02. April 2025 10:00

Effektiver Akzelerationismus Über „neoreaktionäre NRx’ler“ und Schumpeter’sche Veloziferik

Was ist ein „dunkler Maga“?

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: kkssr / Shutterstock (Hyper-) Beschleunigung der Welt: Ohne Rücksicht auf (menschliche) Verluste?

Auf einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps vom Oktober 2024 sagte Elon Musk: „Wie Sie sehen können, bin ich nicht nur Maga – ich bin dunkler Maga“ („Associated Press“, 6. Oktober 2024, „Elon Musk says he is ‚Dark Maga’ at Trump campaign rally“).

Was sich vielleicht anhören mag wie aus einem Fantasy-Epos, hat in Wahrheit mit sogenanntem „neoreaktionärem Akzelerationismus“ zu tun – dafür steht das Kürzel „NRx“ – sowie der sogenannten „Dunklen Aufklärung“ („Dark Enlightenment“), die auf den britischen Philosophen Nick Land zurückgeht. Möglichst knapp zusammengefasst, dreht sich diese Vorstellung um den Gedanken, dass bestimmte Veränderungen bewusst beschleunigt werden müssten – daher „Akzelerationismus“ – und das nötigenfalls auch durch radikale Zerstörung der bestehenden Verhältnisse. Man könnte auch von einer „Schumpeter’schen Veloziferik“ sprechen, da sein Prinzip der „kreativen Zerstörung“ absichtlich „überdreht“ werden sollte, um aus der Asche des Status quo die neue Ordnung wie einen Phönix aufsteigen zu lassen.

„Big Tech“-Milliardäre wie Peter Thiel, Elon Musk, Marc Andreesen von der Investmentgesellschaft „Andreesen & Horowitz“ oder auch Larry Ellison, Gründer des Softwarekonzerns „Oracle“, auf dessen Dienste US-Regierungen stark zurückgreifen, lassen sich zu dieser Denkrichtung zählen, die das bestehende System als unreformierbar ansehen und die Demokratie als äußerst fehlerhaftes Modell, das langfristig in den Niedergang führe. Land veröffentlichte 2012 seine Schrift „The Dark Enlightenment“, in der es hieß: „Die Dynamik der Demokratisierung ist grundsätzlich degenerativ: Sie konsolidiert und verschärft systematisch private Laster, Ressentiments und Mängel, bis sie das Niveau kollektiver Kriminalität und umfassender sozialer Korruption erreicht. Der demokratische Politiker und die Wählerschaft sind durch einen Kreislauf gegenseitiger Aufstachelung miteinander verbunden, in dem jede Seite die andere zu immer schamloseren Extremen des Gejohles, des tänzelnden Kannibalismus treibt, bis die einzige Alternative zum Schreien darin besteht, gefressen zu werden.“

Peter Thiel wiederum schrieb in seinem 2009 erschienenen Essay „The Education of a Libertarian“, die Aussichten darauf, das libertäre Ziel eines freien Marktes zu erreichen, seien „in der Tat düster“ und jeder Versuch, „die politische Klasse“ für sich zu gewinnen, sei ein „aussichtsloses Unterfangen“. Das existierende politische System sei bereits zu tief eingegraben, es sei schon zu sehr in Korruption, Nepotismus und seinem Selbsterhaltungstrieb versunken, sodass keine Möglichkeit mehr bestehe, die Mitglieder dieser politischen Klasse überhaupt noch zu erreichen und für Veränderungen zu begeistern.

