22. März 2024

Libertäre Psychologie – Teil 5 Kurt Goldstein: Humanistischer Blick ins Gehirn

Die biologische Grundlage der Freiheit

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: der wilde bernd / Wikimedia Stele auf dem Gelände des Uniklinikums der Frankfurter Goethe-Universität: Würdigt Leben und Wirken Kurt Goldsteins

Kurt Goldstein (1878–1965) gibt der Auffassung, dass es keine andere Instanz gebe als das Individuum, das seine Lebensprobleme angemessen regeln könne, wie sie jedem Streben nach Freiheit letztlich zugrunde liegt, eine psychologische, ja biologische Fundierung. Wie Freud (Teil 1 der Serie) war Goldstein Arzt, wie Lewin (Teil 4 der Serie) hielt er eine enge Verbindung zur Philosophie, so stark, dass sein Hauptwerk „Der Organismus“ (1934) nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich von dem französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty in einer Buchreihe mit philosophischen Texten herausgegeben wurde. Anders als Lewin grenzte Goldstein die Psychologie nicht streng von der Biologie ab, wie auch der Titel seines Hauptwerks zeigt.

Goldsteins Interesse für die Psychologie wurde durch seine Arbeit mit hirnverletzten Soldaten während und nach dem Ersten Weltkrieg angeregt. Einer seiner Assistenten war Fritz Perls, der später die Gestalttherapie mitbegründete (Teil 6 der Serie). Indem man beobachte, welche Symptomen die Soldaten aufgrund ihrer spezifischen Verletzung herausbildeten, könne man etwas darüber erfahren, so lautete Goldsteins Annahme, wie das Gehirn funktioniere. Damit begründete er die Fachrichtung der Gehirnforschung, deren Bedeutung inzwischen stark zugenommen hat. Bei diesen Beobachtungen stieß Goldstein auf die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, gegenüber Schädigungen in irgendeiner Weise einen Ausgleich zu schaffen. Das Symptom, so verallgemeinerte Goldstein seine Beobachtung, sei nicht so sehr Ausdruck der Krankheit, als vielmehr eine Antwort des Organismus auf das gegebene Problem, wie unzureichend auch immer die Antwort ausfallen möge.

Mit dieser These gab Goldstein der Lewin’schen Umgehungstendenz eine umfassendere Struktur: Lewin hatte herausgearbeitet, dass jedes Verhalten, da es immer irgendein Ziel im Auge habe, dazu tendiere, auftretende Hindernisse umgehen zu wollen. Goldstein nun formulierte das übergeordnete Ziel: Der Organismus versuche, seine innere Ordnung gegenüber der Umgebung aufrechtzuerhalten. Dies nannte Goldstein „Selbstverwirklichung“. In biologischer und psychischer Hinsicht strebt der Organismus danach, seine Identität zu behaupten. Dieser Prozess, die eigene Identität zu behaupten, ist aufgrund der hohen Beweglichkeit der Umgebungsbedingungen niemals in einem Ruhezustand. Hier können wir getrost eine Parallele zu der Ökonomik der Österreichischen Schule ziehen: Der wirtschaftliche Gleichgewichtszustand ist eine Abstraktion, die zwar zu analytischen Zwecken sinnvoll sein mag, aber in der Wirklichkeit niemals angetroffen werden kann. Die Dynamik pendelt um den Gleichgewichtszustand, ohne ihn je zu erreichen. Genauso verhält es sich laut Goldstein mit dem Organismus: Er sucht nach der Balance zwischen inneren Bedürfnissen und von außen kommenden Einflüssen, aber wird zu keinem Zeitpunkt einen Zustand der völligen Entspannung erreichen.

