Gesellschaft: Zurückrudern, Umfallen, Kriechen
Über die Lieblingsdisziplinen eines neuen deutschen Bürgertums, das lernte, den Kotau zu lieben
von Thomas Jahn drucken
Zurückrudern, Umfallen, Kriechen: Diese drei Sportarten sind leider die neuen politischen Lieblingsdisziplinen eines sich aufgeklärt und tolerant gerierenden Bürgertums geworden. Das der Publizist Ulf Poschardt in seinem neuen Buch zurecht als „Bückbürgertum“ bezeichnet.
Dieses Bückbürgertum und die es repräsentierenden Funktionseliten und politischen Parteien zeichnen sich durch Konformismus, Untertanengeist und inzwischen leider auch durch eine schier grenzenlose Unterwerfung unter einen vermeintlich herrschenden linken Zeitgeist aus. Die tragikomische oder paradoxe Seite dieser Unterwerfung besteht darin, die eigene Kapitulation und den ihr vorausgehenden Frontalangriff linker Kulturkämpfer, aus lauter Angst, ausgegrenzt zu werden, vollständig zu ignorieren.
Der etwas gebildetere Teil des Bückbürgertums argumentiert, dass die Zeit des linken Klassenkampfs ja längst vorbei sei. Marx ist tot, die Sowjetunion und ihre kommunistischen Bruderstaaten untergegangen und China, der neue kapitalistische Star im Welthandel. Doch tatsächlich ist der linke, totalitäre Ungeist nie verschwunden. Die rote Schlange hat sich nur mehrfach gehäutet und präsentiert sich mal grün oder in den Farben des Regenbogens. Was früher als angeblicher Kampf für eine vermeintlich unterdrückte Arbeiterklasse ausgegeben wurde, ist heute ein Kulturkampf gegen die Identität westlicher Nationen und die Herabwürdigung des Individuums, vor allem durch Beschränkung auf sein Geschlecht oder neuerdings auf seine sexuelle Orientierung. Das Menschenbild der linken ist eindimensional, denn in der linken Ideologie ist das wichtigste Merkmal einer Person ihre Gruppenzugehörigkeit. Dies war früher die Klasse, heute die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die Sexualität. Linke glauben, dass alle Aspekte des Lebens von der Gruppenzugehörigkeit eines Menschen bestimmt werden. Ein Angehöriger einer dieser Gruppen ist per se Opfer und muss von den vermeintlich heldenhaften Linken gerettet werden. Dass dieses Menschenbild fundamental dem einst von christlichen Traditionen geprägten Selbstverständnis freier Bürger widerspricht, die historisch betrachtet in Deutschland spätestens 1848 den Untertanengeist abschütteln und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollten, haben vor allem die Politiker jener, vermeintlich bürgerlicher Parteien nicht verstanden, die in Regierungsverantwortung mit immer neuen Zugeständnissen an die linksautoritären Garden die politische Speerspitze des Bückbürgertums bilden.
So vollzog die in Bayern regierende CSU vor wenigen Tagen den Kotau vor der lauten „Queer“-Lobby und legte für alle Ministerien einen sogenannten „Aktionsplan Queer“ vor, der im Wesentlichen die Meinungsfreiheit weiter einschränkt, diverse Umerziehungsmaßnahmen für Polizisten, Lehrer und natürlich für die Lehrpläne der Schüler beinhaltet und frisches Steuergeld für die einschlägigen NGO-Funktionäre zur Verfügung stellt. Doch die Regenbogenlobby, die man eigentlich beschwichtigen wollte, erwies sich als undankbar. Der Aktionsplan sei unzureichend, vor allem die Queer-Propaganda an den Schulen sei nicht präventiv genug, wie es der „Bayerischer Rundfunk“ am 16.06.2026 zu berichten wusste. Das wichtigste und perfideste Anliegen der linken Queer-Lobby hat die CSU aber natürlich erfüllt: Es sind die neuen zahlreichen Gessler-Hüte, die alle brav grüßen müssen, die sich als Beamte, Schüler oder Studenten fest im Griff des bayerischen Staates befinden. Schon der Untertitel auf dem Cover des Aktionsplans „Konsequent gegen Hass“ macht klar, wohin die Reise geht: Es ist bei weitem nicht genug, einfach nur jeden Lebensentwurf eines jeden Menschen zu respektieren. Man muss ihn auch noch gut finden, vor allem die omnipräsenten Regenbogenbanner und die turnusmäßigen Aufmärsche der „woken Community“. Wer lästert, abseitssteht oder andere Meinungen vertritt, macht sich verdächtig, Hass und Hetze zu verbreiten, wie weiland Leute, die die Paraden zum 1. Mai in der DDR schwänzten.
