01. März 2024 07:00

Libertäre Psychologie – Teil 2 Wilhelm Reich: Erst Kommunist, dann von Kommunisten verfolgt

Was ist Sexualökonomie?

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Flickr Kate Bushs Ballade „Cloudbusting“: Inspiriert vom Leben des Psychoanalytikers Wilhelm Reich

Abgesehen von einem kurzen Revival von Wilhelm Reichs Ideen in der Bewegung zur Selbstbefreiung der 1960er Jahre hacken alle auf ihm herum: Die Konservativen sagen ihm nach, mit der Propagierung ungezügelter Sexualität ein kulturmarxistisches Programm zur Zerstörung der Familie und der westlichen Werte vorangetrieben zu haben. Feministinnen unterstellen ihm Phallokratie. Marxisten bemängeln, er würde von der Analyse der ökonomischen Klassenlage ablenken. Last, not least spöttelte Sigmund Freud über Reichs „Orgasmusfimmel“. Andererseits rankt sich bei vielen linken Bewunderern Reichs immer noch die Legende um ihn, dass ihn in den USA die antikommunistische Hatz unter McCarthy zu Fall gebracht habe.

Wilhelm Reich (1897–1957) stieß während seines Medizinstudiums in Wien auf die junge Psychoanalyse Sigmund Freuds, wurde von Freud als Ausnahmetalent erkannt und noch als Student in die Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Er setzte Freuds Erforschung der Sexualität fort, indem er sich als Arzt für die biologisch-naturwissenschaftliche Seite der Sexualität interessierte und nach der (biologischen) Funktion des Orgasmus fragte. Die Formel, die sein Lebensweg prägte, lautete: Die Unterdrückung einer befriedigenden Sexualität führt zu psychischen und körperlichen Krankheiten sowie zu Perversionen wie Sexsucht oder Vermischung von Gewalt- und Sexualphantasien. So beobachtete er etwa, wie verbreitet unter Soldaten (besonders Offizieren) eine unterdrückte Homosexualität war. Entgegen geläufigen Behauptungen propagierte Reich keine wahllosen Partnerwechsel – ganz im Gegenteil, diese zählte er zu den Perversionen. Zu einer befriedigenden Sexualität zählte für ihn auch eine liebevolle und dauerhafte Partnerschaft. Die Erkenntnisse über die Bedingungen befriedigender und die Wirkungen unbefriedigender Sexualität nannte Reich „Sexualökonomie“. Neben diesen Forschungen trieb Reich die Frage um, welcher gesellschaftlichen Veränderungen es bedürfe, um Krankheiten und Perversionen, die aus unterdrückter befriedigender Sexualität erwachsen, zu verhindern. Die Behandlung von einzelnen Personen, die sich eine Psychoanalyse leisten konnten, würde nicht reichen. Er trat in die Kommunistische Partei ein, was sich bald als eine höchst unkluge Entscheidung herausstellte. Doch glaubte er zunächst daran, die Kommunisten würden ernsthaft an einer Befreiung des Individuums interessiert sein. Mit großem Erfolg baute er im Deutschland der zu Ende gehenden1920er und beginnenden 1930er Jahre ein Netzwerk sexualökonomischer Beratungsstellen auf, was die Partei eher murrend duldete als begrüßte.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 veröffentlichte Reich seine Studie „Massenpsychologie des Faschismus“. Dies war für die Genossen zu viel, sie schlossen ihn aus der Partei aus. Was hatte Reich verbrochen? Er hatte sich gefragt, was die Kommunisten falsch gemacht hätten, sodass die Faschisten siegen konnten. Natürlich waren die Kommunisten der Meinung, dass sie unter der Führung des allwissenden und allmächtigen Stalins nichts falsch gemacht hatten. Doch musste ihnen auf diese Weise der Sieg des Gegners unerklärlich bleiben.

Wilhelm Reich ging ins Exil nach Norwegen. Seine sexualökonomischen Forschungen radikalisierte er in naturwissenschaftlicher Hinsicht und meinte, den Orgasmus als nur eine unter zahlreichen Ausprägungen einer allgemeinen Lebensenergie definieren zu können. Fortan konzentrierte er sich auf die Erforschung dieser Energie, die er „Orgon“ nannte. Zwei Dinge erschweren die Würdigung seiner Thesen. Das ist zum einen seine sich steigernden eigenen psychischen Erkrankungen: Paranoia ist gewiss, vermutlich aber war er auch schizophren. Das andere ist die zunehmende tatsächliche Verfolgung, die Mitte der 1950er Jahre darin mündete, dass bewaffnete Handlanger der Food and Drug Administration (FDA) ihn dazu zwangen, zusammen mit dem minderjährigen Sohn Peter sein Labor in den USA zu zerschlagen. Wie war es dazu gekommen?

Noch vor der Okkupation Norwegens durch die Deutschen verließ Reich sein Exil, weil Kommunisten ihren Einfluss geltend machten und gegen ihn hetzten. Er wählte nun die USA als neues Land des Exils. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg unterzog das FBI ihn als Deutsch-Österreicher routinemäßig einer Sicherheitskontrolle und stellte fest, dass er keine Bedrohung für die USA darstelle. Dabei blieb das FBI, auch bei späteren Denunziationen, dass er Kommunist sei. Die Akten des FBI sind seit Ende der 1990er Jahre frei zugänglich. Wenn ich das richtig sehe, bin ich der Einzige, der sie systematisch ausgewertet hat; jedenfalls, soweit sich dies im Internet zeigt.

