04. Oktober 2026 18:00

Staatskritik Deutschland gehört euch nicht

Über den Unterschied zwischen Heimat und Staatsapparat

von Volker Ketzer drucken

Die Politik feiert sich. Die Bürger hätten lieber ein Land, das funktioniert.
Bildquelle: Eigenes Bild Die Politik feiert sich. Die Bürger hätten lieber ein Land, das funktioniert.

Ich mag Deutschland. Mit seinem Staat habe ich ein Problem.

Wer darin einen Widerspruch entdeckt, hat vermutlich zu viele Festreden gehört.

Meine Heimat besteht aus Menschen, Sprache, Landschaft und einer gewachsenen Kultur. Aus Musik, Handwerk, gutem Brot und der erfreulichen Ernsthaftigkeit, mit der man sich hier dem Bierbrauen widmet.

Aus der Vorstellung, dass etwas ordentlich gemacht wird, wenn man es anpackt. Gründlichkeit, Verlässlichkeit, ein gewisser Stolz auf die eigene Arbeit.

An ein Finanzamt denke ich dabei nicht.

Friedrich Merz gehört nicht zu dieser Aufzählung. Lars Klingbeil auch nicht. Die beiden sind vorübergehend politisches Personal. Deutschland war vorher da und wird hoffentlich noch da sein, wenn niemand mehr ihre Regierungserklärungen lesen muss.

Man sollte ihnen diesen Unterschied gelegentlich erklären.

Ein Land ist keine Regierungsveranstaltung

Gestern hat sich die politische Spitze in Bremen zum Tag der Deutschen Einheit versammelt. Zum Festprogramm gehörte die Hip-Hop-Formation „moms.undercover“ – Mütter, die zu urbanen Beats tanzen. Daneben standen die Bremer Philharmoniker und eine Tanzformation auf der Bühne.

Das Problem dabei ist nicht die Musik. Das Problem ist die staatliche Durchpolitisierung des Ganzen.

Hier wurde nicht einfach Tanzkunst gezeigt, sondern das volle Programm staatlich verordneter Haltung: Mütter-Empowerment, feministische Selbstbespiegelung und die angestrengte Botschaft, wie bunt, dynamisch und progressiv man sich im Regierungsviertel doch versteht.

Es wirkt wie der verzweifelte Versuch eines trägen Bürokratenapparats, sich mit dem Geld der Steuerzahler ein jugendliches, feministisches Upgrade zu kaufen. Aus authentischer Kultur wird so verordneter Staats-Kitsch.

Mir hängt diese durchgestylte Haltungskulisse zum Hals heraus, durch die inzwischen jede öffentliche Selbstbeschreibung hindurch muss.

Kultur entsteht, weil freie Menschen etwas pflegen, mögen, verändern und freiwillig weitergeben. Sie braucht keine staatlichen Moral-Workshops und keine Quoten-Bühnen, um zu existieren.

Das Land liefert die Leistung. Der Betrieb feiert seine eigene Ideologie.

Heimat ohne Gebrauchsanweisung

Deutschland ist für mich mehr als das Gebiet, auf dem eine bestimmte Verwaltung Steuern eintreiben darf.

Heimat entsteht durch Vertrautheit. Durch Sprache, Erinnerungen, Eigenheiten und Menschen. Dafür brauche ich keinen Minister, der mir erklärt, welche Gefühle gerade gesellschaftlich erwünscht sind.

Ein italienisches Restaurant bedroht meine Heimat nicht. Ich muss auch keinen Döner verbieten wollen, um an der Eigenständigkeit meiner Kultur zu hängen. Ich kann andere Kulturen schätzen, ohne meine eigene für überflüssig zu erklären.

Diese Selbstverständlichkeit scheint erklärungsbedürftig geworden zu sein. Wer am Vertrauten hängt, soll sich rechtfertigen. Ist das noch Heimatverbundenheit oder schon verdächtig? Darf man die Entfremdung im eigenen Stadtbild ablehnen, oder fehlt einem dafür bereits die vorgeschriebene Offenheit?

Meine Antwort: Ich brauche keine Erlaubnis dafür, dass mir mein Zuhause etwas bedeutet.

Und ich schulde niemandem Begeisterung, wenn sich das Stadtbild meiner Kindheit bis zur Unkenntlichkeit verändert. Vermüllung wird durch das Wort „Weltoffenheit“ nicht appetitlicher. Drogenelend im Bahnhofsviertel wird durch sensible Sprache nicht schöner. Und ein unsicherer Heimweg verliert seinen Schrecken nicht, weil die Politik mir erklärt, meine Angst sei nur ein „subjektives Unsicherheitsgefühl“.

Mich macht das wütend. Nicht aus Mangel an Toleranz, sondern weil gesellschaftliche Fundamente und kulturelle Selbstverständlichkeiten schleichend abgeräumt werden, während die Rechnung dafür von Jahr zu Jahr höher wird.

Dahinter steckt Methode. Denn von diesem Wandel profitiert vor allem ein politisches Lager: Die Linke und der expandierende Staatsapparat haben gelernt, dass man mit eigenverantwortlichen, heimatverbundenen Steuerzahlern wenig Staat machen kann. Sie brauchen Klientel. Wo das traditionelle Bürgertum schrumpft oder sich abwendet, baut man sich über Sozialsysteme, Migrationslenkung und staatliche Alimentierung schlicht ein neues Publikum. Es ist die Verwandlung von Staatsbürgern in Staatsabhängige und damit die dauerhafte Absicherung linker Mehrheiten auf Kosten derer, die das Ganze noch erarbeiten.