Das Bückbürgertum findet sich auch in den beiden christlichen Kirchen in Deutschland. Vor allem das Funktionärschristentum in beiden Kirchen kämpft vorbildlich gegen alles, was linken ein Dorn im Auge ist, vor allem gegen Rechts. So fasste zum Beispiel die Bundesversammlung der katholischen Kolping-Bewegung schon im November 2025 den Beschluss, dass eine Mitgliedschaft in der AfD mit der Zugehörigkeit zum Kolpingwerk unvereinbar sei. Dass es nicht Vertreter der AfD, sondern solche linker Parteien sind, die immer wieder ihre Abneigung gegen das Christentum betonen, scheint den Funktionären der Kolpingbewegung entgangen zu sein. Auch dass sich ihr Gründer Adolf Kolping im bewussten und diametralen Gegensatz zu Karl Marx gesehen hat, der Religion als Opium des Volkes verhöhnte und die Familie als Keimzelle vermeintlich rückwärtsgewandter Menschen zerstören wollte.
Ein weiteres Opfer des Bückbürgertums wurde auch Michael Genniges. Er war bis 2021 Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Bamberg und engagierte sich für Verständigung und gegen Antisemitismus. Als erfolgreicher Buchhändler war er Mitinitiator des Literaturfestivals Bamlit in Bamberg und schuf mit seiner Arbeit über Jahrzehnte einen Treffpunkt für Literatur, Austausch und Begegnung. Der Bezirkstagspräsident des Bezirks Oberfranken Henry Schramm (CSU) verlieh Michael Genniges daher vor kurzem die Ehrenmedaille in Silber des Bezirks Oberfranken. Anschließend verlangte eine „Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg“, dass man Herrn Genniges die Ehrenmedaille wieder aberkennen solle. Was war geschehen? Michael Genniges ist Mitglied der AfD und saß einige Jahre als Fraktionsvorsitzender dieser Partei in einem örtlichen Kommunalparlament. Jetzt prüft man, angelehnt an Angela Merkels Forderung „Diese Wahl muss rückgängig gemacht werden“, wie man Herrn Genniges die Medaille wieder aberkennen könne. Und auch Oberfrankens CSU-Bezirkstagspräsident Henry Schramm zeigt sich zerknirscht und einsichtig. Er versicherte, dass er sein Abstimmungsverhalten natürlich selbstkritisch hinterfragen wolle.
Mut, Bürgerstolz und Selbstbewusstsein scheinen Tugenden aus längst vergangener Zeit geworden zu sein. Mit diesem Kotau-freudigen Bürgertum hat die Linke wirklich ein mehr als leichtes Spiel. Sie treibt eine immer noch größtenteils schweigende Mehrheit geistig vor sich her, zwar noch nicht körperlich, wie in den 60er-Jahren die berüchtigten, wildgewordenen Roten Garden der maoistischen Kulturrevolution in China harmlose Bürger, denen man mangelndes Klassenbewusstsein unterstellte. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Die Linksjugend hat dieser Tage schon einmal mit Porträts von Stalin, Mao und Honecker geübt.
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