15. März 2024

Libertäre Psychologie – Teil 4 Kurt Lewin: Ist eine praxeologische Psychologie möglich?

Verhalten zwischen Gesetzmäßigkeit und Freiheit

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Store Norske Leksikon Deutsch-amerikanischer Psychologe Kurt Lewin: Bekannt für sein 3-Phasen-Modell

Kurt, wer? Obwohl Kurt Lewin (1890–1947) neben Freud (Teil 1 dieser Serie) und Skinner (Teil 3 dieser Serie) als einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts gilt, ist er inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Als ein Indikator dafür kann herhalten, dass seine Werkausgabe aus den 1980er Jahren unvollendet blieb. Für das Vergessen Lewins gibt es einen biographischen und einen inhaltlichen Grund. Der biographische besteht darin, dass aufgrund seines frühen Todes von ihm fast ausschließlich fragmentarische Essays, keine zusammenfassenden Darstellungen seiner Theorie vorliegen. Zum Fragmentarischen seines Werks trägt auch bei, dass zwischen seiner deutschen Zeit und seinem US-amerikanischen Exil ab 1933 nicht nur ein sprachlich-kultureller Riss besteht, sondern auch eine grundlegende Veränderung seiner Forschungsfrage: In Deutschland hatte er sich vor allem mit dem Verhalten von Individuen (besonders auch Kindern und Säuglingen) beschäftigt, in den USA wandte er sich vor allem der Dynamik von Gruppen zu und begründete damit die Gruppendynamik als Fachgebiet innerhalb der Psychologie.

Auf den inhaltlichen Grund für das Vergessen (oder Verdrängen) von Lewin aus dem Gedächtnis der psychologischen Wissenschaft werde ich nach dem folgenden biographischen Exkurs eingehen.

Lewin gehörte der ersten Generation derer an, die überhaupt die Psychologie als eigenständige Wissenschaft vertraten. Alle Lehrer Lewins hatten noch Lehrstühle für Philosophie inne. Als junger Mann hing Lewin dem damals in der Psychologie während des Übergangs von der Philosophie zur empirischen Wissenschaft vorherrschenden Assoziationismus an. Der Assoziationismus ist ein Vorläufer des Behaviorismus (siehe Teil 3 dieser Serie) und basiert auf dem englischen Aufklärungsphilosophen David Hume. Hume erklärte die Kategorie der Kausalität für Aberglauben. Alles, was sich empirisch feststellen lasse, sei, wie Ereignisse zeitlich aufeinanderfolgten. Der Assoziationismus leitete aus dieser Ansicht ab, dass das Verhalten durch die psychische (nicht logische) Kette von Ereignissen gesteuert werde. Die Kategorie der Psychologie, die der Assoziatinonismus statuierte, war die Assoziation oder, umgangssprachlich, die Gewohnheit (statt Kausalität). Lewin erdachte eine Reihe genialer Experimente, mit denen er die Theorie des Assoziationismus beweisen wollte. Er führte sie noch während des Ersten Weltkriegs durch. Erstaunt stellte er fest, dass die Experimente stets auf das Gegenteil dessen deuteten, was er erwartet hatte.

Auf der Suche nach einem alternativen Ansatz nahm Lewin Ideen der ersten Gestaltpsychologen auf. Diese gingen nicht wie die Assoziationisten von der gewohnheitsmäßigen psychischen Assoziation unzusammenhängender Einzelereignisse (heute würde man „Daten“ sagen) aus, sondern untersuchten die Wahrnehmung von Sinneinheiten (eben „Gestalten“).

Der Zusammenhang zwischen Experimenten und Theorie, den Lewin herstellte, ist einzigartig in der Psychologie und besonders interessant für alle, die der Erkenntnistheorie Ludwig von Mises’ folgen. Alle Lehrer Lewins waren, wie gesagt, Philosophen, darunter auch führende Kantianer. Lewin formulierte es als Aufgabe der Psychologie, Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens zu ermitteln. Diese seien einerseits empirisch zu überprüfen (mit Experimenten), andererseits aber nicht durch Empirie zu ermitteln. Alle Erkenntnis, hatte Kant statuiert, hebe mit der Erfahrung an, stamme aber nicht nur aus ihr. Für die Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten (bei Kant ging es dabei um Naturwissenschaft) seien Intuition und Logik erforderlich; ob die behauptete Gesetzmäßigkeit zutrifft, muss sich freilich in der Erfahrung beweisen lassen. Allerdings sind dafür keine Statistiken notwendig, ein geeignetes Experiment reicht – um das Fallgesetz zu beweisen, müssen nicht Mittelwerte einer Batterie von Experimenten vorgelegt werden. Kann diese Erkenntnistheorie auch für Sozialwissenschaften nutzbar gemacht werden? Ludwig von Mises (Ökonomik) und Kurt Lewin (Psychologie) bejahten diese Frage.

Es ist nun klar, dass in dem gegenwärtig herrschenden Wissenschaftsbetrieb, der zwischen reiner Empirie und beliebiger Essayistik schwankt, für diesen „praxeologischen“ Ansatz kein Platz ist.