In den USA wandelte Reich sich endgültig zum Antikommunisten. Zum einen erkannte er, dass in der amerikanischen liberalen Tradition der viel bessere Ansatz zu einer Selbstorganisation der Arbeitenden zu finden war als bei den Kommunisten (die er nun mit den Faschisten gleichsetzte). Er überarbeitete seine „Massenpsychologie des Faschismus“ dahingehend und publizierte sie 1946 in Englisch. Zum anderen stellten die Kommunisten seine Verfolgung nicht ein. Die ganzen 1940er Jahre über gab es in den USA eine breite Sympathie für die Kommunisten als die Alliierten im Krieg; die berühmt-berüchtigte McCarthy-Zeit begann erst mit dem Kalten Krieg gegen die UdSSR in den 1950er Jahren. Dennoch verschwanden die Kommunisten nicht, sie tauchten nur unter.

Die Food and Drug Administration (FDA), die Zulassungs- und Überwachungsstelle für Arznei- und Lebensmittel, ist eine Gründung im Zuge des ersten großen Schubs in Richtung des sozialstaatlichen Ausbaus unter dem Republikaner Theodore Roosevelt Anfang des 20. Jahrhunderts. Von dem Demokraten Franklin Delano Roosevelt ging in den 1930er Jahren der zweite Schub aus, der im Zuge dessen auch die FDA stärkte. Sie war eine für Kommunisten beliebte Institution, um dort unterzutauchen. Wilhelm Reich hielt zeitlebens an der Meinung fest, dass es Sympathisanten der Kommunisten in der FDA gewesen seien, die gegen ihn intrigierten. Wie dem auch sei, die FDA erreichte eine gerichtliche Verfügung, die Reich das Weiterforschen mit dem Orgon verbot. (Das FBI hatte jede Mitwirkung an dieser Verfügung abgelehnt.) Nachdem ruchbar geworden war, dass sich Reich nicht an das Verbot hielt, zwangen bewaffnete Mitarbeiter der FDA ihn (und seinen Sohn Peter), das Labor zu zerschlagen, Reich wurde inhaftiert (und starb in Haft), während die vollständigen Auflagen seiner Bücher konfisziert und verbrannt wurden; sogar deren Besitz stand unter Strafe. Allerdings ließ sich dies Verbot nicht lange aufrechterhalten. Der Verlag Farrar und Straus, der bis dahin weder etwas mit Psychoanalyse im Allgemeinen noch mit Wilhelm Reich im Besonderen zu tun gehabt hatte, beschloss, seine Werke nachzudrucken, um gegen die Zensur zu protestieren. Das Verbot, seine Bücher zu besitzen, war sowieso nicht durchsetzbar. Reichs Verhaftung wird in dem Musikvideo zu Kate Bushs Song „Cloudbusting“ dargestellt, mit Donald Sutherland in der Rolle von Reich und Kate Bush in der seines Sohnes Peter.

Für eine libertäre Psychologie von überragendem Wert bleibt Reichs Analyse der Quelle, warum Menschen sich der Herrschaft und dem In-den-Krieg-geschickt-Werden unterwerfen. Menschen, die keine feste Gründung in ihren biologischen Lebensfunktionen haben, werden weder frei denken noch sich selbst organisieren können. Was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte, hatte wenig mit der Vorstellung formalisierter Wahlen und noch weniger mit der Vertretung (angeblicher) Arbeiterinteressen durch Gewerkschaften in gesetzlich erzwungenen Körperschaften der betrieblichen Mitbestimmung zu tun, dagegen sehr viel mit libertären Vorstellungen: Menschen regeln ihre Angelegenheiten in freiwilligen Gruppen nach von ihnen selbst gewählten Regeln.

Eine Bemerkung für alle die, die Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“ kennen und lieben. Er erschien 1957. Der revolutionäre Motor, den John Galt insgeheim konstruierte und der nach der Revolution das Leben erneuern wird, ist meiner Vermutung nach eine indirekte Bezugnahme auf Reichs Orgon-Motor, den die FDA zerhacken ließ (was ein Unrecht ist, selbst wenn der Motor, wie ich annehme, nie wirklich funktionierte). Nicht, dass ich annehme, Rand und Reich hätten sich getroffen oder Rand habe Reich bewusst wahrgenommen. Es ist wahrscheinlich, dass beide nicht miteinander warm geworden wären. Aber Rand kann indirekt von dem Vorgang erfahren haben. Denn die Koinzidenz, dass Reich einen Motor mit (vermeintlich) frei verfügbarer Energie konstruierte, den der Staat zerstörte, und der Fiktion Rands, ein genialer Erfinder gehe in den Untergrund, um seine Erfindung zu schützen und einen Streik aller kreativen Köpfe zu organisieren, der das System des Etatismus zu Fall bringt, bietet sich an, um nach einer Verbindung zu suchen. Jedenfalls leuchtet mir, der ich beide dieser gegensätzlichen Pole des libertären Denkens schätze, diese Verbindung ein.


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