Kritik der Praxeologie, Teil 3: Über die Gewalt
Warum die Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist
Über die Gewalt
Von Mises’ Versuch der Begründung der Ökonomie scheitert, weil mit dem Aufzeigen eines performativen Widerspruchs (zu bestreiten, der Mensch handele, ist schon Handeln) zwar bestätigt wird, dass der Mensch handelt, jedoch damit nicht ein bestimmter empirischer Gehalt von „Handeln“ ausgewiesen ist. Von Mises’ Verständnis von Handeln als zweckgerichtet ist richtig, jedoch ergibt sich aus diesem empirisch viel zu verengten Verständnis nicht logisch die Ökonomie. Diese ist nur ermöglicht, doch zu ihrer Begründung bedarf es einer Vielzahl von Zusatzannahmen, die bei von Mises undeklariert bleiben.
So kann denn von Mises auch nicht erklären, warum die Kooperation dem Raub vorzuziehen sei. Das Argument, dass der Gewinn der Kooperation auf Gruppenebene größer ist als der des Raubs, trägt nicht, denn handeln tut ja immer nur das Individuum, und für dieses kann es der Fall sein, dass der Gewinn des Raubs größer ist als der der Kooperation. Der Raub unterscheidet sich strukturell nicht von irgendeiner anderen Handlung. Der Handelnde setzt Mittel ein, um den Grad seiner Zufriedenheit zu erhöhen. Handlungslogisch (und eben auch empirisch) ist eine Räubergesellschaft genauso möglich wie eine Marktgesellschaft. Von Mises verlässt den Boden seiner Handlungslogik, wenn er utilitaristisch argumentiert, dass der Markt den gesellschaftlichen Wohlstand erhöht, denn ob diese Tatsache handlungsleitend wird, liegt ausschließlich an der subjektiven Bewertung des Handelnden, ergibt sich also nicht aus der Handlungsstruktur.
Murray Rothbard hatte diese Lücke erkannt und daraus den Schluss gezogen, dass die Respektierung des Eigentums einer gesonderten Begründung bedarf. Rothbard behauptet, dass Eigentum als moralische Kategorie immer schon existiere und deshalb Naturrecht sei. Jede Handlung setze die Kontrolle über den eigenen Körper voraus, weshalb dieser Selbsteigentum sei. Damit sei auch die Arbeitskraft Selbsteigentum, und damit wiederum würden durch Arbeit gewonnene herrenlose Ressourcen ebenfalls zu Eigentum. Damit begibt sich Rothbard in einen Widerspruch zu von Mises, der es ablehnte, Werte als apriorisch anzunehmen (und selber mit der Zeitpräferenz dagegen verstieß). Rothbard wendet gegen Kritiker seines naturrechtlichen Ansatzes, die behaupten, nichts könne aus der menschlichen Natur begründet werden, ein, dass dieses Argument auch eine (negative) Aussage über die menschliche Natur ist. Das ist richtig, begründet jedoch keine spezifische Aussage, was inhaltlich denn menschliche Natur sei. Das ist nicht apriorisch, sondern nur empirisch bestimmbar.
Hans-Hermann Hoppe erkannte, dass eine naturrechtliche Begründung nicht trägt, und versucht es mit der gleichen Methode wie von Mises: Er arbeitet einen performativen Widerspruch heraus für den Fall, dass jemand Eigentum anzweifelt. Denn der Argumentierende setze durch die Tatsache, dass er argumentiert, bereits friedliche Kommunikation, gegenseitige Anerkennung und Kontrolle über den eigenen Körper voraus. Also setze er Selbsteigentum voraus. Er macht dann wie von Mises den Fehler, dass er die Aussagekraft des performativen Widerspruchs auf den gewünschten empirischen Gehalt generalisiert. Aus der wechselseitigen Anerkennung im Diskurs folgt logisch kein Eigentum, weil es keine logische Brücke zwischen Selbsteigentum und Eigentum gibt.
