Skeptizismus und Glaube: „All You Need Is Love“ und das Scheitern der säkularen Moral
Warum wissenschaftlicher Humanismus das Christentum nicht ersetzen kann
Im Januar 1955 erschütterte eine zweiteilige Radiosendung das Geistesleben in Großbritannien. Und zwar auf Dauer. In zwei halbstündigen Lesungen rüttelte die Humanistin und Psychologin Margaret K. Knight an den Grundfesten der britischen Gesellschaft. Sogar ins Ausland strahlte die Wirkung ihrer Worte, zumindest bis nach Deutschland. Das erklärte Ziel der Sendung war, aufzuzeigen, dass im Hinblick auf die moralische Erziehung der Kinder der auf Atheismus beruhende wissenschaftliche Humanismus besser sei als christlich fundierte Unterweisung.
In einer Rede im Jahr 2019 sagte die damalige Vorsitzende der Organisation Humanists UK, Alice Roberts, dass der Historiker Callum Brown, der sich auf die Erforschung der Säkularisierung von Gesellschaften spezialisiert hat, dieses Medienereignis als einen bedeutenden kulturellen Wendepunkt betrachtet – vergleichbar mit dem Prozess gegen die Veröffentlichung des Romans „Lady Chatterleys Liebhaber“ im Jahr 1960 –, der den Wandel Großbritanniens von christlichen zu säkularen Normen beschleunigte. In den 1960er- und 1970er-Jahren nahmen religiöse Sendungen ab, während humanistische und säkulare Stimmen an Einfluss gewannen.
Knight bekam nach ihrer Sendung tausendfach Post, ablehnende wie zustimmende. Eine zustimmende Botschaft kam aus Deutschland: „Bitte nehmen Sie die Dankbarkeit eines unbekannten Mannes entgegen, der in Ihrem Vortrag den Anbruch einer neuen Epoche gesehen hat, die auf der einfachen Erkenntnis beruht: Gutes zu tun, weil es gut ist, und nicht, weil man nach dem Tod eine Belohnung erwarten muss. Da ich selbst Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückung war, bin ich der Meinung, dass wir alle unseren Kindern im tiefsten Interesse künftiger Generationen die höchsten ethischen Werte vermitteln müssen, die auf Tatsachen und nicht auf Legenden beruhen.“
Die Hauptthese Knights aus dem Jahr 1955 ist diese: Im gegenwärtigen „geistigen Klima“, das sich „hin zur Wissenschaft“ gewendet habe, befinde sich die christliche Religion in der Defensive. Diese habe sich daraufhin bezüglich ihrer Existenzberechtigung auf das folgende Argument zurückgezogen: Man bräuchte die Religion als Instrument der moralischen Erziehung. Insbesondere im Kontext der 1950er Jahre, im Hinblick auf die Gefahr des Kommunismus. Sollten, so sagten damalige Christen laut Knight, die derart erzogenen Kinder erwachsen geworden die Religion ablegen, werde die Charakterbildung dennoch tief eingewurzelt und Menschen zu guten sozialen Wesen erzogen worden sein.
Zu der grundsätzlichen Frage, ob und inwiefern es ein Fehler der christlichen Religion war, sich auf den reinen Moralerziehungsposten zurückzuziehen, gehe ich weiter unten ein. Zunächst weiter mit Knight. Sie konterte, dass das Kind, wenn es die Religion ablegt, durchaus auch die damit einhergegangene Moralvorstellungen ablegen könnte. Sie brachte jedoch keinen Beleg, wie weit verbreitet, also relevant, dieses Phänomen war. Das aber nur nebenbei.
Erstaunlich ist etwas anderes: Der Zirkelschluss, der der Behauptung der Überlegenheit der wissenschaftlich-humanistischen Kindererziehung zugrunde liegt. Und die Leichtigkeit, glaubt man dem Historiker Brown, mit der diese Argumentation wirkte. Eine weitere Humanistin, Marilyn Mason, schrieb 2004 über die Sendung Knights: „Vorhersehbarer waren vielleicht die Erleichterung und Dankbarkeit, die einige ihrer ‚gottlosen‘ Briefpartner zum Ausdruck brachten, darunter viele Lehrer und Eltern (‚Endlich spricht jemand die Dinge aus, die wir schon so lange empfinden‘, ‚Es war, als würde man eine Kerkerpforte öffnen‘).“
Hier der Zirkelschluss: Die große Frage sei, so Knight, warum wir moralisch handeln – also uneigennützig an andere denken – sollten. Sie beantwortet diese Frage mit der nach eigenen Angaben „humanistischen“ Aussage: „Weil wir von Natur aus soziale Wesen sind.“ Mit anderen Worten: Wir sollen uns sozial verhalten, weil die Wissenschaft sagt, dass wir soziale Wesen sind.