Thiel argumentierte, dass ein zunehmender staatlicher Interventionismus zu einer totalitären Katastrophe führen würde, und bezeichnete den Begriff der kapitalistischen Demokratie als „Oxymoron“. Seiner Ansicht nach ist die „Sozialdemokratie“ das Produkt eines „gedankenlosen Demos“. Da sowohl die Demokratie als auch die Politik völlig gescheitert seien, bestünde „die große Aufgabe für Libertäre darin, einen Ausweg aus der Politik in all ihren Formen zu finden“. Mit anderen Worten ist für die „Neoreaktionären Akzelerationisten“, wie sie gemeinhin genannt werden, nicht nur die Demokratie, sondern der Untergang selbst dem Untergang geweiht. Deshalb plädieren einige ihrer bekanntesten „Stichwortgeber“ wie zum Beispiel der amerikanische Philosoph und Internet-Unternehmer Curtis Yarvin, der online unter dem Namen „Mencius Moldbug“ schreibt, für eine Umwandlung des Staates in ein „Regierungsunternehmen“, eine sogenannte „Gov-Corp“ (Government-Corporation), die von einem CEO, also einem „Vorstandschef“, geführt werden solle. Yarvin schrieb einmal, die amerikanische Demokratie müsse durch eine Monarchie mit Ähnlichkeiten zu Unternehmensführungsstrukturen ersetzt werden, und forderte einen „nationalen CEO oder einen sogenannten Diktator“. Er sagte ferner einmal, Amerikaner müssten ihre „Diktatorphobie“ überwinden.

Was eine mögliche zweite Trump-Regierung betrifft, die mittlerweile regiert, schrieb Yarvin auf seinem Blog bereits am 8. April 2022 unter dem Titel „The Butterfly Revolution“: „Trump selbst wird nicht das Gehirn dieses Schmetterlings sein. Er wird nicht der CEO sein. Er wird der Vorstandsvorsitzende sein – er wird den CEO (eine erfahrene Führungskraft) auswählen. Dieser Prozess, der natürlich im Fernsehen übertragen werden muss, wird bis zu seiner Amtseinführung abgeschlossen sein – und damit beginnt sofort der Übergang zur nächsten Regierung. Für Trump wird das Präsidentenamt genauso sein wie bisher – mit allen Fototerminen und mehr –, ohne irgendwelche Papiere zu unterzeichnen, ‚Entscheidungen‘ zu ‚treffen‘ und so weiter. Der CEO, den er auswählt, wird die Exekutive ohne jegliche Einmischung des Kongresses oder der Gerichte leiten und wahrscheinlich auch die Regierungen der Bundesstaaten und Kommunen übernehmen. Die meisten bestehenden wichtigen Institutionen, öffentliche und private, werden geschlossen und durch neue und effiziente Systeme ersetzt.“

Für die „Broligarchs“ (ein Kunstwort aus dem englischen „Brothers“ und „Oligarchs“), also die „Big Tech“-Milliardäre, ist Effizienz ohnehin das Wort eines „algorithmischen Gottes“: Dies ist die direkte Konsequenz aus ihrer technokratischen Denkschulung, in der die effiziente Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft unter einem obersten „Manager“ schon in den 1930er Jahren detailliert ausformuliert wurde. Wie definierte man dort „Effizienz“? Man orientierte sich dabei an den Konzepten des amerikanischen Ingenieurs Frederick Winslow Taylor, der in seinem Buch „The Principles of Scientific Management“ schrieb (erschienen 1919): „In der Vergangenheit stand der Mensch an erster Stelle; in Zukunft muss das System an erster Stelle stehen. Das beste Management ist eine echte Wissenschaft, die auf klar definierten Gesetzen, Regeln und Prinzipien als Grundlage beruht. Die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Managements sind auf alle Arten menschlicher Aktivitäten anwendbar, von unseren einfachsten individuellen Handlungen bis hin zur Arbeit unserer großen Unternehmen.“

Seine Philosophie der umfassenden Anwendbarkeit der „wissenschaftlichen Verwaltung“, die wiederum auf Szientismus beruhte, ging unter dem Schlagwort „Taylorismus“ in die Geschichte ein und bildete das gedankliche Fundament der US-Organisation „Technocracy, Inc.“. Ein weiterer wichtiger Faktor war der amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen. Auch er träumte von einer minutiösen sozioökonomischen Steuerung, wozu es jedoch erst mal nötig sei, so viele Daten wie möglich über die amerikanischen Bürger und ihr Verhalten zu sammeln. Im Wesentlichen kann man hier von einer Vorform der modernen Psychometrie sprechen, so wie sie heute algorithmusgesteuert in sozialen Netzwerken wie Facebook/Meta, Twitter beziehungsweise X und anderen abläuft.

