Neid und Missgunst: Wie Hochkulturen von innen zerstört werden
Meine Tochter, ein Minecraft-Server und das vergiftete Herz der Gesellschaft
von Oliver Gorus drucken
Beim Abendessen fragte ich meine schon fast erwachsene Tochter, ob sie denn noch auf dem Minecraft-Server unterwegs sei, von dem sie mir vor Wochen erzählt hatte. Es handelte sich dabei um einen deutschsprachigen Server, auf dem viele Gamer in einer Minecraft-Welt jeweils ihre eigenen Parzellen zugewiesen bekommen und dann dort ihre Gebäude errichten können. Darüber hinaus gibt es dann noch eine gemeinsam genutzte Burg, wo es auch Tauschbörsen für Rohstoffe und diverse Einrichtungen gibt, wo die Spieler miteinander interagieren.
Natürlich gibt es dort auch Regeln und einen Stab von Administratoren, die für Ordnung sorgen, und die Eigentümerin des Servers hat in Streitfällen das Monopol auf die Letztentscheidung, hat also in etwa die Stellung eines mittelalterlichen Königs.
Ich weiß deshalb von dieser Welt, weil ich mich mit meiner Tochter lange darüber unterhalten hatte, wie die Architektur einer Kathedrale, eines Münsters oder Doms funktioniert. Wir haben gemeinsam Grundrisse und Fotos von realen Kirchen angeschaut: Welche typischen Bestandteile es gibt, Langhaus, Seitenschiffe, Vierung, Chor und Apsis, Türme und Filialen, wie die Säulen und Gewölbe konstruiert sind, die bunten Fenster, die Dächer, die Proportionen, die Varianten: Kölner Dom, Ulmer Münster, Freiburger Münster, das Münster Unserer Lieben Frau in Konstanz, Mailänder Dom, Notre Dame, La Sagrada Familia … Über mehrere Abende hinweg haben wir die Architektur berühmter Kirchen analysiert. Meine Tochter hat Grundrisse skizziert, Fassadenteile zur Probe gebaut, verschiedene Baustoffkombinationen ausprobiert, recherchiert … denn ja, sie wollte auf ihrer Parzelle auf dieser Minecraft-Welt eine Kathedrale bauen!
Der Bau zog sich dann über mehrere Wochen hin, der Turm musste zweimal komplett abgerissen und wieder neu gebaut werden, damit die Proportionen zum Langbau und zum Portal stimmten. Es war ein umfangreiches Projekt mit vielen Details bis hin zu den Wasserspeiern … und es wurde großartig! Ich bekam nach Fertigstellung eine ausführliche Führung durch das riesige Gebäude. Und ich war ganz schön stolz auf meine Tochter.
An diesem Abend, als ich sie danach fragte, sagte meine Tochter mir aber: Nein, sie sei nicht mehr auf dieser Welt. Und dann erzählte sie mir, was passiert war: Sie sei eines Abends wieder auf den Server gegangen, aber ihre Kathedrale war weg. Stattdessen war ihre Parzelle leer, unbebaut.
Sie fragte direkt bei der Eigentümerin des Servers, was los sei. Antwort: Ja, sie habe die Kathedrale entfernt.
Warum?
Weil es Beschwerden gegeben hatte. Mehrere User fanden die Kathedrale viel zu groß. Daneben würden ihre Gebäude zu klein sein und nicht zur Geltung kommen.
Ja, und?
Na, die hatten gedroht, dass sie das Spiel verlassen, wenn die Kathedrale nicht entfernt wird.
Und dann hatte sie die Kathedrale entfernt. Und meine Tochter könne ja einfach etwas Neues bauen. Etwas kleineres eben.
So war das.
Und das erinnert mich auf frappierende Weise an unsere reale Welt in unserer „Gesellschaft“, wie sie sich bis heute entwickelt hat: Der Neid, der alles durchdringt. Die Leistungsfeindlichkeit, die jede Kreativität und Produktivität vergiftet. Die Fühlis, die wichtiger sind als die Fakten. Das Hintenrum, das Melden und Denunzieren statt direkter Gespräche zwischen Konfliktparteien. Der Hang zur Erpressung und zum Sich-erpressen-lassen. Das Unrecht, das gesprochen wird, um es denen recht zu machen, die am meisten Druck machen. Und vor allem: Die Führungsschwäche der Leute, die Machtposten haben.
Die Extremisten, Neider und Kulturzerstörer gibt es nämlich überall, es sind die Nachfolger Kains, die unverdiente Ergebnisgleichheit einfordern. Sie gehören zur Menschheit genauso wie die Nachfolger Abels, von deren gottgefälligen Werken Zivilisationen und Hochkulturen errichtet werden.
Das Problem ist nicht, dass es außer Schöpfern auch Neider gibt. Die gibt es nun mal. Das Problem ist, dass die amtierende Mitte der Gesellschaft, die Bürger, die die Posten bekleiden und eigentlich die Macht hätten, sich nicht trauen, den Nachfolgern Kains die Steine aus der Hand zu schlagen, sondern sie gewähren lassen – ja, sie machen bisweilen sogar noch mit bei dem vergifteten Spiel, aus Feigheit und aus purem Opportunismus.
Sie stellen sich nicht schützend vor die Produktiven, sie sprechen nicht Recht, um Fairness walten zu lassen und allen gleiche Bedingungen zu gewähren, sondern sie beugen das Recht um des kurzfristigen Vorteils willen. Sie nehmen den Produktiven die Früchte der Arbeit und verteilen sie an die Unproduktiven um. Sie opfern den Fortschritt und den Wohlstand von morgen beschwichtigend dem kleinen Frieden von heute. Sie bekämpfen den, der mit zu guten Ergebnissen das Mittelmaß stört, damit sie angesichts ihrer eigenen schwachen Erfolgsbilanzen nicht beschämt werden. Sie werfen die Macher, die Schaffer, die Leistungsträger vor den Bus, damit die Jakobiner besänftigt werden und keinen Schaden anrichten.
Was passiert mit Gesellschaften, in denen die bürgerliche Mitte Appeasement gegenüber Minderleistern und Extremisten begeht?
Meine Tochter verschenkte alle ihre Rohstoffe und ihre wertvolle Rüstung an einen Mitspieler und meldete sich umgehend von dem Server ab. Es gibt noch andere Server, auf denen gute Leute besser behandelt werden. Und es gibt auch noch andere Games.
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