Dass das nicht ausreicht, um ein Kind zu sozialem Verhalten zu erziehen, wusste auch Knight. Sie leugnete auch nicht, dass es bösartige Neigungen im Menschen gibt. Aber den Zirkelschluss durchbrach sie nicht. Stattdessen gab die Psychologin einen praktischen Rat. Angesichts der Tatsache, dass „ein großer Teil der Neurotiker und Straftäter Menschen sind, denen in ihrer Kindheit normale Zuneigung vorenthalten wurde“, empfahl Knight, „dem Kind eine feste, sichere Grundlage an Zuneigung zu bieten, damit es niemals daran zweifelt, dass es geliebt und gewollt ist.“ Das ist ihrer langen Rede kurzer Sinn: „All you need is love“, wie die Beatles zwölf Jahre später zeitgeistgerecht dichteten.
Das Problem dabei, das Knight völlig ausklammert: Aus verschiedensten Gründen können oder wollen nicht alle Eltern ihren Kindern die nötige Zuneigung bieten. Was dann? In Fällen, wo die weitere Familie nicht einschritt, boten früher Kirchen und kirchlich finanzierte Einrichtungen Waisen und verstoßenen Kindern Aufnahme. Diese institutionelle Zuneigung war lange eines der großen Alleinstellungsmerkmale der christlichen Religion. Es beschleunigte in der Antike ihre Verbreitung, insbesondere unter Frauen. Zum Sterben ausgesetzte Säuglinge – damals ein Alltagsphänomen – wurden aufgenommen und gepflegt. Warum taten die Christen das? Ihre Handlung beruhte auf der berühmten Aussage von Jesus, die Kinder zu ihm kommen zu lassen. Und natürlich auf das alttestamentarische Gebot gegen das Morden. In einer Zeit, als etwa mit Gladiatorenkämpfen das gegenseitige Töten zum Spektakel erhoben wurde, war der Schutz von verlassenen oder vernachlässigten Kindern eine ungeheuerliche, gegenkulturelle Innovation. Aber neben diesen Geboten gab es eine noch grundlegendere Motivation, auch dazu mehr weiter unten.
Wer sich um verstoßene oder verlassene Kinder kümmern soll, wenn es die Kirche nicht mehr tut, wenn keiner mehr der christlichen Religion anhängt, spricht Knight nicht an. Wir dürfen daher ihre Argumentationslücke füllen. Die kirchenbefreite „Lösung“ ist offensichtlich. Entweder werden die Kinder sich selbst überlassen, oder der Staat nimmt sich der Kinder an. Mit entsprechenden Resultaten – willkommen in der Gegenwart.
Wenn es den Staat nicht gäbe, würde dann eine Organisation „spontan“ entstehen, die sich um die Kinder kümmerte? Die Erfahrung der Antike spricht ebenso eher dagegen wie bis vor kurzem die Geschichte des Rests der nichtchristianisierten Welt. Die Kirchen und der Glaube an den menschgewordenen Gott und seine Gebote fungierten, in der Sprache der Chaostheorie, als Attraktoren, die eine spontane Ordnung zugunsten eines wirksamen Kinderschutzes zustande brachten – und vieler anderer Dinge. Dinge, die unsere Zivilisation noch immer ausmachen, aber zunehmend aufgrund der Schwäche der christlichen Religion und durch Kontakt mit und Einfluss durch den als Erlöserersatz betrachteten Staat beschädigt oder zur Unkenntlichkeit entstellt werden.
Der Grundfehler in Knights Vorstellungswelt ist dieser: Wenn die Wissenschaft feststellt, dass dieses und jenes gut für uns ist, heißt das noch lange nicht, dass wir aufgrund dieser Feststellung dieses und jenes auch tun. Kommen wir also zur Grundmotivation, die genau jenes Tun förderte.
Die Motivation für Kindesschutz und andere zivilisationsbildende Maßnahmen kam vom Glauben, dass man, wenn man den christlichen Geboten folgte, einen Beitrag dazu leistete, das Leben auf der Erde dem des vorgestellten Reichs Gottes annäherte. Das ist und bleibt die Stärke der christlichen Religion. Aufgrund dieser Motivation wurde im Christentum – und nur hier – etwa die Sklaverei geächtet. Humanistische „Religionen“ wie der Kommunismus und der Wokismus versuchen, genau diese Motivation ohne Gott herzustellen. Sie scheitern damit regelmäßig nicht nur, sondern erreichen oft das genaue Gegenteil. Aber solange sie es ernsthaft versuchen, sind sie weit attraktiver für die Menschen als ein Humanismus, der glaubt, allein die Wissenschaft wird’s schon richten. Die Vermutung liegt nahe, dass sie attraktiver sind, gerade weil sie, jedenfalls mit ihrer Intention, der Wahrheit näher sind.
