Freiheitskampf: Zerbrochener Widerstand
Wie die Deutschen ihren 17. Juni vergessen
von Oliver Gorus drucken
Heute vor 73 Jahren, am 17. Juni 1953, war Ostdeutschland verloren und Mitteldeutschland besetztes Land: Die aus Moskau gesteuerte Sozialistische Einheitspartei Deutschlands war die eigentliche Besatzungsmacht, der Feind kam aus dem Innern.
Die Verhältnisse waren ähnlich wie heute, es gab etatistische Übergriffe ins Privatleben, gelenkte Wirtschaft, regierungshörige und durchideologisierte Medien, Zensur und Cancel Culture, politische Justiz, Verfolgung und Zersetzung von Kritikern und massive Unterdrückung der politischen Opposition. Allerdings war das alles damals noch ausgeprägter, direkter und plumper als heute, das elaborierte Doppelpass-Spiel zwischen dem Staat und den unauffällig aussehenden, aber staatsfinanzierten „NGOs“, der so genannten „Zivilgesellschaft“, war noch nicht erfunden.
Aber ein großer Teil der Bevölkerung wollte sich damit nicht abfinden, protestierte immer lautstärker und litt insbesondere unter der sozialistischen Planwirtschaft und den im Vergleich zu Westdeutschland immer deutlicher werdenden Wohlstandsverlusten. Eine knappe Woche vor dem 17. Juni hatte das SED-Regime in seinem Zentralorgan, der Journalismus simulierenden Zeitungsattrappe „Neues Deutschland“, auf sowjetischen Druck hin dem unzufriedenen Volk den sogenannten „Neuen Kurs“ verkündet.
Die Partei gab dabei zwar oberflächlich Fehler zu und lockerte den Druck auf Privatbetriebe ein wenig, sie stoppte die forcierte Kollektivierung teilweise und versprach mehr Konsumgüter.
Aber der Diktator Ulbricht nahm dabei nicht die Hauptsachezurück, nämlich die verhasste Erhöhung der planwirtschaftlichen Arbeitsvorgaben um zehn Prozent. Die hatte die SED im Mai verkündet, ohne die Löhne anzupassen. Für viele Arbeiter war das eine faktische und nicht hinnehmbare Lohnkürzung, ein sehr harter Eingriff ins Leben.
Die Weigerung, das rückgängig zu machen, war die entscheidende Eskalation des Staats gegen seine Bürger, die den großen und seit langer Zeit gewachsenen Zorn im Volk zum Ausbruch brachte, was in den Tagen danach bis zum Volksaufstand am 17. Juni führte.
Der Aufstand wurde bekanntlich mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Die überforderte SED-Führung rief die Sowjets um Hilfe, und die walzten mit 20.000 Soldaten und Panzern durch die Städte. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, in 167 von 217 Kreisen der DDR galt das Kriegsrecht. Mit von der Partie waren ca. 15.000 Mitglieder der kasernierten Volkspolizei und die reguläre Volkspolizei. Bei Denunziationen, Verhaftungen, Verhören und in den anschließenden Prozessen halfen die Stasi und SED-Parteikader. Es wurde in die Menge geschossen, verprügelt, festgenommen und hingerichtet. 15.000 Demonstranten kamen in Haft, 50 kamen ums Leben.
Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni in Westdeutschland ein nationaler Feiertag. Heute ist er nur noch ein Gedenktag, der in der Breite der Gesellschaft aber nicht mehr begangen wird. Die Deutschen ziehen anders als andere Völker keine Widerstandskraft und keine Identität aus ihrem Aufstand, sie verlieren im Nebel der Politik die Orientierung und den Überblick über richtig und falsch, gut und schlecht, gerecht und übel.
Die Gräuel und das Unrecht des 17. Juni 1953 geraten langsam aber sicher in Vergessenheit. Je mehr die Verhältnisse heute sich nach und nach denen der DDR angleichen, desto weniger wird der Tag als Warnung vor Etatismus, Parteienherrschaft, Unterdrückung der Opposition, Sozialismus und Staatsterror begriffen. Tja. Vielleicht wird er ja in Teilen Deutschlands irgendwann im Rahmen der Umdeutung aller Werte als Sieg des Sozialismus über den faschistischen Klassenfeind oder sowas wieder gefeiert werden …
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