08. März 2024

Libertäre Psychologie – Teil 3 B. F. Skinner: Erklären Reiz und Reaktion alles?

Ein Plädoyer für Freiheit und Würde

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Javier Virués Ortega / Wikimedia US-amerikanischer Psychologe Burrhus Frederic Skinner: Bekannt für seine „Skinner-Box“ zur instrumentellen Konditionierung

Wie alle große Forschung beginnt der Behaviorismus mit einer extremen Vereinfachung: Betrachten wir den Menschen als eine Black Box, deren Innenleben uns weder zugänglich ist noch überhaupt ein Interesse verdient. Schauen wir einfach, aufgrund welcher Reize (Input) sie welche Reaktionen (Output) zeigt. B. F. Skinner (1904–1990) gehörte zu den wichtigsten Behavioristen und zählt neben Freud (und Kurt Lewin, der in der nächsten Folge behandelt wird) zu den einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts.

Angefangen hatte es freilich mit Iwan Pawlow (1849–1936) und seinem inzwischen sprichwörtlichen Hund: Ertönt immer, wenn dem Hund Futter geben wird, eine Glocke, löst nach einer gewissen Gewöhnungsdauer der Glockenton allein die Speichelbildung aus, auch wenn gar kein Futter vorliegt. Mit solchen Reflexen lässt sich wunderbar die Entstehung von Aberglauben erklären: Die Black Box stellt aufgrund der wiederholten Gleichzeitigkeit von Reizen einen objektiv nicht gegebenen Ursache-Wirkungs-Mechanismus her. Erreicht der Aberglauben die Ebene gesellschaftlicher Massen, haben wir es mit Massenwahn zu tun.

Diese Erklärung von Aberglauben und Massenwahn beherrscht inzwischen genauso die Alltagspsychologie wie einige Versatzstücke aus Freuds Lehre: Man geht stillschweigend davon aus, dass Werbung und politische Propaganda Beliebiges mit den Menschen anstellen könnten.

Die gesellschaftlich wichtigste Erkenntnis von Skinner lautet, dass negative Verstärkungen (landläufig „Strafen“ genannt) viel weniger wirksam sind als positive Verstärkungen (landläufig „Belohnungen“ genannt). Diese Erkenntnis, gewonnen auf ganz anderem theoretischem Hintergrund, wird uns bei Kurt Lewin wieder begegnen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Auf einen negativen Reiz kann die Black Box in tausenderlei verschiedener Weise reagieren. Es wird zwar eine bestimmte Handlung abgeschreckt, dabei jedoch keine bestimmte, sondern eine weitgehend unbestimmte Reaktion hervorgerufen. Deshalb arbeiten alle behavioristisch aufgeklärten Lernsysteme, sei es in der Erziehung, sei es in der Therapie, mit positiven und nicht mit negativen Verstärkungen. Dass auch Belohnungen nicht besser wirken als Strafen, das wird uns dann Kurt Lewin erklären.

Jedenfalls war Skinner der Auffassung, dass sich mit richtig organisierten Reizen der positiven Verstärkung nicht nur der einzelne Mensch, sondern eine ganze Gesellschaft in eine bestimmte Richtung hin „konditionieren“ lasse. Konzepte wie Freiheit und Würde des Menschen hielt er für hinderlich; so hieß denn auch sein bekanntes populärwissenschaftliches Werk „Jenseits von Freiheit und Würde“ (1971). Dies meinte er durchaus positiv. In seiner bereits 1948 verfassten Zukunftsvision „Walden Two“ (in den ersten deutschen Auflagen unter dem Titel „Futurum Zwei“) zeigt er auf, wie er sich eine Gesellschaft vorstellt, in der nicht in althergebrachter Weise geherrscht, sondern sozialtechnisch verwaltet wird. „Walden“ ist der Titel des Berichtes aus dem Jahre 1854, den Henry David Thoreau über sein Experiment eines einfachen, friedlichen, aber auch einsamen Lebens abfasste. Thoreau, der Begründer der Lehre vom zivilen Ungehorsam, wurde mit diesem Buch, das zu seinen Lebzeiten kaum Beachtung fand, zu einem Helden der Hippie-Bewegung der 1960er Jahre. In „Walden Zwei“ nun zeige er ein einfaches und friedliches Leben auf, sagte Skinner, das zudem Gemeinschaft zulasse. Skinner stellte diese Utopie in einer 1984 veröffentlichten Reflexion in die Nähe des Anarchismus, indem er George Orwell in seiner Walden-Gemeinschaft herumführt und von ihm die Absolution erhält: Der Behaviorismus mache es möglich, ganz auf Herrschaft zu verzichten.

In einem Kapitel von „Walden Zwei“ etwa beschreibt Skinner folgende Versuchsanordnung, die dem Training der Selbstkontrolle und Emotionslosigkeit unter einer Schar von Kindern diene: Hungrig kehren die Kinder nach einer kräftezehrenden Wanderung heim. Der Tisch ist gedeckt, auf ihm stehen die dampfenden Schüsseln. Nun werden die Kinder angehalten, fünf Minuten zu verharren, bevor sie sich zum Essen setzen. Diese Übung, sagt der Erzähler, absolvieren die Kinder so, „als sei es eine Rechenaufgabe“, genau wie die spätere verschärfte Variante: Beim Warten haben sie zu schweigen und dann wird zuerst nur einem Teil von ihnen gestattet, mit dem Essen zu beginnen, während die anderen weitere fünf Minuten warten müssen. Auf diese Weise unterbinde man das Aufkommen von Neid. Schon 1973 als Jugendlicher hat mich die Bemerkung des britischen Journalisten Gordon Rattray Taylor (1911–1981) fasziniert, bloß ein Collegeprofessor könne derart naiv sein zu glauben, eine solche Versuchsanordnung werde zur Herausbildung von Selbstkontrolle und nicht etwa zu Ressentiment oder zu offenem Widerstand führen.

