31. März 2026 11:00

Freiheitsverkostung Schopenhauer lesen … und Konsequenzen ziehen

Wie ist das mit dem Willen?

von David Andres drucken

Grabanlage von Arthur Schopenhauer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gewann A 24)
Bildquelle: Wikipedia / Wiki Commons Grabanlage von Arthur Schopenhauer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gewann A 24)

Kürzlich hatte ich beruflich eine beträchtliche Strecke zurückzulegen und gönnte mir zu diesem Zweck sogar einen Mietwagen, um mein altes Schätzchen zu schonen. Die bereits an dieser Stelle verkostete Deutsche Bahn kommt für mich kaum noch in Frage, der ebenfalls schon getestete Benziner schlägt sie allein schon ob der Freiheit der Fahrtzeit sowie meinen geliebten Rasthöfen. Stundenlang auf der Piste holte ich mittels Spotify, das auch schon in der Kolumne vorkam, kanonische Bildung nach. Ich hörte erstmals im Leben vollständig Schopenhauers Schlüsselwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“.

Mit stoischer Konsequenz und selbstbewusster Redundanz verfolgt dieses Werk einen Gedanken, eine einzige These: Der Mensch ist nicht frei. Oder zumindest nicht in dem Sinne, wie er es gern wäre. Alles, was wir tun, denken, wünschen, fürchten und hoffen, ist Ausdruck eines tieferliegenden Prinzips: des Willens. Dieser Wille ist kein bewusster Entschluss, kein frei gewähltes Ziel, sondern eine Art blinder Antrieb. Er will immer etwas – und kaum ist dieses Etwas erreicht, will er bereits das Nächste. Zufriedenheit ist niemals zu erreichen, bestenfalls eine kurze Pause zwischen zwei Begehrlichkeiten. Die Welt selbst können wir niemals in ihrer äußeren Realität wahrnehmen, sie erscheint uns nur als Vorstellung – geformt durch die Perspektive unseres persönlichen Willens. Was wir für Wirklichkeit halten, ist bereits durch unsere inneren Triebe gefiltert. Ein ziemlich düsteres Angebot für eine Freiheitsverkostung, doch gerade deshalb ein interessantes.

Grad der staatlichen Einmischung

Äußerst niedrig. Schopenhauers Philosophie kommt ohne Staat, ohne Gesetze, ohne Institutionen aus. Sie zwingt niemanden, sie schreibt nichts vor, sie reguliert nichts. Im Gegenteil: Sie entzieht sich vollständig jeder äußeren Struktur. Würde sich der Mann mit Thomas Hobbes an einen Tisch setzen, griffen sie aneinander vorbei, als wäre die Wirklichkeit des einen für den anderen jeweils unsichtbar. Doch auch mit unseren freiheitlichen Vordenkern käme der Großmeister des Pessimismus kaum zurecht, weil für sein Denkmodell gar keine Rolle spielt, ob und inwieweit die Politik den Menschen einschränkt. Die Einschränkung kommt in unserem Dasein schließlich nicht von außen, sondern von innen. Der „Zwang“ ist nicht politisch, sondern existenziell. Der Wille ist immer da, immer wirksam – und niemand kann sich ihm entziehen.

Grad der Freiwilligkeit

In Schopenhauers Philosophie selbst gibt es gar keine Freiwilligkeit. Zu seinen berühmtesten Zitaten gehört der Satz: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Denker, welche dem Menschen nicht völlig die Möglichkeiten sowie die Verantwortung freien Handelns absprechen wollen, suchen einen Mittelweg und sagen: Gut, der Wille macht in uns, was er will, aber wir haben die Möglichkeit, uns zu dessen Impulsen zu verhalten. Einige Neurowissenschaftler würden dies komplett verneinen, jeder „Mindset-Coach“ würde es umgekehrt komplett bejahen. Schopenhauer selbst war von fernöstlicher Philosophie beeinflusst und nahm daher die Idee, dass Leben immer Leiden ist (also immer der Mangel, dass irgendein Bedürfnis nicht befriedigt ist), ohne den Ausweg, den damals schon der Buddhismus oder heute westliche Achtsamkeitsmodelle wie jene von Eckhart Tolle bieten, anzuerkennen. Also die Chance, sich vom Willen, vom Ego, von der Anhaftung zu lösen. Der Grad der Freiwilligkeit, Schopenhauer zu lesen oder es sein zu lassen, ist naturgemäß hoch. Niemand muss sich damit auseinandersetzen.

Doch sobald man sich ernsthaft auf seine Philosophie einlässt, entsteht eine gewisse Unentrinnbarkeit. Falls seine Diagnose stimmt, dann ist selbst die Entscheidung, sich mit ihr zu beschäftigen, bereits vom Willen vorbestimmt worden – in meinem Fall womöglich von einer Prägung, den „Kanon“ noch unbedingt vollständig wahrnehmen zu müssen, während meine Lebenszeit verrinnt.

Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit

Schopenhauer reduziert die menschliche Freiheit auf ein Minimum. Alles geht zurück auf einen Mechanismus, der sich seiner Kontrolle entzieht. Man kann sich bewegen, aber nicht bestimmen, warum man sich bewegt. Die klassische libertäre Vorstellung – das autonome Individuum, das aus freiem Willen Entscheidungen trifft – wird hier radikal infrage gestellt. Freiheit existiert, wenn überhaupt, nur in sehr schmalen Momenten: etwa in der ästhetischen Betrachtung, im Kunstgenuss oder in einer asketischen Distanz zum eigenen Begehren. Da spielen dann sowohl Kants „interesseloses Wohlgefallen“ hinein als auch besagte Ablösungstechniken des Buddhismus. Unterm Strich entsteht niemals Bewegungsfreiheit im üblichen Sinne, sondern nur ein kurzes Innehalten im Getriebensein.

Reversibilität

Eingeschränkt. Wer Schopenhauer einmal verstanden hat, kann ihn schwer wieder „nicht verstehen“. Seine Gedanken haben die unangenehme Eigenschaft, sich festzusetzen. Sie verändern den Blick auf das eigene Handeln, auf Wünsche, auf Zufriedenheit, beißen sich fest. Man kann sich davon ablenken, andere Philosophien lesen und sich wieder pragmatisch dem Leben zuwenden. Doch es bleibt ein Rest der Skepsis bei allem, was man gerade macht. Einmal gelesen und verstanden, lässt sich Schopenhauer kaum mehr aus dem Geist entfernen, da sein Denken immer sagen kann: Dass du jetzt wieder von mir wegwillst, das hast du auch nicht frei gewählt. Ein perfider Kreis der Selbstreferenz.

Freiheitsgrad: 38 Prozent

Schopenhauer ist kein Freiheitsversprechen, sondern eher eine Freiheitsdiagnose, eine sehr ernüchternde. Zugleich liegt in dem Gedanken, dass unsere vermeintlich freien Entscheidungen möglicherweise nur Ausdruck eines inneren Zwangs sind, eine paradoxe Form von Freiheit. Wer versteht, dass er getrieben ist, kann zumindest beginnen, sich davon ein Stück weit zu distanzieren. Nicht, indem er den Willen abschafft, sondern indem er ihn durchschaut. Einen anderen Ausweg böte die christliche Religion. Wie heißt es schließlich dort? Nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe. Die Hinwendung zum Göttlichen wäre somit der Ausweg aus der menschlichen Selbstversklavung. Aber das wäre Thema für eine eigene Kolumne.

Quellen:

Arthur Schopenhauer – „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Gelesen von Volker Braumann (Spotify)

Kann der Mensch wollen, was er will? (Hohe Luft)


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