Mit der Begründung von Eigentum steht und fällt aber das Nichtaggressionsprinzip. Der Versuch, Eigentum und Nichtaggression apriorisch zu begründen, erscheint mit Blick auf die empirischen Tatsachen befremdlich. Zunächst einmal ist festzustellen, dass Gewalt auch im Tierreich vorkommt; Schimpansen unternehmen sogar kriegsähnliche Überfälle. Zwar unterscheidet sich der Mensch vom Tier und ist zweifellos ein handelndes Subjekt, doch führt dies nicht zu einem Gewaltverzicht. Laut dem Psychologen Steven Pinker sei sogar in der Frühzeit des Menschen die Gewaltrate am höchsten gewesen, wenn man diese an der individuellen Wahrscheinlichkeit misst, durch einen Gewaltakt zu Schaden zu kommen. Manche bezweifeln das, und es ist archäologisch nicht beweisbar (weil es aus der Zeit zu wenig Knochenfunde gibt), aber an der generellen Tatsache, dass es niemals in der Geschichte der Menschheit Gewaltlosigkeit gegeben hat, zweifelt niemand, der die Fakten untersucht hat. Es ist eine empirische Tatsache, dass das Nichtaggressionsprinzip kein Sein, sondern ein Sollen beschreibt.
Tatsächlich folgt das Selbsteigentum logisch aus der Tatsache, dass wir uns als die Ursache unserer Handlungen betrachten. Wenn ein anderer Mensch über uns verfügt, entsteht ein Widerspruch zu dieser apriorischen Selbstbetrachtung. Selbsteigentum ist logisch verbunden mit der Tatsache, dass wir uns als ein Subjekt betrachten, dass wir als ein Ich handeln, und das ist empirisch belegte Biologie. Eigentum an Sachen folgt daraus nicht logisch, aber ansatzweise psychologisch. In Folge angeborener Moral und dem angeborenen Prinzip der Reziprozität respektieren Menschen persönliches Eigentum, wie ethnologische Untersuchungen bestätigen. Jäger und Sammler respektieren das Eigentum desjenigen, der zum Beispiel Pfeil und Bogen hergestellt hat. Sie kennen jedoch kein Eigentum zum Beispiel an Boden, obwohl sie diesen nutzen. Unser moderner Eigentumsbegriff ist sehr abstrakt, kulturell geprägt und deshalb nicht geeignet für verallgemeinernde Behauptungen. Die paläolithische Vorstellung von Eigentum sollten wir aus heutiger Sicht besser als Proto-Eigentum bezeichnen.
Angeborene Moraldispositionen zu generalisieren scheitert daran, dass diese immer nur für die eigene Gruppe gelten. Die Selbstbezeichnung der ethnologisch untersuchten Jäger- und Sammlergruppen bedeutet übersetzt fast immer „Menschen“. Diese Gruppen betrachten sich selbst als Menschen und die anderen als etwas anderes, für die die eigenen Regeln nicht gelten. Deshalb findet man Gewalt kaum innerhalb derartiger Gruppen, sondern nur zwischen verfeindeten Gruppen. Es gibt keinen biologischen Mechanismus, der Gewalt zwischen Gruppen verhindert. Es gibt keinen biologischen Mechanismus, der dafür sorgt, das Eigentum eines Fremden zu respektieren. Wir sind biologisch nicht auf eine Großgesellschaft vorbereitet. Es ist nicht möglich, die Gruppenmoral einfach zu generalisieren, weil man die Fremden objektiv nicht so gut verstehen kann wie die eigenen Leute (die genau dadurch zu den „eigenen“ Leuten werden).
Eine friedliche Großgesellschaft zu ermöglichen, ist deshalb notwendigerweise ein kulturelles Unterfangen. Was in diese Richtung wirkt, ist die schmerzliche Erfahrung, dass das Reziprozitätsprinzip auch für Gewalt gilt. Menschen sind in der Lage zu erkennen, dass die eigene Gewaltausübung die Gewalt des Anderen verursacht und es im eigenen Interesse ist, Gewalt zu reduzieren, im Idealfall ganz darauf zu verzichten. Gewalt ist immer eine Verletzung des Reziprozitätsprinzips und hat nicht selten ihrerseits (es wäre interessant zu untersuchen, ob möglicherweise immer) ihre Ursache in einer vorangegangenen Verletzung des Reziprozitätsprinzips, ist also strukturell bedingt (und eben keine angeborene Bosheit). Das beste bisher entdeckte Gegenmittel ist der ökonomische Tausch. Nur dieser ist in der Lage, Menschen zu Freunden zu machen, auch wenn es Fremde sind. Und wenn wir ökonomischen Tausch wollen, müssen wir Eigentum respektieren.
Quellen:
Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
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