Wie Lewin setzte sich Goldstein kritisch mit der biologischen und psychologischen Auffassung auseinander, die davon ausgeht, das Verhalten eines Organismus werde allein durch die Umweltreize gesteuert (Teil 3 der Serie). Ein Reiz trifft immer auf eine ganz spezielle Situation des Organismus, sodass er niemals die stets gleiche Reaktion erfährt. Nicht nur das. Die Umgebung des Organismus ist auch fortwährend von vielen unterschiedlichen Reizen angefüllt. Der Organismus muss aus diesem Meer von äußeren und inneren Reizen diejenigen auswählen, auf die er eine Antwort gibt. Den Prozess der Wahl zwischen den praktisch unendlichen Möglichkeiten nannte Goldstein die „Figurbildung“. Die Nähe des Figur- zum Gestaltbegriff liegt auf der Hand, sodass Goldstein retrospektiv gern der Gestaltpsychologie zugerechnet wird, ohne dass er jemals dem engeren Kreis der Gestaltpsychologen angehörte. Er und Lewin waren, um es einmal vorsichtig auszudrücken, alles andere als ziemlich beste Freunde. Inhaltlich gesehen, ist die Differenz freilich eher zu vernachlässigen. Goldsteins Darstellung der Dynamik von Figur und Grund entspricht genau Lewins Formel, Verhalten sei die Funktion von Person und Umgebung.

1934, als Goldstein sein Hauptwerk verfasste, befand er sich im Exil in den Niederlanden auf dem Weg in die USA. SA-Leute hatten ihn direkt nach der Machtübergabe an Hitler in Berlin verhaftet und misshandelt; doch gelang es einflussreichen Freunden, seine Freilassung zu erreichen. Dass jemand unter solch extremen Umständen in der Lage ist, sein Hauptwerk zu verfassen, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Leistung eines „Symptoms“, Probleme zu meistern. In den USA wurde der Literat und Anarchist Paul Goodman, neben Fritz Perls der andere Begründer der Gestalttherapie (Teil 6 der Serie), Goldsteins Englischlehrer. Goldstein arbeitete sowohl als Hochschuldozent als auch Arzt in privater Praxis. In den 1950er und Anfang der 1960er Jahre begleitete er wohlwollend die Entstehung der sogenannten „Humanistischen Psychologie“.

Bei der Lösung von Problemen kann es Hilfe (psychotherapeutisch gesagt: Support) durch andere Menschen geben; diese wird aber sofort unwirksam, wenn Zwang (etwa Strafandrohung) oder Manipulation (etwa Belohnungsversprechen) ins Spiel kommen. Der Organismus muss jeweils frei entscheiden können, was in seiner spezifischen Situation und in seiner spezifischen Sichtweise nützlich für ihn ist und was nicht. Maßnahmen von Zwang und Manipulation stehen niemals auf der Lösungs-, sondern immer auf der Problemseite: Sie stellen für den Organismus das Problem dar, sie entweder gegen den Willen des Täters in den Dienst der eigenen Bedürfnisse zu stellen oder sie zu umgehen. Wir können hier getrost eine Parallele zu F. A. Hayeks Begriffen der komplexen Phänomene und der spontanen Ordnung herstellen. Komplexe soziale Verhältnisse lassen sich nur durch (zwangfreie) spontane Ordnung regulieren. Zwang bleibt ihnen gegenüber immer unterkomplex, weil der Täter niemals alle speziellen (individuellen) Umstände in ihrer Ganzheit erfassen und berücksichtigen kann. Goldstein weist darauf hin, dass nicht erst das soziale Verhältnis, sondern bereits der Organismus zu komplex sei, um dessen Probleme anders als durch (zwangfreie) Selbstverwirklichung zu lösen.

Und weil gegenwärtig so wenig verstanden wird, dass es neben der zwanghaften auch eine zwangfreie Sozialität geben kann, will ich betonen: Die individualistische Sicht auf Biologie, Psychologie und Ökonomik des Menschen schließt freiwillige Gemeinschaft nicht aus, im Gegenteil, sie hat sie zum Ziel. Wer behauptet, die individualistische Sicht sei gesellschaftsfremd, setzt stillschweigend voraus, es gebe keine andere Möglichkeit, Gesellschaft herzustellen, als die Gewalt. Gegen diese Voraussetzung begehren wir auf.


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