Kritik der Praxeologie: Über das Handeln
Warum Ökonomie eine empirisch Wissenschaft ist
Nach von Mises setzt Handeln Knappheit voraus. Knappheit ist die Ursache eines weniger befriedigenden Zustandes eines Organismus, welcher das Bestreben erzeugt, einen höher befriedigenden Zustand zu erreichen: „Ein Mensch, der mit dem Zustand seiner Angelegenheiten vollkommen zufrieden ist, hätte keinen Anreiz, die Dinge zu ändern. […] Er würde nicht handeln, er würde einfach sorglos leben.“ Das allein reicht aber nicht, hinzutreten muss „die Erwartung, dass zielgerichtetes Verhalten die Macht hat, das gefühlte Unbefriedigtsein zu beseitigen oder zumindest zu lindern.“ Diese Fähigkeit schreibt von Mises nur dem entwickelten Menschen zu, denn „auch das neugeborene Kind ist kein handelndes Wesen.“ Von Mises setzt also ein handelndes Subjekt voraus, das er jedoch nicht weiter erklärt. Säuglinge, und man kann annehmen auch manche Tiere, verhalten sich bloß, folgen Reiz-Reaktionsmustern oder Trieben. „Menschliches Handeln ist bewusstes Verhalten“ lautet der erste Satz seines Hauptwerkes „Menschliches Handeln“ (aus dem alle obigen Zitate sind).
Es gibt jedoch endlose Beispiele aus der Biologie für zielgerichtetes Verhalten von Tieren, denen gemeinhin kein Bewusstsein zugebilligt wird. Insofern ist von Mises’ Assoziation von Handeln mit Bewusstsein zumindest irreführend. Man kann hier aber einwenden, dass es seinem Handlungsbegriff keinen Abbruch tut, wenn man das Kriterium „Bewusstsein“ weglässt und annimmt, dass es sowohl bewusstes als auch unbewusstes Handeln gibt. Alles andere würde auch zu Widersprüchen führen, denn wenn ein Mensch im Supermarkt von den Marketingmethoden der Produktpräsentation beeinflusst wird und viel mehr kauft, als er eigentlich wollte, handelt er dann nicht, obwohl sein Verhalten ökonomisch relevant ist? Doch, er handelt unbewusst, der Satz „Menschliches Handeln ist bewusstes Verhalten“ ist nicht zu halten.
Die Neurowissenschaften zeigen, dass Bewusstsein ein den neuronalen Entscheidungsprozessen nachgelagertes Phänomen ist. Sie zeigen auch, dass dieses nachgelagerte Phänomen dennoch in die neuronale Kette bis zur Handlung eingreifen kann und es somit zweifelsohne auch bewusstes Handeln gibt, das offenbar einen evolutionären Vorteil hat, sonst hätte es sich nicht entwickelt. Nur dominieren die evolutionär älteren, also unbewussten Strukturen klar. Da der Mensch auch ein Tier ist, verhält er sich nicht selten auch wie ein solches, das heißt benutzt sein Bewusstsein nicht. Nur ein geringer Anteil dessen, was ein Mensch den ganzen Tag lang tut, ist bewusst, wenngleich der subjektive Eindruck ein anderer ist, weil das Bewusstsein das unbewusst ausgelöste Verhalten „nacherzählt“. Damit ist ein Handlungsbegriff, der Bewusstsein voraussetzt, nicht praxisrelevant.
Mises’ Axiom „Der Mensch handelt“ beschreibt nur dann tatsächliches menschliches Verhalten, wenn man einen biologischen oder psychologischen Begriff des Handelns unterstellt, der unbewusstes Handeln umfasst. Von Mises argumentiert, dass das Axiom nicht widerlegbar sei, weil der Versuch bereits Handeln ist, also den Satz bestätigen würde. Bestätigt wird damit aber Handeln in dem weiten, biologischen Sinn, also auch das Handeln von Tieren und Säuglingen. Das wirft aber das Problem auf, dass Tiere, insbesondere die hochentwickelten, keine Ökonomie hervorgebracht haben, obwohl sie handeln.
Die Zweck-Mittel-Struktur gilt nicht nur für den Menschen, sondern für alle Säugetiere, manche Vögel und Octopusse. Sie ist die Folge des evolutionären Trends der zunehmenden Verhaltenssteuerung durch innere Zustände eines Organismus, also einer Orientierung an inneren „Zielen“ statt an äußeren Reizen. Daraus ergibt sich auch, dass eine Wertzuschreibung auch bei Tieren immer „subjektiv“ ist, weil diese ein innerer Prozess ist. Knappheit beeinflusst auch das Handeln von Tieren. Die Unsicherheit der Zukunft und dass Handeln deshalb auf Erwartungen basiert, ist ebenfalls eine Tatsache, die für alle Organismen gilt und nichts mit Bewusstsein zu tun hat. Auch ein Tier ohne Bewusstsein reagiert auf Erwartungen als einem inneren Prozess. Tauschverhalten findet man ebenfalls bei Tieren, insbesondere bei Primaten. Tiere ziehen eine schnelle Belohnung einer schwerer zu erreichenden vor, haben also eine Zeitpräferenz.