Diese Bemerkung führt dazu, wesentliche Fehler in den Voraussetzungen des Behaviorismus zu identifizieren: Zunächst einmal geht er davon aus, dass die Black Box auf den Reiz immer gleich reagiere. Dies ist aber schon bei dem sprichwörtlichen pawlowschen Hund nicht so; die Reaktion erfolgt nur unter der Voraussetzung, dass der Hund Hunger hat. Der innere Zustand der Black Box spielt sehr wohl eine Rolle. Zum Zweiten geht der Behaviorismus davon aus, dass es zwischen den Black Boxes keine wesentlichen Unterschiede gibt, sie alle reagieren mehr oder weniger gleich, es gibt keine Individualität. Und schließlich schließt der Behaviorismus aus, dass die Black Box eine Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge erreichen kann. Der Hund ist dazu vermutlich tatsächlich nicht in der Lage; der Mensch schon – sonst könnte es ja auch keine Behavioristen geben. Schließlich ist im Rahmen der Theorie des Behaviorismus gar nicht zu erklären, wie eine Entscheidung über die einzuschlagende „gewünschte Richtung“ einer Verhaltenskonditionierung überhaupt gefällt werden könnte: Eine solche Entscheidung ist laut seiner Theorie eigentlich gar nicht möglich, denn die Entscheidung bedarf eines Entscheiders.

„Jenseits von Freiheit und Würde“ heißt übrigens auch jenseits von Verantwortung. Im Zusammenhang mit Freud (Folge 1 der Serie) habe ich erwähnt, dass konservative Kritiker Freud gerne vorwerfen, durch die Rückführung von Fehlverhalten auf gesellschaftliche (zum Beispiel familiäre) Bedingungen das Konzept der Verantwortung geschwächt zu haben, da nicht der Täter, sondern die (sozialen) Umstände schuld seien. Bezogen auf Freud ist die Kritik falsch, da das Ziel von Freuds Psychoanalyse die Stärkung der Ich-Verantwortung ist. Bezogen auf Skinner, träfe die Kritik genau ins Zentrum. In „Jenseits von Freiheit und Würde“ sagt Skinner ausdrücklich: „Das eigentliche Problem ist die Wirksamkeit von Kontrolltechniken. Wir werden die Probleme des Alkoholismus und der Jugendkriminalität nicht lösen, indem wir ,Verantwortungsgefühle‘ fördern. Es ist die Umwelt, die für das unzulässige Verhalten ,verantwortlich‘ ist, und es ist die Umwelt und nicht eine Eigenschaft der Einzelperson, die geändert werden muss.“

Dieses Statement wird man heute in der diffus linken Ecke des Mainstreams verorten. Das war nicht immer so. In ihrer scharfen Kritik an Skinners Buch benennt Ayn Rand die philosophischen Einflüsse, aus denen er sein Lehrgebäude zimmere: „Pragmatismus, Sozialdarwinismus, Positivismus, linguistische Analyse, Sargnägel von David Hume, Balken von Bertrand Russell, während die ‚New York Post‘ das Bindemittel beisteuert“; typisch linke Theorien finden sich in der Aufzählung nicht. Darüber hinaus erwähnt sie mit Hochachtung die Zurückweisung von Skinners Theorie des Sprachverhaltens durch Noam Chomsky. Es sei eine große Erleichterung, Chomskys Zurückweisung zu lesen, schreibt sie und vergisst nicht hinzuzufügen, dass Chomsky zur Neuen Linken zähle. Diese war bekanntermaßen der erklärte Feind für Ayn Rand. Wenn sie also sich in ihrer Kritik an Skinner auf einen Autor der Neuen Linken bezieht, muss es sich bei ihm um jemanden handeln, der noch jenseits dieser Auseinandersetzung steht. In der Tat, so sehr Ayn Rand alle Konzeptionen der Neuen Linken verachtete und ablehnte, der gemeinsame Grund, auf dem sie standen, war die Idee eines autonomen, mit Freiheit und Würde ausgestatteten Subjekts. Wenn das Herunterbringen des Menschen zur „Reaktionsweise von Lurchen“, um mal wieder Theodor W. Adorno zu zitieren, zu einer Utopie „jenseits von Freiheit und Würde“ stilisiert wird, wie Skinner es tat, stellt das eine noch tiefgreifendere Bedrohung für den Wert der Freiheit dar, den Ayn Rand zum existenziellen Ausgangspunkt ihrer Lehre machte.

Anders als Ayn Rand ordnete Ludwig von Mises den Behaviorismus wegen dessen Ablehnung des Konzepts der individuellen Verantwortung dem Marxismus zu. Das ist ideengeschichtlich problematisch, denn sowohl der staatsreligiöse Marxismus der Prägung der UdSSR als auch der Marxismus der „Kritischen Theorie“ (Adorno, Marcuse) lehnten den Behaviorismus ab.


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