Die beiden Hauptsätze der psychischen Dynamik, die sich aus den verstreuten Schriften Lewins rekonstruieren lassen, lauten Gegenwärtigkeit und Gerichtetheit des Verhaltens. Mit der Gegenwärtigkeit wandte Lewin sich sowohl gegen die Psychoanalyse als auch gegen den Behaviorismus, die, auf jeweils ganz unterschiedlichen theoretischen Hintergründen, annahmen, das in der Vergangenheit Gelernte sei die Determinante des gegenwärtigen Verhaltens. Lewin dagegen betonte, dass die jeweils gegenwärtigen Umstände zu betrachten seien, während das Gelernte nur begrenze, was dem Handelnden möglich sei, nicht aber bestimme, wie er sich innerhalb der Möglichkeiten entscheide. Dies ergibt sich begriffslogisch aus dem Konzept des Verhaltens selber. Wenn wir von Verhalten sprechen, muss die Fähigkeit gegeben sein, innerhalb einer Reihe von Möglichkeiten eine Entscheidung zu treffen; ansonsten läge nur eine automatische Reaktion vor (wie die Behavioristen es ja tatsächlich sehen). Die Entscheidung kann aber weder in der Vergangenheit gefällt worden sein (dann läge die gegenwärtige Reaktion bereits fest), noch kann sie in der Zukunft fallen (dann würde sie nicht jetzt wirksam sein). Der Zeitpunkt der Entscheidung ist immer die augenblickliche Gegenwart.

Die Grundformel des Verhaltens, die Lewin aufstellte, klingt einfach, ist aber höchst herausfordernd für die Humanwissenschaften: Verhalten sei stets die Funktion von Person und Umgebung. Nun rechnet es sich mit zwei Faktoren schwer, darum tendieren die Wissenschaften dazu, einen Faktor still zu stellen. Vereinfacht ausgedrückt, tendiert die Psychologie dazu, die Person zu untersuchen (und die Umgebung zu vernachlässigen), die Soziologie hingegen dazu, die Umgebung zu untersuchen (und die Person zu vernachlässigen).

Während Gegenwärtigkeit als Hauptsatz der psychischen Dynamik die Umgebung thematisiert, kommt mit der Gerichtetheit die Person zu Wort. Alles Verhalten ist darauf gerichtet, irgendetwas zu erreichen. Miseaners ist das geläufig, manche anderen Zeitgenossen haben allerdings Schwierigkeiten damit, diese Aussage zu akzeptieren. Aber auch die Gerichtetheit folgt begriffslogisch aus dem Konzept des Verhaltens. Ein Verhalten, das auf nichts gerichtet ist, würde schlicht nicht erfolgen. Die Entscheidung, etwas Bestimmtes aus der Reihe der fast unendlichen Möglichkeiten zu tun, hat irgendein Motiv, und das ist die Gerichtetheit des Verhaltens.

Eine wichtige Schlussfolgerung aus der Gerichtetheit des Verhaltens ist die Umgehungstendenz, wenn ein Hindernis bei der Ausführung auftaucht. Taucht zwischen dem Ziel, auf das das Verhalten der Person gerichtet ist, und dem Standort der Person ein Hindernis auf, wird die Person versuchen, das Hindernis zu umgehen, um das Ziel dennoch zu erreichen. Bis hierher einleuchtend und wenig sensationell? Mag sein. Doch der nächste Schritt der Folgerung hat es in sich, nämlich die kritische Untersuchung der Wirkung von Strafe und Lohn. Im Rahmen der Darstellung des Behaviorismus habe ich davon gesprochen, dass Strafe („negative Verstärkung“) behavioristisch gesehen problematisch ist, weil die Reaktion auf Strafe kein bestimmtes Verhalten sei, sondern sie vielerlei Formen annehmen könne. Mit Lewin lässt sich das genauer bestimmen: Die Strafdrohung wird immer dazu führen, dass die Person auf die eine oder andere Weise versucht, ihr Ziel dennoch zu erreichen, sei es durch Inkaufnahme der Strafe, sei es durch Betrug, sei es durch Verheimlichung, sei es durch eine Ersatzhandlung (dies letzte, die Ersatzhandlung, ist das, was die Psychoanalyse gern untersucht und „Sublimation“ nennt). Allerdings gilt die Umgehungstendenz auch für die Belohnung („positive Verstärkung“). Gemeint ist hier nicht der intrinsische Lohn, der sich in der Befriedigung durch die Zielerreichung einstellt, oder der Arbeitslohn, sondern eine sachfremde Belohnung, um jemanden dazu zu verlocken, anders zu handeln, als er es will. Wem das Rauchen verboten wird, der wird versuchen, heimlich zu rauchen. Wem eine Belohnung dafür versprochen wird, wenn er das Rauchen sein lässt, wird ebenso heimlich rauchen, um die Belohnung zu kassieren und gleichwohl den Genuss des Rauchens zu haben.

In den USA wandte sich Lewin der Erforschung von Gruppenprozessen zu, bei denen er ebenso wie beim individuellen Verhalten davon ausging, dass sie gewissen Gesetzmäßigkeiten folgen. Er scheute sich nicht, Aufträge von Behörden- oder Firmenseite anzunehmen, um das Verhalten von Gruppen in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen. Dies wird ihm von Kritikern als Versuch von Manipulation ausgelegt, mit einem gewissen Recht, wie ich meine. Lewin selbst sah es freilich nicht so: Eine Verhaltensänderung ohne Einsicht kann nicht stattfinden. Manipulation, sei es durch Strafdrohung, sei es durch Belohnungsversprechen, werde aufgrund der Umgehungstendenz immer ganz woanders enden, als es geplant und beabsichtigt gewesen sei.

Und das ist die gute Nachricht der Lewin’schen Psychologie, jedenfalls für Freiheitsfreunde: Das menschliche Verhalten ist nicht wirklich steuerbar, ausgenommen im Einklang von Person und Umgebung. Es bleibt individuell und ist für die Herrschenden letztlich nicht verfügbar.


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