Tatsächlich braucht man Bewusstsein für all das bisher Genannte nicht. Arbeitsteilung, Marktprozesse, Geld und wirtschaftliche Kalkulation findet man allerdings nur bei Menschen, und es ist unbestritten, dass an der Entstehung dieser Phänomene Bewusstsein beteiligt ist. Es sind kulturelle Errungenschaften. Aber kann man sagen, dass diese kulturellen Errungenschaften mit logischer Notwendigkeit aus der Tatsache folgen, dass der Mensch handelt? Nein, das ist kein logischer Schluss, weil eine Ökonomie nicht aus „Handeln“ folgt, sondern aus besonderen Formen des Handelns. Ob eine solche besondere Form vorliegt, ist aber eine empirische und keine logische Frage. Menschliches bewusstes Handeln ermöglicht eine Ökonomie, führt aber zu dieser nicht mit logischer Notwendigkeit.
Tatsächlich stellte sich von Mises immer bewusst handelnde Menschen vor, wie er es mit „Menschliches Handeln ist bewusstes Verhalten“ ja auch ausdrückt. Und auch wer sein Axiom bestreitet, handelt bewusst. „Der Mensch handelt“ bedeutet aber tatsächlich etwas anderes. Damit werden von Mises’ Ableitungen nicht falsch, es ist nur unklar und eine empirische Frage, ob sie die Realität beschreiben. Die euklidische Geometrie ist logisch sauber abgeleitet, beschreibt jedoch nicht die physikalische Realität der Raumzeit. Wenn Menschen Entscheidungen wie Tiere unbewusst treffen, wie können wir dann sicher sein, dass sich die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Prozesse in einer „exakten, apriorischen Wissenschaft“ abbilden lassen? Die bloße Fähigkeit zu bewusstem Handeln führt eben nicht notwendig zu Ökonomie. Der Mensch verfügt mindestens seit 70.000 Jahren, seit der sogenannten „kognitiven Revolution“, über Bewusstsein, hat das Geld aber erst vor 5.000 Jahren erfunden.
Der Einwand gegen von Mises ist nicht, dass sich keine wissenschaftlichen Aussagen über eine Ökonomie treffen lassen, sondern dass diese sich aus der Struktur des Handelns logisch und somit unumstößlich ergäben und unhistorisch seien. Tatsächlich hatte der Mensch den überwiegenden Teil seiner Geschichte keine Ökonomie, wie die, die von Mises beschreibt. Am Beispiel der Zeitpräferenz kann man erkennen, dass eine durch die Struktur des Handelns gegebene Tendenz ausgerechnet durch das Bewusstsein stark überformt werden kann. Es ist eine ausgesprochen menschliche Fähigkeit, einen Handlungsimpuls zu verzögern oder gar ganz zu unterdrücken. Es wird deshalb nicht selten bestritten, dass Zeitpräferenz eine anthropologische Konstante sei, sondern als ein kulturelles Phänomen betrachtet, welches vor allem vom Grad von Vertrauen abhängt. Auch dass Handeln Knappheit voraussetzt, darf bezweifelt werden, weil es unplausibel ist, Handeln aus Neugier mit einer generellen Knappheit an Wissen über die Welt zu erklären.
Eine Ökonomie ist abhängig von Faktoren, die nicht strukturell, sondern inhaltlich sind. Um eine Ökonomie zu verstehen, muss man also auch menschliche Ziele betrachten, die sich aus dem jeweiligen kulturellen Rahmen ergeben. Ökonomische „Gesetze“ kann es nur geben, wenn die kulturellen Voraussetzungen gegeben sind, das heißt sie sind ohne diese nicht erklärbar und somit immer empirisch, also nicht a priori. Wenn von Mises Recht hat, dann nicht, weil das logisch aus seinem Handlungsbegriff folgen würde, sondern weil es empirisch gut bestätigt ist. Das gilt auch für „Handeln“ selbst, denn was das ist, kann nur empirisch bestimmt werden.
Was uns vom Tier unterscheidet, ist nicht, dass wir handeln, sondern die besondere Weise, in der wir unser Handeln interpretieren. Wir betrachten uns selbst als die Ursache unseres Handelns, als unbewegten Beweger, den wir „Ich“ nennen. Gelingt es uns nicht, uns als Urheber zu sehen, erleben wir uns als einem Zwang unterworfen und fühlen uns unserer Menschlichkeit beraubt. Das „Ich“ ist eine in unsere neuronale Verarbeitung eingewebte Anschauung der Welt, also apriorisch, genauso wie es die Anschauung der Kausalität ist, die wir mit den Säugetieren (und zum Beispiel nicht mit den Eidechsen) teilen. Das „Ich“ entstand evolutionär, um Kooperation zu verbessern. Es kommt bei von Mises nicht vor.
Quellen:
Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
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