Krieg gegen den Iran: Die Eskalation ist geplant – mindestens einkalkuliert
Wie üblich bei Kriegen werden wir viele Verlierer sehen. Weltweit.
von Christian Paulwitz drucken
Er hat es getan. Der Friedensnobelpreisträger der Herzen hat die US-Truppen zusammen mit dem israelischen Militär den Iran angreifen lassen. Nach der offiziellen Stellungnahme des US-Präsidenten und der fundamentalen Erkenntnis, dass es in der Politik niemals darum geht, worüber geredet wird, wissen wir zu den Ursachen des Krieges nur zwei Dinge genau: Es geht nicht um das Atomwaffenprogramm (den Scherz mit den Waffenvernichtungswaffen in den Händen eines Schurkenstaates kennen wir ja bereits), und es geht nicht um Menschenrechte in einem von einem totalitären Regime unterdrückten Volk. Das sind die Gründe, die man den Beifall-Klatschhasen der willigen Gefolgschaften hinwirft. Sie wurden bei Lichte betrachtet auch durch die Kriegshandlungen bereits widerlegt. Über die tatsächlichen Kriegsgründe kann man als Nicht-Einbezogener nur spekulieren.
Bereits im Juni 2025 dienten ja angeblich US-israelische Militärschläge dazu, iranische Nuklearforschungsanlagen zu zerstören. Ob der Iran tatsächlich ein militärisches Nuklearprogramm betreibt – aus iranischer Sicht betrachtet: durchaus nicht irrational – und wie weit er damit gekommen sein könnte, ist von unabhängiger Seite nicht bestätigt und kann naturgemäß auch nicht ausgeschlossen werden. Während USA und Israel damals mehr daran gelegen schien, ein Zeichen zu setzen als tatsächlichen Schaden zuzufügen, war der Iran auf der anderen Seite ebenfalls darum bemüht, die Sache nicht weiter eskalieren zu lassen und es seinerseits beim Setzen von Zeichen belassen zu wollen. Das Ganze wirkte sehr inszeniert, und zwar von beiden Seiten. So, als hätte man sich für eine Show verabredet. Am Ende blieb im Westen die Botschaft: iranische Angriffe können leicht abgewehrt werden und richten keinen großen Schaden an.
Was wir jetzt erleben, hat von der ersten Minute an eine ganz andere Qualität. In Teheran wurde der Präsidentenpalast angegriffen und offenbar dabei unter anderem Irans oberster Führer Ajatollah Chamenei getötet. Der Angriff auf das Führungspersonal solle einen Umsturz im Iran und dem Volk ermöglichen, das Mullah-Regime loszuwerden. Die Hoffnung, dass ein bislang über Jahrzehnte etabliertes Regime, dessen Führer ohnehin in einem Alter ist, in dem man nach einem geeigneten Nachfolger Ausschau hält, in den oberen Führungsebenen an massiver Personalknappheit leidet und zusammenbricht, wenn man ein paar Köpfe wegnimmt, scheint doch etwas naiv zu sein. Tatsächlich kann man einer Oppositionsbewegung aus dem Inneren vor einer möglichen Machtübernahme wohl kaum eine größere Hypothek auferlegen, als dass die Vorgänger der Macht durch einen ausländischen Terrorschlag hinweggenommen wurden. Wie soll eine Nachfolgerregierung aus vormals Oppositionellen Rückhalt im Land gewinnen, wenn sie mit ebenjenen ausländischen Kräften zusammenarbeitet? – Letztlich mag niemand Kollaborateure. Die Befriedung eines Landes durch einen Regimewechsel zu erreichen, mag zwar nicht unbedingt zu den Stärken amerikanischer Geopolitik zählen, war aber vielleicht auch in der Vergangenheit nicht immer das primäre Ziel.
Doch klar erkennbar geht es nicht nur um den Iran, sondern um die Region – und vielleicht auch mehr. Natürlich war zu erwarten, dass der Iran nach der Vorgeschichte der letzten Wochen sich vorbereiten würde und bei erkennbar existenziellen Angriffen gegen ihn eskalieren würde. Die europäischen Regierungschefs tragen auf der Weltbühne ihre ganze Bedeutungslosigkeit zur Schau, indem sie – wie Friedrich Merz – als Reaktion auf die Kriegshandlungen den Iran dazu auffordern, die Militärschläge gegen Israel und andere einzustellen. Eine lächerlichere Forderung im aktuellen Kontext kann man sich kaum vorstellen. Was will er damit eigentlich sagen und dokumentieren? Dass er brav ist? – Hat hier jemand „völkerrechtswidrig“ gesagt? Wie laut doch ungesagte Worte schreien können, wenn sie einem vorher ständig ungefragt ins Ohr gebrüllt wurden. – Was die europäischen Regierungen zur Entwicklung sagen, interessiert niemanden. Doch werden sie mit den Folgen zu tun bekommen. Nicht nur durch neue Flüchtlingsströme, auch durch die Auswirkungen auf den internationalen Handel und die Rohstoffkanäle. Die Straße von Hormus ist faktisch geschlossen, eine der wichtigsten Verkehrsrouten für den weltweiten Ölhandel. Die Drohnenangriffe des Iran haben die Drehkreuze des internationalen Flugverkehrs wie Dubai und Doha ausfallen lassen – für wie lange?
Aber was tatsächlich hinter den Kulissen abläuft und wohin die Fäden eigentlich gezogen werden, ist eben reine Spekulation. Im November stehen die Midterm-Wahlen in den USA an. Entweder ist die Niederlage der Republikaner bereits einkalkuliert und „höhere“ Interessen gehen vor; Trump kann ja ohnehin keine weitere Amtszeit dranhängen. Oder der Regimewechsel im Iran wird sich so ähnlich abspielen wie in Venezuela. Dann macht halt ein „anderes“ Mullah-Regime einen Deal mit den USA, verspricht keine Atomwaffen zu bauen und lieb zu seinem Volk zu sein, damit sich Trump auf die Schultern klopfen kann. Der Preis wird hinter den Kulissen bezahlt, und die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit werden irgendwo anders hingelenkt und nicht mehr auf ein unterdrücktes Volk im Iran.
Was sagen dann eigentlich Trumps Cheerleader dazu, wenn das Mullah-Regime am Ende doch nicht weggebombt, sondern durch ein anderes ersetzt wird? – Keine Sorge, sie werden es großartig finden, wie alles, was er macht. Dann ist er nun aber wirklich reif für den Friedensnobelpreis, oder etwa nicht? Was er wert ist und bedeutet, wissen wir ja spätestens seit Obama.
Aber derzeit sieht es nicht nach einem schnellen Show-Wechsel aus. Die Zeichen stehen auf Eskalation. – An der „Inflation“, der allgemeinen Teuerung, ist jetzt nicht nur Putin schuld, sondern auch die Mullahs. – Deal?
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