen Entscheidung belassen? Oder sie zwingen, den Schleier abzunehmen, um dem Bild einer emanzipierten Frau zu entsprechen? Sogleich wird aus einer historisch eindeutigen, jedenfalls relaxten Frage eine hitzige Diskussion folgen.

Ende des 19. Jahrhunderts, als Naumann schrieb, hatte der Liberalismus ausgedient. In wirtschaftlicher Hinsicht gab es einen Wohlstand der Nationen, der Europa der größeren übrigen Welt gegenüber militärisch überlegen sein ließ. Zudem bescherte er den Bewohnern der westlichen Hemisphäre einen individuellen Wohlstand, der ihnen und ihren Kindern einen Luxus vergönnte, wie er bislang nur der absoluten Oberschicht vorbehalten gewesen war.

Der individuelle und der nationale Wohlstand, der in klassisch-liberaler Sicht eine Einheit darstellte, traten allerdings realpolitisch auseinander: Die Staatsgewalt konnte die einen bevorteilen und die anderen benachteiligen. Das war zum Beispiel dann der Fall, wenn die koloniale Ausbeutung für die einheimischen Konsumenten oder Arbeiter einen Vorteil zu erheischen schien. Schien. Konsequent liberale Analysten ebenso wie der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon bezweifelten, dass koloniale Ausbeutung den europäischen Arbeitern einen Vorteil bringen würde. Doch der Schein genügte hier. Die Arbeiter in Europa glaubten, vom Kolonialismus zu profitieren, und sie opponierten nicht gegen ihn. Antiimperialismus war kein Thema der europäischen Arbeiterbewegung, bis der aus einer marginalen Position heraus argumentierende W.I. Lenin den Imperialismus (Kolonialismus) 1917 zum „höchsten Stadium des Kapitalismus“ erklärte. Und erst in den 1970er Jahren skandierten Wohlstandskinder des Westens Parolen gegen den Imperialismus.

Friedrich Naumann konnte nun von folgenden allgemein akzeptierten Richtlinien ausgehen: 1. Die individuelle Kraft eines jeden Arbeiters schafft allen Wohlstand der Erde. 2. Alles, was dieser Kraft im Wege steht, muss beiseite geschafft werden. So allgemein formuliert würde das Statement von Naumann heute viel weniger Widerwillen erfahren als in seiner ursprünglichen Form. Allerdings ist die Konzeption einer individuellen Arbeitskraft ebenso wie einer Staatsgewalt, die dieser dient und ihr vorteilhafte Bedingungen schafft, erst das Ergebnis einer liberal aufgeklärten Gesellschaft. Auf diesem Weg finden wir uns in der Fusion von liberalem und sozialistischem Denken, dem objektiv betrachtet auch Che Guevara und Mao Zedong verpflichtet waren. Der naumannschen Schlussfolgerung widersetzten sich nur die Anarchisten; der Anarchismus spielte in Deutschland allerdings keine Rolle, und insofern durfte Naumann ihn getrost ignorieren.

Friedrich Naumann steht mithin nicht nur für einen Schlusspunkt, einen Bankrott des klassisch liberalen Denkens, sondern auch für das moralische Problem des künftigen nationalen Sozialismus, sei es derjenige des Nationalsozialismus, sei es derjenige der Maoisten: Sie alle konstruieren ein Ideal, das dem konkret Gegebenen entgegensteht. Das ideale Konstrukt hat Vorrang vor dem, was den Menschen als spontane Ordnung oder traditionelle Überlieferung nahe liegt. Weder die linken noch die rechten Revolutionäre „von unten“, weder die rechten noch die linken Revolutionäre „von oben“ respektieren, was im Volk wirklich vor sich geht.

Naumann ist unschuldig im gleichen Sinne, wie er schuldig ist: Was man ihm vorwirft, konnte er nicht wissen. Was er wissen konnte zu seiner Zeit, ist eine Idee, die er weder zu begreifen vermochte noch zu begreifen in der Lage war. Eine Gesellschaft ohne Staatsgewalt: Das hätte das Ende aller Politik, aller Möglichkeit bedeutet, Vorteile auf Kosten Anderer zu erlangen. Was für eine absurde Idee! Nur Terroristen könnten sie erdenken, nur Utopisten ernst nehmen. Man durfte sie nicht ernst nehmen. Das gilt bis heute.


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