Freiheitsverkostung: Benziner fahren – Freiheit von Gnaden der Macht
Freie Fahrt für unfreie Bürger
von David Andres drucken
Noch nie wurden so viele Tankstellen gefilmt wie in diesen Tagen. Wer durch die sozialen Medien scrollt, sieht überall im Land Menschen vor den Preisanzeigen stehen und ihre Empörung filmen. Überall steht die zwei vorne, sei es Super, E10 oder Diesel. Der frische Krieg im Nahen Osten und die geopolitischen Spannungen führen speziell hierzulande zu den europaweit höchsten Preisen. Zugleich bleibt nicht nur für Libertäre das Auto als Kern des Individualverkehrs der Freiheitsgarant der Moderne. Daher stellt sich diese Woche in der Freiheitsverkostung die Frage: Wie frei ist das Benzinerfahren eigentlich?
Grad der staatlichen Einmischung
Kaum ein Alltagsprodukt ist so stark vom Staat geprägt wie der Liter Benzin. Vom Preis an der Zapfsäule entfallen derzeit rund 60 bis 65 Prozent auf Steuern und Abgaben. Beim Benzin macht der Energiesteuersatz 65,4 Cent je Liter aus, bei Diesel 47 Cent. Auf den Preis, der diese Steuer bereits beinhaltet, wird schließlich noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben. Das bedeutet: Der Staat erhebt Mehrwertsteuer auch auf die zuvor erhobenen Energiesteuern – faktisch also Steuern auf Steuern. Hinzu kommt die staatliche CO₂-Abgabe, also der Ablasshandel der Klimareligion. Vom eigentlichen Produkt, dem Kraftstoff selbst, bleibt damit oft weniger als die Hälfte des Endpreises übrig – und selbst davon hat der Pächter der Tankstelle nichts, denn er verdient im Schnitt nur ein bis zwei Cent pro Liter. Das eigentliche Geschäft entsteht im Shop – beim Kaffee, beim Snack, bei Zigaretten oder der Autowäsche. Das Benzin selbst ist nur lebensnotwendiges Lockmittel. Wir tanken Reichweite für Reisen nach Wunsch – und füllen zugleich massiv die Staatskasse.
Grad der Freiwilligkeit
Auf den ersten Blick wirkt Benziner fahren extrem freiwillig. Man kann fahren, wohin man möchte, wann man möchte und mit welchem Fahrzeug man möchte. Keine Fahrpläne binden einen, keine Haltestellen, keine maue Versorgungsstruktur wie beim Strom oder gar beim völlig abgestorbenen Erdgas. Doch bei genauerem Hinsehen relativiert sich diese Freiheit, denn Mobilität ist in unserer Gesellschaft selten wirklich optional. Die meisten Menschen arbeiten lohnabhängig und müssen täglich zu ihrem Arbeitsplatz pendeln. Andere sind selbstständig, reisen zu Kunden, zu Veranstaltungen, zu Seminaren, zu Auftritten. Vertriebler, Handwerker, Künstler, Berater – sie alle bewegen sich ständig zwischen Orten, die meist zwischen den Metropolen liegen und die sich selbst bei gutem Willen mit dem ÖPNV nicht zuverlässig erreichen lassen. Die Entscheidung für das Auto ist somit oft keine reine Komfortfrage, sondern eine infrastrukturelle Notwendigkeit. Die Freiheit des Autofahrens wird dadurch paradoxerweise zugleich bestätigt und eingeschränkt: Man wählt das Auto freiwillig, aber vor allem, weil abseits nobler, internationaler Geschäftsreisen mit dem Flieger die Alternativen fehlen.
Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit
Technisch betrachtet ist der Benziner eines der flexibelsten Verkehrsmittel überhaupt. Tanken dauert zwei Minuten, die Versorgung ist flächendeckend. Selbst in tiefer Nacht, halb verschollen zwischen Berghängen der tiefsten Provinz, leuchtet irgendwo an einer freien Tankstelle ein Automat in die Nacht. Der Aktionsradius eines Benziners ist enorm – vollgetankt bringt er einen üblicherweise in alle Richtungen bis über die deutschen Grenzen hinaus. Man kann spontan losfahren, Umwege nehmen, Orte erreichen, die kein Zug und kein Bus bedient. Der Innenraum des Fahrzeugs ist privat, mit niemand anderem hat man sich herumzuschlagen – weder metaphorisch noch real. Der desolaten Sicherheitslage des öffentlichen Raums lässt sich besser aus dem Weg gehen, denn Kriminalität folgt in der Regel der einfachen Zugänglichkeit – und weniger Gangster schleichen sich von hinten über versteckte Wirtschaftswege auf Rasthöfe. Diese Mühe machen sich eher fleißige Leergutsammler. Zwar gibt es durchaus Trickbetrug und Diebstahl an der Autobahn, jedoch weniger impulsive Gewalttaten und Gelegenheitsverbrechen wie an Bahnhöfen.
Reversibilität
Wer nicht fahren möchte, fährt nicht. Wer weniger fahren möchte, kann seinen Verbrauch reduzieren oder das Auto stehenlassen. Die Kosten für das Fahrzeug selbst, vor allem die Versicherung, binden einen, solange es existiert, egal ob es fährt oder steht. Je nachdem, ob es sich um einen Neuwagen handelt, um einen gepflegten Gebrauchten oder gar um einen Youngtimer oder Oldtimer von Bedeutung, liegt entweder ein irreversibler Wertverlust vor, der schon einsetzt, wenn der Wagen vom Hof des Händlers fährt, ein solides Kosten-Nutzen-Verhältnis oder sogar eine Wertsteigerung.
Freiheitsgrad: 71 Prozent
Der Benziner ist ein Paradox. Er gehört zu den größten Freiheitsinstrumenten des Alltags, das unabhängig von Fahrplänen, Netzen, Ladezeiten und Mitmenschen macht. Gleichzeitig ist kaum ein Konsumgut so stark politisch geprägt wie der Liter Kraftstoff – und so sehr abhängig von Gnaden der Macht. Der Autofahrer genießt Freiheit, aber nur innerhalb eines Systems, das von Steuern, Regulierung und geopolitischen Kräften durchzogen ist.
Quellen:
Benzinpreis und Dieselpreis: So entstehen die Spritpreise
Autobahnräuber an der Raststätte: So schützen Sie sich vor den fiesen Tricks
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