Der Staat nimmt mir mein Geld ab, verändert ohne Auftrag mein Umfeld und erklärt mir anschließend, dass ich meine Erwartungen gefälligst herunterschrauben muss.

Wer baut denn nun die Straßen?

Wer weniger Staat verlangt, bekommt zuverlässig die Straßenfrage gestellt: „Wer baut die denn dann?“

Keine Ahnung, wer sie in deren theoretischen Wunschmodell baut. Mich würde fürs Erste interessieren, wer sie in unserem jetzigen erhält.

Dasselbe gilt für Brücken und Schienen. In einem Land, das Verlässlichkeit einmal für eine seiner größten Stärken gehalten hat, bleibt die Infrastruktur auf der Strecke. 2025 waren gerade einmal 60 Prozent der Fernzüge pünktlich. Und ausgerechnet dieser zerfallende Staatsbetrieb soll mir als Beweis dienen, dass ich ohne staatliche Fürsorge verloren wäre?

Ich behaupte nicht, dass jeder Bauarbeiter unfähig ist. Ich frage mich vielmehr, wie viele anständige Menschen täglich gegen einen Apparat anarbeiten müssen, der ihre Leistung verschleißt und sich anschließend für unentbehrlich erklärt.

Wenn ich schon gezwungen werde, diesen Laden zu finanzieren, erwarte ich wenigstens, dass er die Grundlagen sichert: Sicherheit, Eigentum, funktionierende Infrastruktur. Das wäre noch kein Argument für seine ständige Ausdehnung. Es wäre schlicht die Erfüllung seines Vertrags.

Stattdessen soll das Geld der Bürger für immer größere weltpolitische Haltungsprojekte und gesellschaftliche Umerziehung reichen. Zuhause wächst der Sanierungsbedarf, während der politische Ehrgeiz die Welt umarmt.

Vielleicht sollte man erst einmal zuhause das Treppengeländer festschrauben, bevor man rüber zum Nachbarn schaut.

Auch bei der Migration möchte ich keine weitere Belehrung über gute Absichten. Wer politische Entscheidungen trifft, muss sich an den realen Folgen messen lassen: Unterbringung, Sozialsysteme, Schulen, Wohnraum, innere Sicherheit. Dazu gehört, Menschen vor Gewalttätern zu schützen und geltendes Recht konsequent durchzusetzen.

Wer Verpflichtungen schafft, darf die Rechnung nicht einfach bei den Bürgern abladen und sich für die eigene Großzügigkeit feiern lassen. Ich habe dem Staat keinen Blankoscheck ausgestellt, aus meinem Zuhause ein Experiment zu machen.

Ihr seid nicht Deutschland

Am meisten widert mich die moralische Schutzschicht an, die sich dieser Betrieb gegen Kritik zugelegt hat. Kaum wird der Ton deutlich, geht es um die Verantwortung des Kritikers. Um seine Sprache. Um das Vertrauen, das er angeblich beschädigt.

Als wäre Vertrauen eine Bürgerpflicht und kein Ergebnis ordentlicher Arbeit.

Wer den Verfall seines Viertels kritisiert, hat nicht automatisch ein Wahrnehmungsproblem. Und wer seine Regierung verachtet, verachtet deshalb noch lange nicht sein Land.

Gerade der 3. Oktober sollte diese Unterscheidung erleichtern. Die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik haben ihre Heimat geliebt und den Staat abgelehnt. Deutschland musste nicht verschwinden, damit dieser Apparat verschwinden konnte. Heimat war größer als die Partei, die sich ihrer bemächtigt hatte.

Daraus folgt keine Gleichsetzung der heutigen Bundesrepublik mit der Deutschen Demokratischen Republik, auch wenn dieser Vergleich mehr und mehr zutreffend wird.

Daraus folgt vielmehr etwas viel Grundsätzlicheres: Kein Staat besitzt ein Monopol auf die Verbundenheit seiner Bürger mit ihrem Land.

Ein Land gehört nicht der Regierung, die gerade darüber verfügt. Seine Kultur ist kein Koalitionsprojekt, seine Menschen sind keine Unterabteilung eines Ministeriums. Und seine Zukunft darf mehr sein als der nächste politische Maßnahmenkatalog.

Deshalb lasse ich mir auch von diesem Staat nicht meine Heimat nehmen, weder durch seine Entscheidungen noch dadurch, dass er sich selbst mit ihr gleichsetzt.

Ich muss keiner Regierung vertrauen, um Deutschland zu mögen. Ich muss keine politische Kulturinszenierung bejubeln, um Kultur zu schätzen. Und ich werde mich nicht für Zustände bedanken, die ich teuer bezahle und zunehmend unerträglich finde.

Deutschland gehört weder seinen Ministern noch seinen Parteien noch den höfischen Berichterstattern und Narren im Fernsehen.

Ihr verwaltet dieses Land auf Zeit. Meine Heimat ist es auch dann noch, wenn ihr endlich weg seid.

Bleib frei im Kopf.


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