Veblen sprach diesbezüglich von der Notwendigkeit der Schaffung eines „Sowjets der Ingenieure“; letztendlich sollten „die Hebel der Weltmacht“ in den Händen von wissenschaftlich-technischen Experten oder, in Veblens Worten, Ingenieuren „monopolisiert“ werden. Es würde im Rahmen dieses Beitrages zu weit führen, in alle Details zu gehen, aber eine hochinteressante Anekdote sei Lesern nicht vorenthalten: In Russland war es der extremistische Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Uljanow, gemeinhin bekannt als Wladimir Lenin, der in einer ebenfalls 1919 veröffentlichten Schrift schrieb: „Wir müssen in Russland das Studium und die Lehre des Taylor-Systems organisieren und es systematisch ausprobieren und an unsere Zwecke anpassen“ (aus: „The Soviets at Work. The International position of the Russian Soviet Republic and the Fundamental Problems of the Socialist Revolution“, veröffentlicht von der Rand School of Social Science, 7 East 15th Street, New York, 1919). Wohin dieses Denken in der UdSSR führte, muss nicht mehr erwähnt werden.

Der Kernpunkt ist: Die meisten der „Neoreaktionären“ (NRx’ler) folgen, wenn auch mit einigen Abweichungen, dieser Philosophie. Der gewichtige historische Unterschied ist: Früheren Eliten standen die dazu nötigen technischen Möglichkeiten noch nicht zur Verfügung (weshalb „Technocracy, Inc.“ auch relativ kurze Zeit nach ihrer Formierung entnervt aufgaben. Sie sahen keine Möglichkeit, ihre Vision umzusetzen). Den heutigen schon: Die heute verfügbare Rechnerleistung, erst recht in Verbindung mit KI-Systemen und der Fähigkeit, Daten global über das Internet quasi in Nullzeit zu erheben, zu sammeln und auszuwerten, lässt panoptische Dystopien leider in greifbare Nähe rücken.

Nun will ich einem Peter Thiel, Elon Musk oder Marc Andreesen nicht gleich vorwerfen, solche Absichten zu hegen, aber wenn ein Thiel angesichts seines Einflusses auf die Trump-Regierung zur technischen Entwicklung im Allgemeinen sagt, „Wir müssen die Welt übernehmen, wir dürfen jetzt nicht langsamer werden“, wird mir angesichts solcher akzelerationistischer Phantasien schon etwas mulmig. Oder wenn ein Curtis Yarvin alias Mencius Moldbug davon träumt, Delinquenten in einer virtuellen Realität einzusperren:  „Die beste humane Alternative zum Völkermord, die mir einfällt, ist nicht, die Schutzbefohlenen zu liquidieren – weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinne –, sondern sie zu virtualisieren. Ein virtualisierter Mensch befindet sich in permanenter Einzelhaft. Dies würde ihn in den Wahnsinn treiben, wenn die Zelle nicht eine immersive Virtual-Reality-Schnittstelle enthielte, die es ihm ermöglicht, ein reiches, erfülltes Leben in einer vollständig imaginären Welt zu führen.“

Oder wenn Oracle-Gründer Larry Ellison, Partner des „Stargate“-Projekts Trumps, davon träumt, die Gesundheitsdaten aller Welt in einer einzigen, einheitlichen Datenbank zu speichern oder die Bürger mittels Überwachungsstaats zum Zeigen ihrer Schokoladenseite zu „inspirieren“: „Die Polizei wird sich von ihrer besten Seite zeigen, weil wir alles, was vor sich geht, ständig beobachten und aufzeichnen … Jeder Polizeibeamte wird ständig überwacht werden … Die Bürger werden sich von ihrer besten Seite zeigen, weil wir alles, was vor sich geht, ständig aufzeichnen und melden.“

Nicht dass diese „Veloziferik“ der politisch dekretierten Hyperbeschleunigung dazu führt, dass der Mensch sich noch selbst überholt und im „Prometheischen Gefälle“ landet.

Bis nächste Woche.


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