Woher kam aber die Schwäche der einst so wirkmächtigen christlichen Religion? Das hat zum einen mit dem Aufkommen des Darwinismus zu tun. Wie schon zuvor während der Hochzeit der Aufklärung zog sich das Christentum aufgrund dessen auf eine Lückenfüllerrolle zurück. Nach dieser Hochzeit der Aufklärung besannen sich viele Wissenschaftler wieder darauf, dass Glaube nicht der Lückenfüller des Wissens ist, sondern dessen Grundlage. Das wird nach dem Darwinismus wieder geschehen.
Es ist bereits absehbar, dass sich der Darwinismus nicht mehr lange als Allzweckerklärer halten wird. Dass die Erzählung von der Makroevolution wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist, hat sich zwar unter Naturwissenschaftlern weit und breit herumgesprochen. Aber solange der Staat gut davon lebt, dass Menschen glauben, sie seien nur ein Zufallsprodukt und sie daher der Führung gütiger und weiser Bürokraten bedürfen, wird er diese Erzählung genauso fördern wie die vom katastrophalen menschengemachten Klimawandel, angeblich wirksamen Coronamaßnahmen und anderes, ebenso unwissenschaftliches Zeugs. Und Häretiker entsprechend abstrafen.
Zum anderen hat die gegenwärtige Schwäche des Christentums viel damit zu tun, dass viele Christen derzeit weitgehend einer falschen, von platonischer Philosophie beeinflussten Interpretation der Vorstellung vom Himmelreich anhängen. Nämlich dass man lediglich dadurch, man im irdischen Privatleben „gut“ ist, nach dem Tod in den Himmel kommt. Eine genauere Betrachtung der Bibel legt jedoch zutage, dass uns eine Aufgabe gegeben wurde, die Erde und die Menschheit auf die Rückkehr von Jesus vorzubereiten. Das bedeutet in der Praxis, unseren Teil zu der in der Offenbarung vorhergesagten Erneuerung von Himmel und Erde beizutragen. Teil dieser nach der Rückkehr Jesu vollständig erneuerten Erde werden laut dieser Vorstellung jene sein, die im ersten Leben nach Möglichkeit einen Beitrag dazu geleistet haben.
In Phasen, als letztere Vorstellung vorherrschte, machte der Westen tatsächlich große Fortschritte, was in christlicher Sprache Fortschritte in Richtung irdisches Himmelreich oder Reich Gottes bedeutet. Die Calvinisten des 17. Jahrhunderts hatten genau diese Vorstellung und segneten deshalb den von anderen Christen verteufelten Zins – verteufelt, weil sie in der Frage mehr auf Aristoteles als Jesus achteten. Diese Gutheißung des Zinses und die hohe Wertschätzung der Arbeit durch die Calvinisten bereitete den Boden für die Industrielle Revolution. Die ebenfalls vom Calvinismus beeinflusste Erweckungsbewegung im 18. Jahrhundert in Großbritannien und den USA gab den letzten Anstoß dazu. Das Ergebnis war der welthistorische Ausbruch aus der malthusianischen Falle ewig wiederkehrender, massiver und tödlicher Hungersnöte.
Der Humanismus à la Knight, Roberts, Mason und anderen reichte vielen Menschen, um ein schwachbrüstiges Christentum abzulegen, das einen wesentlichen Bestandteil seines Glaubens vergessen hatte. Menschen suchen aber nach Sinn und Zielen in ihrem Leben und orientieren sich daher an etwas, das die Dimensionen ihres eigenen Lebens überschreitet. Wenn es nicht das Christentum ist, wird es etwas anderes sein. Interessant, dass die darin gegenwärtig „erfolgreichsten“ Bewegungen – im Sinne von Anhängerschaft, nicht im Sinne von Zielerreichung – entgöttlichte Versionen des Christentums waren und sind. Interessant auch, dass ihre Bemühungen zum Gegenteil dessen führten und führen, was das Christentum lange erfolgreich versprach.
Wenn das Christentum sich wieder auf eine bibelgerechte Eschatologie – die Lehre von den „letzten Dingen“ – besinnt, die nicht nur „nach dem Tod“ eine „Belohnung“ allein für passives Gutsein im Privaten verspricht; auf eine Eschatologie, die wie früher eine Entwicklung zu mehr Freiheit, Frieden und Wohlstand fördert, dann werden diese Christentumsnachahmer dauerhaft zurückgedrängt werden. Dann werden die meisten erkennen, dass „all you need is love“ bestenfalls ein frommer Wunsch, wenn nicht gar ein Betrug ist. „Love“ ist nicht „all you need“. Grundlegender ist ein Glaube, der in der realen Welt nachweislich gute, lebensfördernde Ergebnisse erzielt. Dann klappt es nicht nur für eine größere Zahl wieder mit der Liebe, jedenfalls langfristig, sondern auch mit der Wissenschaft und einer freiheitlichen und wachsenden Wohlstand schaffenden Gesellschaftsstruktur.
Quellen:
Margaret Knight on the BBC Home Service, 1955; humanists.uk
Christians Wrong About Heaven, Says Bishop; Time Magazine, web.archive.org
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