30. März 2024

Wirtschaft Die deutsche Industrie wird erdrosselt

Rekordsubventionen helfen nicht

von Karl-Friedrich Israel

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Bildquelle: Karl-Friedrich Israel Nach der Finanzkrise kam es zu einer raschen Erholung: Doch seit der P(l)andemie bleibt Deutschland abgeschlagen

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der EU. Sie entspricht etwa einem Viertel der Gesamtwirtschaftsleistung der EU und liegt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt auf Rang vier der weltweit größten Wirtschaftsnationen, hinter den USA, China und Japan. Allerdings häufen sich die Nachrichten über die missliche Lage der deutschen Wirtschaft – und das völlig zu Recht. Seit Einführung des Euros ist das reale BIP in Deutschland im Durchschnitt um weniger als 1,2 Prozent pro Jahr gewachsen. EU-weit gab es eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 1,5 Prozent. Dass Deutschland im Gesamtwachstum im Vergleich zu anderen europäischen Ländern unterdurchschnittlich abschneidet, ist nicht verwunderlich. Das entspricht eher einem typischen Muster. Wenn unterschiedlich starke Volkswirtschaften zusammenwachsen, dann fällt das Gesamtwachstum in den schwächeren Regionen tendenziell höher aus. Es entsteht eine Art Aufholeffekt. Aber das Wachstum in Europa ist insgesamt auf einem niedrigen Niveau und die Tendenz ist eher sinkend.

Als Herz der deutschen Wirtschaft gilt immer noch ihre Industrie. Die Bruttowertschöpfung der Industrie, abzüglich des Baugewerbes, in Prozent des BIP beträgt seit 2014 durchschnittlich 22,6 Prozent. Sie macht also gut ein Fünftel der deutschen Wirtschaftsleistung aus. Dies liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von 18,1 Prozent und weit über dem Wert der nächstgrößten europäischen Volkswirtschaft, Frankreich, mit lediglich 12,4 Prozent. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre machte auch in Frankreich die Industrie noch rund ein Fünftel der Gesamtwirtschaftsleistung aus. In der Zwischenzeit hat sich die französische Volkswirtschaft weitgehend deindustrialisiert. Deutschland könnte diesem Trend schneller folgen als gedacht. Grund dafür ist nicht zuletzt die halsbrecherische Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre.   

Die erhöhten Energiepreise der letzten Jahre schlagen sich besonders negativ auf die Industrie nieder, da sie einen besonders hohen Energiebedarf hat. Es wird häufig argumentiert, dass Deutschland durch den Atomausstieg, der 2011 beschlossen wurde, in eine besonders hohe Abhängigkeit von Gas- und Öllieferungen aus Russland geraten ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Energiepreisanstieg in Deutschland stärker ausgefallen ist als in anderen Ländern. Auf integrierten Märkten wird die Energie immer dort verkauft, wo sie gerade am teuersten ist, weshalb überproportionale Preisanstiege in bestimmten Regionen tendenziell verhindert werden. Mit anderen Worten: Steigen in einem Land die Energiepreise, steigen sie überall. In Deutschland sind sie seit Februar 2021 um 53,2 Prozent gestiegen, im EU-weiten Durschnitt um 53,5 Prozent. Es hat die deutsche Volkswirtschaft also diesbezüglich nicht härter getroffen als andere europäische Länder. 

Und dennoch entwickelt sich die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahren, insbesondere im Bereich der Industrieproduktion, noch schlechter als der Rest der EU. Während der Disruption durch die Finanzkrise von 2008 sank die Industrieproduktion in Deutschland und der gesamten EU um etwa 25 Prozent. Sie erholte sich damals in Deutschland allerdings sehr viel schneller. Von ihrem Tiefpunkt im April 2009 stieg sie mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 8,6 Prozent bis zum Januar 2012 wieder deutlich über das Niveau von Januar 2007 hinaus. Im EU-Durchschnitt entsprach die jährliche Wachstumsrate über die gleiche Zeit nur 4,7 Prozent und die Industrieproduktion kam nicht auf das Vorkrisenniveau zurück. Die deutsche Industrie kam also erstaunlich gut aus der Krise. Der Rest Europas hinkte hinterher.

Der Einbruch, der sich im Zuge der Corona-Pandemie ereignete, war insgesamt noch etwas drastischer und das Muster während des Aufschwungs hat sich umgekehrt. Die Industrieproduktion brach um etwa 30 Prozent ein. Es gab eine schnelle, aber unvollständige Erholung von der Krise. Seit dem Einbruch hinkt Deutschland hinter dem Rest Europas hinterher und hat es bis heute nicht wieder auf das Niveau vor der Krise geschafft. Im Gegenteil, Deutschland setzt einem negativen Trend in der Industrieproduktion fort, der schon vor dem Corona-Einbruch begonnen hatte. Hier wirken sich insbesondere die Klimamaßnahmen der Bundesregierung aus, wie die sukzessive Abschaffung des Verbrennungsmotors und der Umstieg auf Elektromobilität. Die deutsche Automobilindustrie kann diese Verluste bislang nicht kompensieren.

Wie sollte man reagieren? Von allen Seiten wird der Ruf nach der Politik laut. Sie müsse nun endlich tätig werden. Das ist sie aber schon seit einer ganzen Weile. Wahrscheinlich ist sie nicht Lösung, sondern Ursache des Problems. Im Vergleich zum Durchschnittswert zwischen 1999 bis 2019 haben sich die jährlichen Subventionen für die deutsche Volkswirtschaft heute mehr als verdoppelt. Im Rekordjahr 2021 waren sie sogar auf mehr als das Dreifache angestiegen. Die deutsche Industrie wird damit zum Spielball eines planwirtschaftlichen Großprojekts. Die deutsche Industrie verliert ihre Wettbewerbsfähigkeit und wird in Bereiche umgelenkt, in denen sie unproduktiver ist, als es sonst der Fall wäre. Eine Weiterführung der Rekordsubventionierung wird nicht dabei helfen, die Industrieproduktion wiederzubeleben. Sie wird stattdessen das Problem verstetigen und die Zombifizierung und letztlich das Ende der einst florierenden deutschen Industrie besiegeln.  


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